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25. Februar 2013, 09:39 Uhr

Verhütungsmethoden

Wie das Kondom Flügel bekam

Von Christine Pander

Frauendusche, Scheidenbarrieren, Schafsdarmkondom: Um eine Schwangerschaft zu verhindern, haben sich Menschen einiges einfallen lassen. Jetzt gibt es sogar das Flügel-Kondom. Der Wingman soll sich besonders leicht überstreifen lassen. Ein Besuch im Wiener Museum für Verhütung.

Lange hat sich auf dem Kondommarkt nichts getan. Wingman, der neueste Beate-Uhse-Clou, soll nun das Liebesleben beflügeln. "Ohne große Mühe kann das geflügelte Präservativ innerhalb von zwei Sekunden mit nur einer Hand - sogar im Dunkeln - übergestreift werden", heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmens. Das neue Gummi, das vor einigen Jahren bereits patentiert wurde, ist mit einem flügelartigen Clip versehen. Ist der Wingman in Position, löst sich der Clip. Das neue Kondom sei dünner als seine Vorgänger; wegen des Flügelclips müsse das empfindliche Latex nicht einmal mehr berührt werden.

Davon konnten Paare vor einigen hundert Jahren nur träumen. Ihre Verhütungsmethoden hatten allenfalls die Trefferquote von Kaffeesatzleserei. Doch Paarungswillige ließen sich schon immer allerhand einfallen, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Auch an Ratschlägen mangelte es nicht: Soranus von Ephesus etwa schrieb 100 nach Christus, die Frau solle sich nach dem Akt hinhocken und kräftig niesen. Und im antiken Griechenland führten sich Frauen nach dem Liebesspiel Krokodilkot-Zäpfchen ein, um das Sperma zu vernichten. "So phantasievoll die Ideen auch waren, ihre Wirksamkeit darf angezweifelt werden", sagt der Gynäkologe Christian Fiala, Gründer des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien.

Im Durchschnitt 15-mal ist eine Frau früher im Laufe ihres Lebens schwanger geworden, etwa acht bis zehn Kinder brachte sie zur Welt. Davon stillte sie jedes zwei Jahre lang. "Die Frauen waren ihrer Fruchtbarkeit schutzlos ausgeliefert, das haben sie damals als Gebärzwang empfunden", sagt der Gynäkologe. Die Geschichte der Verhütung und des Abbruchs hat sehr dunkle Kapitel - oft gingen die Methoden schief. "Solange Abbrüche verboten waren, übernahm dann entweder eine Engelmacherin die Kindstötung", sagt Fiala. "Oder die Frauen versuchten in ihrer Not selbst, mit Stricknadeln die Fruchtblase aufzustechen, um den Fötus absterben zu lassen." Häufig kam es dabei zu Verletzungen und Infektionen, an denen nicht nur der Fötus, sondern auch die Frau qualvoll starb.

Vergebliche Versuche der Verhütung

Im Wiener Museum gibt es mehr als tausend Objekte, die die Geschichte der Verhütung nacherzählen. "Auch wenn die Methoden uns in der Rückschau bisweilen spaßig erscheinen: Sie zeugen alle vom verzweifelten Versuch der Menschen, sich mit den wenigen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten, zu helfen", sagt Fiala. Neben dem Coitus interruptus war die Verwendung von Scheidenmitteln oder Barrieren ein häufiger Versuch, Schwangerschaften abzuwenden. Häufig angewendet wurden Schwämmchen oder Stoffteile, die mit sauren Substanzen getränkt in die Scheide eingeführt wurden. "Es gibt keine Substanz und kein Material auf der Welt, das die Menschen nicht ausprobiert hätten", sagt Fiala.

Besonders weit verbreitet waren im frühen 20. Jahrhundert Scheidenspülungen. Das Bidet mit Unterspritzdusche beispielsweise diente nicht der Körperhygiene, sondern der Verhütung. Und zwar der Verhütung der wohlhabenderen Frauen. Die armen spülten von Hand. "Das war nicht gerade romantisch. Direkt nach dem Akt musste sich die Frau über eine Schüssel setzten und die Spülung vornehmen", sagt Fiala. An dieser Praxis hielten die Frauen lange fest: In den fünfziger Jahren spülten sie auch mit Coca Cola. Gebracht hat es - nichts.

Dabei hätte es bereits um 1800 herum Effektives gegeben: Schafdarmkondome. Die allerdings konnten sich anfangs nur wenige leisten. Die Ressource war begrenzt. "Es war nicht elastisch und musste mit einem Bändchen befestigt werden", sagt Fiala. Benutzt wurde es mehrfach, bis es auseinander fiel.

Die Zeit vor Ogino und Knaus

Bis in die dreißiger Jahre wussten Frauen fast nichts über ihre fruchtbaren Tage. Dann kamen die ersten Bestimmungsmethoden: Zum Beispiel ein spezieller Fruchtbarkeitstest, bei dem Muttermundschleim erst getrocknet, dann im Vergrößerungsspiegel interpretiert wurde. Sah das Muster aus wie Farnkraut, war Enthaltsamkeit angeraten. Erst mit der Bestimmung der fruchtbaren Tage durch Knaus und Ogino hörte das Orakeln auf. Etwa zur selben Zeit erfand der Gynäkologe Ernst Gräfenberg auch die erste Spirale. Nach ihm ist übrigens der sagenumwobene G-Punkt benannt.

Im Jahr 1951 wurde die Pille in den USA als Verhütungsmittel zum Patent angemeldet, auf den Markt kam sie 1960. Ein Jahr später gab es die Pille auch in Deutschland - zumindest unter dem Ladentisch. Da sie umstritten war und zu den Moralvorstellungen der Zeit nicht passte, wurde sie als "Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen" eingesetzt und zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben.

"Es war das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass Frauen die Möglichkeit hatten, ihre Fruchtbarkeit den individuellen Wünschen und Möglichkeiten anzupassen", sagt Fiala. Das habe eine Revolution ausgelöst, für Fiala die zweitgrößte kulturelle Errungenschaft nach der Entdeckung des Feuers.

"Es war nun möglich, Fruchtbarkeit und Sexualität zu trennen. Ein Befreiungsschlag für die Frauen - und ihre Männer."

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