Gewaltfreie Erziehung "Es fehlt manchmal an Vorbildern"

Fast die Hälfte der Eltern in Deutschland hält einen Klaps immer noch für ein probates Mittel der Erziehung. Immerhin: Tendenz fallend. Warum kommt es zu Gewalt gegen Kinder und wie lässt sich das verhindern?

Kinderschutzambulanz in Berlin-Neukölln
DPA

Kinderschutzambulanz in Berlin-Neukölln


Seit dem Jahr 2000 haben Kinder in Deutschland ein gesetzlich festgeschriebenes Recht darauf, ohne jegliche körperliche oder psychische Bestrafung aufzuwachsen. Auch der Klaps auf den Po ist verboten.

"Das ist leider noch nicht überall angekommen", sagt Sylvester von Bismarck von der Kinderschutzambulanz im Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln. Sein Team kümmert sich allerdings in der Regel um deutlich gravierendere Fälle.

Gewalt gibt es in allen Schichten

Eltern, die ihren Kleinkindern Zigaretten auf dem Po ausdrücken, um sie fürs Einmachen in die Windel zu bestrafen. Eltern, die ihre Kinder beißen, mit Gürteln schlagen, treten, sie an Heizkörpern oder auf Herdplatten verbrennen. Etwa 150 Kinder und ihre Eltern schicken die Jugendämter und andere Institutionen jährlich in die Neuköllner Ambulanz. Bundesweit gibt es verschiedene andere Kinderschutz-Zentren.

Gewalt gebe es in allen Schichten. "Besonders hoch ist das Risiko aber da, wo der Stress am größten ist", sagt von Bismarck mit Blick auf Familien mit wenig Geld, auf Arbeitslosigkeit oder auf Alleinerziehenden mit mehreren Kindern. Bei den meisten Eltern funktioniere die Erziehung im Großen und Ganzen. Doch in Situationen, in denen plötzlich Stress auftrete, wüssten manche Eltern sich nicht mehr anders zu helfen als zuzuschlagen. Vor allem, wenn sie in ihrer eigenen Kindheit Gewalt als Erziehungsmethode erlebt hätten. "Ab einem gewissen Punkt können sie nicht mehr anders. Das ist wie eine Übersprunghandlung", sagt der Arzt.

Untersuchungen zeigen, dass das Gesetz aus dem Jahr 2000 durchaus ins Bewusstsein vieler Eltern gerückt und Gewalt gegenüber Kindern rückläufig ist. Trotzdem existiert sie nach wie vor: Rund drei Prozent der Deutschen haben bereits schwere körperliche Misshandlungen erlebt, zeigt eine Studie von Wissenschaftlern um Ulrich Fegert, dem ärztlichen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm. Weitaus häufiger sind leichtere körperliche Strafen wie der Klaps auf den Po. Etwa 45 Prozent der Eltern halten ihn heute noch für ein angebrachtes Erziehungsmittel, allerdings deutlich weniger als noch 2005. Damals waren es 76 Prozent, wie eine weitere Befragung von Fegert zeigt.

"Noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren galt es als ganz normal, Kinder zu schlagen", sagt Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des "Arbeitskreises Neue Erziehung". Heute wollen die meisten Eltern ihre Kinder anders erziehen, als es ihre Eltern und Großeltern taten. "Ob sie es im Alltag auch tun, ist eine andere Frage. Es fehlt manchmal an Vorbildern", so Arnhold, die mit ihrem Verein unter anderem Elternbriefe mit Erziehungstipps herausgibt.

"Hohes Maß an Überforderung"

"Eltern sind heutzutage unter Druck. Viele deutsche Mütter haben das Super-Mütter-Syndrom. Da liegt ein hohes Maß an Überforderung drin", sagt Arnhold. Perfekt sei aber niemand. "Kinder versuchen, Grenzen zu überschreiten. Eltern müssen akzeptieren, dass das ein ganz normaler Prozess ist", betont sie. Es sei auch normal, dass Eltern an ihre Grenzen kommen.

Für schwierige Situationen mit dem Nachwuchs empfiehlt sie: "Tief Luft holen, aus der Situation rausgehen und später, wenn man sich beruhigt hat, überlegen, wie man es gemeinsam regelt. Das Verfahren kann man mit Kindern von null bis 18 durchziehen."

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) bietet deutschlandweit Seminare an, die Eltern stärken sollen. "Wir arbeiten an den Stellschrauben, wo es zu Überlastung kommt", sagt Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze. In den Seminaren werde Eltern vermittelt, wie sie für einen ruhigeren Alltag für die Familie sorgen könnten. Das Konzept sei erfolgreich und sorge dafür, dass es zu deutlich seltener zu stressigen Situationen und somit auch Gewalt komme.

Auch die Eltern, die ihre Kinder im Neuköllner Klinikum vorstellen, seien meist an Hilfe interessiert, sagt von Bismarck. "Sie wissen ja in der Regel, dass etwas schief läuft", so der Arzt. Den Mitarbeitern der Ambulanz vertrauten sich die Eltern oft eher an als dem Jugendamt, so von Bismarck. Die Ambulanz baue die Brücke zum Amt, da es schließlich nötige Hilfen finanziere und organisiere. "Wir wollen die Kinder ja nicht aus ihren Familien nehmen. Sie wollen zu Hause bleiben, eben nur nicht mehr geschlagen werden."

Video: Wenn Eltern zu Tätern werden

SPIEGEL TV

wbr/dpa

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.