Urteil: Kleine Kliniken dürfen extrem frühgeborene Babys behandeln

Weniger als 1250 Gramm: Ärzte behandeln extrem frühgeborene Babys an der Grenze zwischen Leben und Tod. Um die Qualität zu sichern, sollten nur noch Kliniken die Kinder behandeln, die mindestens 30 Fälle jährlich betreuen. Doch das Bundessozialgericht hat die Vorgabe jetzt für nichtig erklärt.

Frühgeborenes im Inkubator: Mindestfallzahl war zu willkürlich festgelegt Zur Großansicht
Corbis

Frühgeborenes im Inkubator: Mindestfallzahl war zu willkürlich festgelegt

Kassel - Wenn sie auf die Welt kommen, sieht man Frühgeborenen auf den ersten Blick an, dass sie eigentlich noch Zeit im Mutterleib vor sich gehabt hätten. Die Haut ist nahezu durchsichtig, bläulich schimmern Gefäße durch, der Brustkorb hebt und senkt sich hektisch bei jedem angestrengten Atemzug.

Je kleiner die Frühchen auf die Welt kommen, desto schwieriger wird der Kampf von Ärzten und Pflegekräften um das Leben der Kleinstkinder. Mittlerweile gelingt es bereits, Säuglinge nach nur 22 Wochen im Mutterleib zu retten, wenn auch zum Preis großer Gesundheitsrisiken. Die schwierigste Gruppe von Frühchen wiegt bei der Geburt weniger als 1250 Gramm - um sie hat sich ein jahrelanger Streit zwischen Krankenhäusern und dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) entfacht, der am Dienstag vom Bundessozialgericht zugunsten kleiner Kliniken entschieden worden ist.

Um die Qualität der Frühgeborenenversorgung zu verbessern, hatte der GBA 2010 festgelegt, dass nur noch solche Krankenhäuser die extrem leichten Frühchen behandeln sollten, die mindestens 30 dieser Kinder jährlich versorgen. Doch diese Mindestmenge ist jetzt nichtig - es gilt wieder die alte Grenze von mindestens 14 Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm jährlich.

Keine wissenschaftliche Grundlage für die Mindestmenge

Das Gericht begründet seine Entscheidung, der GBA habe die Erhöhung der Mindestmenge nicht ausreichend wissenschaftlich untermauert. Die Sterblichkeit frühgeborener Kinder sinke nicht linear mit steigenden Zahlen behandelter Kinder, schreibt das Gericht in einer Pressemitteilung.

Damit haben kleine Krankenhäuser sich vor Gericht durchgesetzt: Sie hatten bereits 2011 vor dem bundesweit für Streitfälle dieser Art zuständigen Landessozialgericht Berlin-Brandenburg gegen die Neuregelung geklagt. Das Bundessozialgericht entschied jetzt in der vom GBA angestrengten Revision - und bestätigte das Urteil des Landessozialgerichts.

Laut Bundesgericht war die Behandlungsqualität in Kliniken mit 14 bis 29 extrem leichten Frühgeborenen den Auswertungen nach vergleichbar mit den Zahlen größerer Zentren. Zudem könne die erhöhte Mindestmenge die Behandlungsqualität in einzelnen Regionen Deutschlands gefährden: Dürften kleine Kliniken in Landstrichen ohne ein Zentrum mit mindestens 30 Fällen pro Jahr die extrem leichten Frühgeborenen nicht mehr behandeln, müssten Betroffene lange Wege in das nächste Perinatalzentrum auf sich nehmen.

Das Gericht forderte den GBA indirekt auf, selbst für wissenschaftlich untermauerte Daten zu sorgen, die eine bessere Behandlungsqualität belegen, wenn in einem Zentrum mehr Frühgeborene behandelt werden. Der GBA-Vorsitzende Josef Hecken kündigte an, weiter für eine Mindestgrenze zu kämpfen. "Das Bundessozialgericht hat entschieden, dass die Mindestgrenze zulässig ist und nur die Höhe infrage gestellt. Wir müssen nun neue Studien generieren, die eine höhere Festlegung ermöglichen", sagte er.

