Medizinischer Fortschritt Mutter werden mit Mutters Gebärmutter

Vor wenigen Jahren klang es noch wie eine Fantasie: Heute haben bereits vier Frauen ein Kind zur Welt gebracht, nachdem ihnen eine Gebärmutter transplantiert wurde.

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Mutter mit Baby (Symbolbild): Bereits vier der Patientinnen haben ein Kind zur Welt gebracht
Corbis

Mutter mit Baby (Symbolbild): Bereits vier der Patientinnen haben ein Kind zur Welt gebracht


Es war eine Patientin, die Mats Brännström auf die Idee brachte. Können Sie mir nicht eine Gebärmutter implantieren?, fragte sie den Arzt; das war im Jahr 1998. Das Organ musste der jungen Frau wegen einer Krebserkrankung entfernt werden, aber ihr Kinderwunsch war groß. Der Gynäkologe konnte ihr nicht helfen. Die Idee ließ ihn jedoch nicht mehr los.

Im Herbst 2014, nach vielen Jahren Forschung, kamen in Schweden die ersten Babys zur Welt, deren Mütter von genau diesem Eingriff profitiert hatten - durchgeführt von Brännström.

Über die erste Geburt berichtete das Team um den Spezialisten von der Universität Göteborg im Fachmagazin "The Lancet". Inzwischen sind vier Kinder geboren. Eine fünfte Patientin ist schwanger, der Stichtag ist im Januar, berichtete Brännström kürzlich auf dem Kongress des Dachverbands Reproduktionsbiologie und -medizin in Hamburg.

Es ist ein medizinischer Fortschritt, der unglaublich klingt. Und der durchaus ethische Fragen aufwirft: Darf man Spenderin und Empfängerin der mit Risiken behafteten Transplantation zu unterziehen, obwohl hier kein Leben verlängert wird - wie etwa durch Herz-, Nieren- oder Lebertransplantationen? Wenn es lediglich darum geht, dass sich eine Frau ihren Lebenswunsch erfüllen kann, selbst Mutter zu werden? In Schweden hat man das mit ja beantwortet. In den USA planen Ärzte in den kommenden Jahren ebenfalls Transplantationen - allerdings nicht von lebenden Spenderinnen, sondern von Toten, wie die "New York Times" vor wenigen Wochen berichtete.

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass sich mehrere deutsche Experten extrem skeptisch zum Thema Gebärmuttertransplantation geäußert hatten. Es sei weit entfernt von der ethischen Umsetzbarkeit und einer vorstellbaren Realität, ist eines der Zitate in einem Artikel auf SPIEGEL ONLINE aus dem Jahr 2007. Damals hatte ein Chirurg in den USA angekündigt, er plane solche Eingriffe. Deutsche Ärzte vermuteten, es werde "sicherlich eine komplikationsreiche Schwangerschaft" und sagten, "mit solchen Experimenten darf man Frauen keine falschen Hoffnungen machen".

Falsche Hoffnungen haben Brännström und Kollegen nicht gesät - und sie haben auch nichts überstürzt. Bevor sie die ersten Frauen operierten, perfektionierten sie die Methode in Tierversuchen. Zuerst prüften sie bei Mäusen, ob die Transplantation überhaupt glückt. Später verfeinerten sie die Prozedur bei Schweinen und Schafen. Um die OP bei einem Tier mit möglichst ähnlicher Anatomie zu erlernen, unterzogen sie Paviane der Prozedur. Und sie untersuchten bei Ratten, ob es Auswirkungen auf die Nachkommen hat, wenn diese in einer transplantierten Gebärmutter heranwachsen.

Ohne diese Tierversuche, sagt Brännström, wäre es nicht möglich gewesen, das Verfahren zu entwickeln.

Transplantat auf Zeit

Erst nach all diesen Versuchen hat das Team um Brännström in einer ersten Studie insgesamt neun Frauen eine Gebärmutter transplantiert. Sie waren zwischen 27 und 38 Jahre alt und hatten allesamt keinen Uterus. Acht der Frauen waren so geboren worden, bei der neunten musste das Organ wegen einer Krebserkrankung entfernt werden.

Sie alle hatten selbst eine Spenderin mitgebracht: in fünf Fällen die Mutter, in je einem Fall auch eine Tante, Schwester, die Schwiegermutter sowie eine langjährige Freundin der Familie. Als Spenderinnen, so erklärt Brännström, kamen nur Frauen infrage, die selbst ein Kind zur Welt gebracht und ihre Familienplanung abgeschlossen hatten. Mehrere Spenderinnen hatten die Wechseljahre schon hinter sich. Das Organ zu verlieren, sei gesundheitlich kein Problem, sagt Brännström. Die Gebärmutter produziere keine Hormone, erfülle keinen weiteren Zweck jenseits der Menopause.

