Entbindung zu Hause Wehen im Wohnzimmer 

Ann Loos betreut Schwangere, die ihr Kind zu Hause bekommen wollen. Die Hebamme erklärt, wie sie mit den Risiken umgeht - und was die Hausgeburt allen Beteiligten abverlangt.

Patrick Junker

Ein Interview von


Zur Person
    Ann Loos ist Hebamme in Braunschweig. Nach fünf Jahren Tätigkeit in einer Klinik entschied sie, sich als Hausgeburtshebamme selbstständig zu machen. Auslöser war die Geburt ihres Sohnes, den sie ebenfalls zu Hause zur Welt brachte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Loos, Sie sind eine von deutschlandweit rund 430 Hebammen, die Hausgeburten anbieten. Warum?

Ann Loos: Weil es wichtig ist, dass Schwangere den Geburtsort frei wählen können. Wer sich eine Hausgeburt wünscht, setzt sich bewusst mit seiner Haltung zum Leben und mit dem neuem Lebensabschnitt, dem Leben mit einem Kind auseinander. Diese Frauen wollen in der Regel einen natürlichen Geburtsprozess erleben.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, Frau und Kind klinisch zu überwachen?

Loos: Wenn die Schwangere in die Klinik möchte und sich dort gut aufgehoben fühlt, natürlich nichts. Man muss aber wissen: Eine Hebamme in der Klinik weiß zu Dienstbeginn nie, wie viele Frauen sie an diesem Tag betreuen wird und wer diese Frauen sind. Weil der Stellenschlüssel heutzutage äußerst knapp gefasst ist, müssen Klinik-Hebammen sich oft bis an die Grenze Ihrer Belastbarkeit strapazieren. Die notwendige Überwachung der mütterlichen und kindlichen Vitalität wird dann oftmals nur noch an Maschinen delegiert.

Fotostrecke

12  Bilder
Hebamme in der Hausgeburt: "Arbeit für alle Beteiligten"

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn eine Geburt unter Ihrer Leitung aus?

Loos: Individuell sehr unterschiedlich. Es ist mir daheim bei den Familien möglich, mich ganz auf die Frau und ihr Kind zu konzentrieren. Der Geburtsverlauf bekommt die Zeit, die er naturgemäß braucht. Medikamente kommen nicht zum Einsatz, sie gehören in die Klinik. Das Kind wird genauso wie die werdende Mutter während der Geburt mit geeigneten Methoden überwacht. Die emotionale Unterstützung des Paares ist für mich selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Für die Klinik spricht: Wenn es schnell gehen muss, ist der OP-Saal gleich nebenan. Für ein Kind, das zu Hause zur Welt kommen soll, kann der Weg bis in die nächste Klinik zu weit sein.

Loos: Risikoschwangere und Geburten mit erkennbarer Gefahrenkonstellation, bei denen unter Umständen ein Notkaiserschnitt gemacht werden muss, sind zu Hause tatsächlich nicht gut aufgehoben. Bei gesunden Frauen und Kindern ist dies in der Regel nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Eine Verlegung ins Krankenhaus kann hochdramatisch verlaufen. Wie stark traumatisiert so ein Erlebnis?

Loos: Es zählen immer zwei Dinge: Das Kind soll gesund zur Welt kommen und die Mutter gesund bleiben. Ob ein Transport ins Krankenhaus eine Frau traumatisiert, hängt neben persönlicher Vorerfahrung davon ab, ob sie die Situation als Kontrollverlust erlebt, oder ob sie das Geschehene nachvollziehen kann. Eine professionelle Verlegung ist nicht hochdramatisch, sondern eine wohlüberlegte und dann erforderliche Maßnahme. Ist eine Verlegung nötig, kündigt sich das an und sie kann in Ruhe durchgeführt werden. Meine Verlegungsrate lag 2016 bei acht Prozent, ohne dass es hier zu ernsthaften Problemen oder gar Hektik kam.

SPIEGEL ONLINE: Damit liegen Sie unter dem Durchschnitt. In Deutschland werden rund 17 Prozent der Schwangeren, die die Entbindung außerhalb der Klinik beginnen, am Ende doch ins Krankenhaus gebracht. Für die Frauen ist das oft mit einem Gefühl des Versagens verbunden und die gewünschte Idylle ist dann hin, oder?

