Geplante Geburt Erst die Wehen, dann der Kaiserschnitt

Immer mehr Frauen entbinden per geplantem Kaiserschnitt. Die werdenden Mütter erhoffen sich eine entspanntere Entbindung, die Kliniken können besser planen. Aber liegt der Termin zu früh, kann es gefährlich für die Kinder werden.

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Schwangere Frau: Viele Geburten erfolgen in Deutschland per Kaiserschnitt
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Schwangere Frau: Viele Geburten erfolgen in Deutschland per Kaiserschnitt


"Stellen Sie sich vor, Sie wohnen im zweiten Stock eines Hauses und schlafen. Plötzlich reißt Sie jemand aus dem Bett und schmeißt Sie aus dem Fenster in einen Pool. Sie werden nach Luft schnappen und irgendwie klarkommen. So ist für Kinder eine geplante Kaiserschnittgeburt." Wolf Lütje wählt einen drastischen Vergleich, weil ihm der leichtfertige Umgang mit geplanten Kaiserschnitten Sorgen bereitet. "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden", sagt der Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am Amalie-Sieveking-Krankenhaus in Hamburg.

In Deutschland kam 2013 knapp jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt, im Jahr 2000 war es noch rund jedes fünfte - allerdings ist die Rate im vergangenen Jahr erstmals leicht rückläufig gewesen. Etwa die Hälfte dieser Kaiserschnitte ist geplant, schätzt Lütje, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Geburtshilfe und Gynäkologie ist. Das heißt: Die Klinik legt einen Termin für die Schnittentbindung fest, weil die Eltern einen Kaiserschnitt wünschen oder weil er medizinisch notwendig erscheint.

Häufig liegt dieser Termin zwei oder mehr Wochen vor dem errechneten Tag der Geburt. Manchmal gibt es medizinische Gründe dafür. Ein früher Termin gibt jedoch vor allem Planungssicherheit. Mit zunehmendem Abstand zum errechneten Geburtstermin sinkt das Risiko, dass die Frau plötzlich mit Wehen in die Klinik kommt, spontan operiert werden muss und die Organisation auf den Geburtsstationen durcheinander bringt.

Studie zu Wahlkaiserschnitten
Kinder, die vor der abgeschlossenen 39. Schwangerschaftswoche per Wahlkaiserschnitt - also ohne medizinische Indikation - entbunden werden, haben ein höheres Risiko für Atemprobleme und andere schwere Komplikationen. Das ergab eine Studie im "New England Journal of Medicine" aus dem Jahr 2009. Untersucht wurden 13.258 Kaiserschnitte, von denen 35,8 Prozent vor der abgeschlossenen 39. Woche durchgeführt wurden. Bei acht Prozent der Kinder kam es zu schwerwiegenden Komplikationen. Lag der Kaiserschnitt in der 38. Woche, stieg die Rate auf elf Prozent. Wurden die Kinder schon in der 37. Woche geholt sogar auf 15,3 Prozent.
Leidtragende sind die Kinder. Der ideale Zeitpunkt für einen geplanten Kaiserschnitt liege am Beginn der 40. Schwangerschaftswoche (39+0 SSW), erklärt Mechthild Groß, Leiterin der AG Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Kinder, die vor diesem Zeitpunkt entbunden werden, leiden häufiger an Anpassungsstörungen." Das sind Atemprobleme, eine Unterzuckerung oder weitere Komplikationen, die zu einer Verlegung auf eine Kinderintensivstation führen können, ergab eine Studie (siehe Kasten).

Warum sind die letzten Wochen im Mutterleib so entscheidend? Zum einen, weil es immer enger wird - das Kind geht dann in eine Beugeposition. "Das ist wichtig, um durch den Geburtskanal zu kommen", erklärt Groß. "Es führt auch dazu, dass sich der Brustkorb zusammenpresst und Fruchtwasser aus der Lunge gedrückt wird."