100.000 Euro für ein extrem leichtes Frühgeborenes

Die Kliniken hatten argumentiert, die Leistungen für die Frühchen kämen auch größeren Kindern zugute. Sie hatten auch befürchtet, lukrative Patienten zu verlieren. Mit der Versorgung eines Frühgeborenen verdient eine Klinik nach Angaben des Landessozialgerichts von 2011 mehr als 100.000 Euro.

Die Deutsche Kinderhilfe erklärte, die Entscheidung der Richter werde Leben kosten. Das Urteil nutze "den wirtschaftlichen Interessen von kleinen Kliniken und gefährdet konkret das Leben der Allerkleinsten", sagte Vorstandssprecherin Julia Hofmann. Dagegen begrüßte die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Urteil. "Wenn der Gemeinsame Bundesausschuss das Instrument der Mindestmenge weiterentwickeln will, muss er für die Krankenhäuser, die erwiesenermaßen eine gute Ergebnisqualität haben, Ausnahmen schaffen."

Auch der Frühgeborenen-Spezialist Andreas Flemmer von der Abteilung für Neugeborenen-Intensivmedizin an der LMU München bedauert die Entscheidung des Bundessozialgerichts. Allerdings gehe es letzten Endes nicht nur um eine medizinische, sondern auch um eine politische Entscheidung.

"Wir haben eine unglaubliche Zahl von Zentren für die Versorgung kleinster Frühgeborener, die alle speziell geschultes Personal benötigen, das wir auf lange Sicht nicht mehr haben. Hier muss politisch entschieden werden, weil es um Ressourcen geht", sagte Flemmer SPIEGEL ONLINE. Eine extreme Frühgeburt sei normalerweise kein völlig überraschendes Ereignis, so Flemmer. Es müssten praktikable Lösungen für die Schwangeren und die Kliniken gefunden werden, wie Frauen während Risikoschwangerschaften betreut und bei absehbaren Problemen in ein Perinatalzentrum verlegt werden könnten. Nach der anfänglichen intensiven Versorgung in wenigen großen Zentren, so Flemmer, könnten die Kinder anschließend in Kliniken nahe des Wohnortes betreut werden.