Nach der Transplantation entwickelten die Patientinnen einen regelmäßigen Monatszyklus. Die Ärzte griffen allerdings auf künstliche Befruchtung zurück. Beim Einpflanzen der Gebärmutter hatten sie diese nicht mit den Eierstöcken verbunden, unter anderem, um nicht das Risiko einer Eileiterschwangerschaft einzugehen. Die Eizellen für die in-vitro-Fertilisation hatten sie den Patientinnen vor der Transplantation entnommen.

Natürlich bergen die Operationen Risiken: Eine der Spenderinnen entwickelte eine Fistel, die entfernt werden musste. Und bei zwei Empfängerinnen musste die Gebärmutter aufgrund von Komplikationen wieder entnommen werden, bevor eine künstliche Befruchtung möglich war.

Damit ihr Körper die fremde Gebärmutter nicht abstößt, müssen die Frauen Medikamente schlucken, die ihr Immunsystem unterdrücken - wie alle Menschen, die mit einem transplantierten Organ leben. Der Unterschied zu anderen Organempfängern: Sobald die Frauen wie gewünscht Mütter geworden sind und keine weiteren Kinder wollen, können Ärzte die Gebärmutter wieder entfernen. Dann können auch die Immunsupressiva abgesetzt werden. Bei einer der neun Patientinnen ist dies bereits passiert.

Nicht jede der Schwangerschaften verlief ohne Komplikationen, zwei der Frauen entwickelten eine durchaus gefährliche Präeklampsie - sie besaßen allerdings auch beide nur eine Niere. Aber die geborenen Kinder sind allesamt gesund und ihren Müttern geht es ebenfalls gut.

Viele Frauen betroffen

Brännström und Kollegen planen, 2016 ein Zentrum zu eröffnen, in dem europäische Patientinnen, die eine Spenderin haben, sich dem Eingriff unterziehen können. Er schätzt die Kosten für Operationen und Nachsorge auf mindestens 50.000 Euro pro Patientin.

In Deutschland leben, schätzt Brännström, etwa 15.000 Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die keine Gebärmutter haben. Es ist also kein seltenes Phänomen - auch wenn sicher nicht jede von ihnen eine Transplantation in Betracht ziehen würde.

Die Zukunft sieht der Arzt allerdings nicht im heutigen Verfahren. Er glaubt, es wird lediglich einen Zwischenschritt markieren, bis man in der Lage ist, aus Zellen der Patientinnen eine Gebärmutter zu züchten.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt kein Risiko für Spenderinnen, es ist keine Unterdrückung des Immunsystems bei den Patientinnen nötig. Klingt unglaublich? Immerhin gibt es schon einige Ansätze, Organe zu züchten. Und als weit entfernt von einer denkbaren Realität galt vor wenigen Jahren auch die Idee, dass Frauen nach einer Gebärmuttertransplantation Kinder zur Welt bringen.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
vish 15.12.2015
1. Ethik?
Wie kann man den bitte gegen So etwas ethische Bedenken haben? Ist jetzt auch schon der Wunsch nach Kindern und schwanger werden unethisch? Einfach verrückt.
heinrich-wilhelm 15.12.2015
2. Wieso Ethik?
Der Uterus ein Organ wie Nieren, Leber etc. Das hat mit Menschsein , Seele nichts zu tun. Wenn man sich von dem Begriff...Mutter gedanklich und gefühlsmäßig frei machen kann, sollte die Betoffene kein Problem haben, eine Transplantation durchführen zu lassen. Wenn es klappt dürfte nur noch Freude und Glück der Lohn sein.
storchentante 15.12.2015
3. Absolut unterstützenswert
Vor 30 Jahren hat man auch ethische Bedenken gegen sogenannte " Retortenbabys" gehabt. Heute ist Kinderglück nach IVF völlig normal. Irgendwann wird es normal sein, nach Uterustransplantation zum Kind zu kommen.
Europa! 15.12.2015
4. Eine gute Idee
Eine Gebärmuttertransplantation könnte für viele Frauen eine Chance sein, ein erfülltes Leben zu führen. Aber: Welche Frau gibt schon ihre gesunde Gebärmutter her?
fatherted98 16.12.2015
5. Ziemlich aufwendig...
...und natürlich auch mit viel Risiko verbunden. Ich würde da eher zur Leihmutterschaft tendieren...aber da sei ja Gott vor...ist ja in Deutschland total verboten.
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