Ganz anders bei einem Kind in der 37. Schwangerschaftswoche, das noch mehr Platz im Bauch hat - keine Beugeposition, kein Rauspressen des Fruchtwassers. Wird das Kind in dieser Situation entbunden, "hat es maximalen Stress, die Flüssigkeit heraus und Luft in die Lunge zu bekommen", erklärt Groß. Sehr oft müssten die Geburtshelfer schnell das Fruchtwasser absaugen, damit das Kind Luft holen kann. Oder die Kinder benötigen eine Atemhilfe. "Es ist frappierend, wie deutlich die Eingriffe abnehmen, wenn mit dem Kaiserschnitt gewartet wird", so Groß.

Einiges spricht dafür, den Schnitt erst bei Wehenbeginn zu setzen. "Es gibt die Hypothese, dass das Kind das Signal gibt: 'Ich bin reif, geboren zu werden'", sagt Maria Beckermann, Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF). Kindliche und mütterliche Hormone würden dafür sorgen, dass die Geburt beginnt: Wehen setzen ein, oder es kommt zum Blasensprung. Die Hormone bereiteten den kindlichen Kreislauf darauf vor, bald auf eigenständige Atmung umzustellen, so Groß. "Dieser Mechanismus findet ohne Wehen nur sehr eingeschränkt statt."

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Kaiserschnitt: Immer weniger Kinder werden natürlich geboren
Aber können Schwangere, die aus medizinischen Gründen einen Kaiserschnitt benötigen, auf die Wehen warten? Manche Frauen müssten sich tatsächlich beeilen, sagt Beckermann: "Bei einem Kind in Steißlage beispielsweise ist es wichtig, dass sich die Frau mit Wehenbeginn sofort meldet, damit der Kaiserschnitt schnell gemacht wird."