Aktenzeichen: B 1 KR 34/12 R

dba/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Vorsicht
der_pirat 18.12.2012
Ich finde die Entscheidung richtig, weil ansonsten kleine Kliniken aus logischen Gründen niemals Frühgeborene behandeln dürfen. Allerdings gehe ich ich bei Eingriffen so vor, dass ich mir eine Klinik suche, die Erfahrung mit der Behandlung hat. Zuletzt im letzten Jahr. Da habe ich bewusst nach einer Klinik gesucht, die den entsprechenden Eingriff routinemäßig durchführt. Da war es mir auch egal, wie weit die Klinik entfernt ist. Meine Gesundheit geht mir vor. Aber das hat auch eine andere Seite: Man ist nur eine "Nummer" und ob man sich bei der OP Mühe gibt oder einfach nur ein Stück Fleisch bearbeitet kann auch ich nicht sagen... Aber es ist prima verlaufen und ich kann nur sagen: Daumen hoch! Meine Kinder würde ich jedenfalls in einer größeren Klinik mit Routine auch bei Zwischenfällen besser aufgehoben empfinden.
2. es ist doch Sache der Eltern...
oui 18.12.2012
und nicht der Gesellschaft, für den Nachwuchs zu sorgen! viele heiraten und vermehren sich viel zu spät, nur um sich in der Zwischenzeit zu bereichern (oder nachzuholen, was wirtschaftlich nachzuholen ist, wenn man ein langes Studium absolvierte! Ja, heute verdient nunmal der Klempner mehr, und wer das nicht kapiert hat, ist sein langes Studium nicht würdig... auch hat ihm oft sein Elternhaus bis dahin nichts entbehren lassen!) Frühchen gibt es besonders, seit. an sich, Oma's ... ... Erstgeborene kriegen... meine Frau hat ihr erstes Kind mit 25 und ihr 2. mit 29 bekommen, sie wogen beide fast 4,5 kg und es war derart leicht, dass das 2. ambulant geboren wurde! Heute sind sie beide erwachsen, und sind fertig mit dem besten langen Studium, das sie eingeschlagen haben. Wir gingen insgesamt 20 Nächte in Familien Urlaub innerhalb von 20 Jahren ihrer Kindheit, um uns diese beste Erziehung unserer Kinder zu leisten, und heute wollen uns Nutzniesser schröpfen, indem sie allgemeines Geld begehren, weil sie keine vernünftige Familienplanung hatten! Schande auf diese perverse intellektuellen Leute!). ich will nicht ihre Rechte einschränken! planen sie aus Altergründen eine schwierige Geburt, dann sollen sie sie eben, was sie kostet, selber bezahlen...
3. Hmm
der_pirat 18.12.2012
Zitat von ouiund nicht der Gesellschaft, für den Nachwuchs zu sorgen! viele heiraten und vermehren sich viel zu spät, nur um sich in der Zwischenzeit zu bereichern (oder nachzuholen, was wirtschaftlich nachzuholen ist, wenn man ein langes Studium absolvierte! Ja, heute verdient nunmal der Klempner mehr, und wer das nicht kapiert hat, ist sein langes Studium nicht würdig... auch hat ihm oft sein Elternhaus bis dahin nichts entbehren lassen!) Frühchen gibt es besonders, seit. an sich, Oma's ... ... Erstgeborene kriegen... meine Frau hat ihr erstes Kind mit 25 und ihr 2. mit 29 bekommen, sie wogen beide fast 4,5 kg und es war derart leicht, dass das 2. ambulant geboren wurde! Heute sind sie beide erwachsen, und sind fertig mit dem besten langen Studium, das sie eingeschlagen haben. Wir gingen insgesamt 20 Nächte in Familien Urlaub innerhalb von 20 Jahren ihrer Kindheit, um uns diese beste Erziehung unserer Kinder zu leisten, und heute wollen uns Nutzniesser schröpfen, indem sie allgemeines Geld begehren, weil sie keine vernünftige Familienplanung hatten! Schande auf diese perverse intellektuellen Leute!). ich will nicht ihre Rechte einschränken! planen sie aus Altergründen eine schwierige Geburt, dann sollen sie sie eben, was sie kostet, selber bezahlen...
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann muss man Kinder möglichst früh bekommen. Können Sie sich vorstellen, dass einige "intellektuelle" Menschen das erst ins Auge fassen, wenn sie: - ausreichend Geld haben, um ihren Kindern auch eine Zukunft zu bieten und - einen Partner haben, mit dem sie auch alt werden wollen Das hat für die Kinder auch einen Vorteil: - den Kindern geht es gut und sie können sich auf ein Elternhaus verlassen, dass sie auffängt und in dem Geschrei nicht vorkommt und - die Kinder gefördert werden, wo es geht. Aber Sie würden es gut finden, wenn eine Frau mit 16 die Ausbildung abbricht, um ein Kind zu bekommen von einem Mann, der 35 ist und bereits drei Kinder hat, um die er sich nicht kümmert oder kümmern kann. Wo ist denn Ihrer Meinung nach der Vorteil, wenn man mit 25 Jahren Kindern bekommt und nicht erst mit 35?
4.
corvus cornix 18.12.2012
Zitat von ouiund nicht der Gesellschaft, für den Nachwuchs zu sorgen! viele heiraten und vermehren sich viel zu spät, nur um sich in der Zwischenzeit zu bereichern (oder nachzuholen, was wirtschaftlich nachzuholen ist, wenn man ein langes Studium absolvierte! Ja, heute verdient nunmal der Klempner mehr, und wer das nicht kapiert hat, ist sein langes Studium nicht würdig... auch hat ihm oft sein Elternhaus bis dahin nichts entbehren lassen!) Frühchen gibt es besonders, seit. an sich, Oma's ... ... Erstgeborene kriegen... meine Frau hat ihr erstes Kind mit 25 und ihr 2. mit 29 bekommen, sie wogen beide fast 4,5 kg und es war derart leicht, dass das 2. ambulant geboren wurde! Heute sind sie beide erwachsen, und sind fertig mit dem besten langen Studium, das sie eingeschlagen haben. Wir gingen insgesamt 20 Nächte in Familien Urlaub innerhalb von 20 Jahren ihrer Kindheit, um uns diese beste Erziehung unserer Kinder zu leisten, und heute wollen uns Nutzniesser schröpfen, indem sie allgemeines Geld begehren, weil sie keine vernünftige Familienplanung hatten! Schande auf diese perverse intellektuellen Leute!). ich will nicht ihre Rechte einschränken! planen sie aus Altergründen eine schwierige Geburt, dann sollen sie sie eben, was sie kostet, selber bezahlen...
Mal abgesehen davon, daß Ihr Beitrag am Thema vorbeigeht: Was bitteschön hat das Alter der Mutter mit dem Geburtsgewicht des Kindes zu tun? Sie wissen schon, daß man von ein/zwei selbstbezogenem Erleben nicht auf die Allgemeinheit schließen kann, oder? Unser erstes Kind bekam meine Frau mit 18J, die Kleine wog 3100g, Kind 2 bekam sie mit 36J, das wog 4100g, Kind 3 (4400g) mit 39J, Kinder 4&5 (je 2400g) mit 41J; alle fünf (auch die Zwillinge) übertragen und per Einleitung. Sollen wir jetzt daraus schließen, daß "alte" Frauen schwere Kinder bekommen? Und was Frühgeborenenzentren mit Bereicherung/Egoismus der entsprechenden Eltern zu tun haben, erschließt sich mir gleich gar nicht. Zum Thema: Es ist eine schwierige Entscheidung, vor allem die willkürliche Gewichtsgrenze ist fraglich. Aber wo soll der Strich gezogen werden, soll überhaupt ein Strich gezogen werden? Viele Frühgeburten "kündigen" sich an; in einem solchen Fall ist das Aufsuchen größerer (auch weiter entfernter) Zentren nicht wirklich ein Problem. Aber was ist mit "spontanen" Frühchen? Täte es denen gut, in einer Klinik auf die Welt zu kommen, die nicht wirklich Erfahrung haben, nur weil sie keine Erfahrung haben dürfen ... ? Was tun in ländlichen Gebieten, wieviel Weg ist einer "panischen" Schwangeren zuzumuten.
5.
aqw 18.12.2012
Zitat von der_piratIch finde die Entscheidung richtig, weil ansonsten kleine Kliniken aus logischen Gründen niemals Frühgeborene behandeln dürfen. Allerdings gehe ich ich bei Eingriffen so vor, dass ich mir eine Klinik suche, die Erfahrung mit der Behandlung hat. Zuletzt im letzten Jahr. Da habe ich bewusst nach einer Klinik gesucht, die den entsprechenden Eingriff routinemäßig durchführt. Da war es mir auch egal, wie weit die Klinik entfernt ist. Meine Gesundheit geht mir vor. Aber das hat auch eine andere Seite: Man ist nur eine "Nummer" und ob man sich bei der OP Mühe gibt oder einfach nur ein Stück Fleisch bearbeitet kann auch ich nicht sagen... Aber es ist prima verlaufen und ich kann nur sagen: Daumen hoch! Meine Kinder würde ich jedenfalls in einer größeren Klinik mit Routine auch bei Zwischenfällen besser aufgehoben empfinden.
Spezialisten sind gefragt. Überall. Selbst sie Schlauberger suchen sich wie Sie schreiben mit Bedacht die Klinik aus. Das wird für das Frühchen in der Regel schwieriger sein. Ein absurdes Urteil das im Zweifel Leben kosten wird.
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