Chefarzt Lütje plant nur noch ein Drittel der Kaiserschnitte in seinem Krankenhaus im Voraus - und "sehr oft auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern". Bei allen anderen wartet er den Geburtsbeginn ab. In zehn Jahren habe es höchstens einen Fall gegeben, bei dem es schneller gehen musste als gedacht. "Alle anderen liefen wie geplant." Das heißt zwar, dass mehr Kaiserschnitte in die Nacht fallen und Bereitschaftsärzte gerufen werden müssen. Doch Lütje ist überzeugt: "Für die Kinder ist es besser, wenn sie aus dem Geburtsverlauf heraus geboren werden."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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thg 02.12.2014
1. Richtig ist:
Immer mehr Frauen werden per Kaiserschnitt zur Entbindung genötigt! Vorzugsweise von männlichen Gynäkologen in Krankenhäusern. Dass dem nicht überall so ist, liegt meist an freiberuflichen Hebammen die nicht die Order haben ein OP-Soll zu erfüllen und denen das Wohl des Kindes (und der Mutter) als oberste Priorität gilt. Hätte der KH Gynäkologe das aagen gehabt und nicht unsere Beleghebamme wir hätten die Kaiserschnittoption noch häufiger diskutieren müssen. So hatten beide Kinder das Glück am errechneten Termin ganz von selbat kommen zu dürfen. Von KH-Seite wurde der Kaiserschnitt schon 4 Wochen vorher empfohlen (gewünscht beschreibt es besser) und nur unsere sehr resolute Hebamme hat uns vom Dauerfeuer der klinikeigenen Schwarzmaler bewahrt. Kaiserschnitte erfolgen unserer Erfahrung nach primär zum Wohl der Klinik, eher weniger zum Wohl der Kinder.
jaro22 02.12.2014
2. Interessanter Artikel mit
Hallo Zusammen, Ich frage mich immer, wie man so einen Artikel ohne die Leute verfassen kann, die das Täglich machen. Und das sind eben nicht die Ärzte. Im Grundgesetz steht, dass bei einer Geburt die Hebamme die Weisungsbefugnis hat. Warum? Ganz einfach. Der Arzt bekommt eine gewisse Prämie für Kaiserschnitte. Das würde keiner offen Zugeben, allerdings sind meine Informationen von einem Arzt. Was leider völlig unterschlagen wird, sind die Folgen für das Kind und die Mutter. Das Kind benötigt den natürlichen Geburtsvorgang, da hier Reflexe ausgebildet werden, welche bei dem Kaiserschnitt nicht gebildet werden. Die Folgeschäden eines Kaiserschnittes werden hier runter gespielt. Weiterhin muss der Arzt beim Kaiserschnitt die Bauchdecke aufschneiden/aufreissen. Es muss eben gerissen werden, damit die Wundheilung besser stattfindet. Das ist eine große Wunde im Bauchraum, was leider auch dazu führt, dass bei einer Folgeschwangerschaft die Gefahr für einen Folge-Kaiserschnitt sehr hoch ist. Somit ist die Geburt auf dem natürlichen Wege sehr unwahrscheinlich. Und wieder freut sich die Prämie für einen weiteren Kaiserschnitt. Ein Kaiserschnitt kann unter Umständen auch zu Inkontinenz führen und die körperliche Belastung bei einem Kaiserschnitt ist um ein Vielfaches höher, als bei einer regulären Geburt, wie es die Natur vorgesehen hat. Folgetage im Krankenhaus sind bei einem Kaiserschnitt fest einzuplanen. Meine Frau ist selber Hebamme und die kritische Sichtweise auf diese "Industrie" mit den Müttern wird nicht aufgefasst. Bitte künftig Leute vom Fach mit ins Boot holen, da ein Arzt ein gewisses Interesse hat, die Kaiserschnitte zu machen. Sei es von der Klinik vorgegeben, oder durch Eigeninteresse. Ich habe hier bewusst polarisiert, um das Verständniss und die Folgeschäden klar zu machen.
schubladensprenger 02.12.2014
3. Leute...
...die einen Kaiserschnitt mache, weil es entspannter ist, haben nicht weit gedacht. Vielleicht ist die Entbindung schön entspannt, aber danach liegt Frau erstmal drei Tage im Krankenhaus fest und hat noch Wochenlang Bauchschmerzen und ne schicke Narbe. Mein Frau und ich hatten drei super entspannte Geburten zu Hause. Kaiserschnitt und fortschrittliche Medizin sind ja gut, aber nur dann wenn es auch nötig ist.
Herr Hold 02.12.2014
4. Signale
"Es gibt die Hypothese, dass das Kind das Signal gibt: 'Ich bin reif, geboren zu werden'", Aha. Und manche geben dann falsche Signale und sind zu früh?
Bernd.Brincken 02.12.2014
5. Ökonomie und Psyche
Zitat von thgImmer mehr Frauen werden per Kaiserschnitt zur Entbindung genötigt! Vorzugsweise von männlichen Gynäkologen in Krankenhäusern. Dass dem nicht überall so ist, liegt meist an freiberuflichen Hebammen die nicht die Order haben ein OP-Soll zu erfüllen und denen das Wohl des Kindes (und der Mutter) als oberste Priorität gilt. Hätte der KH Gynäkologe das aagen gehabt und nicht unsere Beleghebamme wir hätten die Kaiserschnittoption noch häufiger diskutieren müssen. So hatten beide Kinder das Glück am errechneten Termin ganz von selbat kommen zu dürfen. Von KH-Seite wurde der Kaiserschnitt schon 4 Wochen vorher empfohlen (gewünscht beschreibt es besser) und nur unsere sehr resolute Hebamme hat uns vom Dauerfeuer der klinikeigenen Schwarzmaler bewahrt. Kaiserschnitte erfolgen unserer Erfahrung nach primär zum Wohl der Klinik, eher weniger zum Wohl der Kinder.
Dass hier die Ökonomie herrscht und die Gesundheit der Kinder gefährdet, ist ja für sich genommen schon ziemlich gruselig. Was mir bei dem Beitrag und der Diskussion an anderer Stelle fehlt, ist auch die nicht-körperliche Komponente. Es ist doch bestens bekannt, dass in den Phasen nach der Geburt Grundlagen auch etwa für das Sozialverhalten geprägt werden. Soll es für Wahrnehmung und Verhalten eines Menschen dann gleichgültig sein, ob der im Wortsinne existenzielle Geburtsprozess in Sekunden oder in Stunden, wie ein Blitz oder wie eine Reise abläuft?
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