Loos: Eine Hausgeburt hat weder etwas mit Idylle zu tun, noch mit Leistung. Hausgeburtshilfe ist Arbeit für alle Beteiligten. Und es ist ein sensibler und respektvoller Umgang mit dem werdenden Leben. Die Schwangeren und ihre Begleitpersonen wissen durch die Vorgespräche, dass der Prozess durch die Hebamme unterstützt und überwacht wird. Wenn die Hebamme im Verlauf der Geburt feststellt, dass eine Verlegung notwendig wird, wird sie handeln. Wäre das nicht so und könnte man diese Betreuung nicht lernen, wäre Hebamme für Hausgeburtshilfe doch kein Beruf, sondern Wahnsinn.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, ob eine Hausgeburt bei einer Schwangeren möglich ist?

Loos: Mutter und Kind müssen gesund sein und die Lebensweise und -umstände der Mutter müssen mit dem Wunsch nach einer Hausgeburt zu verbinden sein. Zudem fasst die Berufsordnung der Hebammen recht deutlich zusammen, welche Gründe für oder gegen eine Hausgeburtsentscheidung sprechen. Ich frage auch immer nach der Motivation des Paares, warum es eine Hausgeburt will. Dann kann ich mich mit diesen Wünschen auseinandersetzen und damit, ob ich die richtige Hebamme für das Paar bin.

Außerklinische Geburt: Gründe und Ausschlusskriterien
Motivation
Für knapp 80 Prozent der Schwangeren, die sich im Jahr 2013 für eine außerklinische Geburt entschieden haben, war die Selbstbestimmung dabei eine wichtige Motivation. Für rund 75 Prozent spielte laut dem
"Qualitätsbericht 2013 außerklinische Geburtshilfe in Deutschland"
die vertraute Hebamme eine entscheidende Rolle.
Wer kommt nicht infrage?
Nicht für jede Frau, die sich eine Geburt außerhalb der Klinikmauern wünscht, ist das auch möglich. Wichtige Ausschlusskriterien sind:
- schwere Allgemeinerkrankungen der Mutter
- insulinpflichtiger Diabetes der Schwangeren
- Thrombose in der Schwangerschaft
- vorherige Geburt, bei der die Gebärmutter gerissen ist
- Frühgeburt
- Quer- oder Beckenendlage des Kindes
- Fehllage oder -funktion der Plazenta

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 10.000 Kinder außerhalb von Kliniken zur Welt, etwa 4000 davon im häuslichen Umfeld. Gleichzeitig haben 2015 hundert Hebammen weniger die Begleitung von Hausgeburten angeboten als 2005, auch aufgrund der massiv gestiegenen Beiträge zur Haftpflichtversicherung. Müssen Sie Schwangeren absagen?

Loos: Im Raum Braunschweig mit sehr weitläufiger ländlicher Region, wo ich tätig bin, gibt es nur noch vier weitere aktive Kolleginnen. Ich betreue derzeit rund 50 Hausgeburten im Jahr und bin damit gut ausgelastet. Die Nachfrage steigt, und ich wünschte mir gut ausgebildete und gut bezahlte Kolleginnen, mit denen eine flächendeckende Versorgung mit Hausgeburtshilfe bundesweit möglich wäre.

insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kurti23 18.01.2018
1. Potentiell gefährlich.
Im Endeffekt muss jedes Paar selber entscheiden wo die Entbindung stattfinden soll, das ist klar. Aber..... .... ich als Assistenzarzt in der Geburtshilfe sehe eine Entbindung außerhalb einer Klinik mehr als kritisch an. Ich habe in meiner noch nicht sehr langen Zeit mindestens 5 Situationen erlebt, in denen entweder die Mutter oder das Kind oder beide gestorben wären, wenn sie nicht in einer Klinik gewesen wären. Alle diese Geburten sind ohne vorherige Eingriffe seitens der Ärzte, d.h. ohne Einsatz von Medikamenten oder anderen Dingen abgelaufen. Es waren alles gesunde Frauen und gesunde Kinder. Alle waren zum Glück durch schnelles Eingreifen (Fahrt in den OP) auch nach der Geburt noch wohlauf. Diese Situationen waren vorher nicht absehbar und hätten so auch zu Hause ablaufen können. Bis der Rettungsdienst da gewesen wäre wäre es zu spät gewesen. Ich denke wir müssen wieder dahin kommen, dass Kliniken mit ausreichend Hebammen besetzt sind, damit Frauen wieder individuell betreut werden können. Was nicht unbedingt heißt, dass die gesamte Zeit eine Hebamme im gleichen Raum ist. Außerdem sollten die werdenden Mütter aufhören zu denken, dass sie alles über eine Geburt wissen und meinen sie können alles selber einschätzen und den Rat der Spezialisten (Hebammen oder ggf. auch Ärzte) ignorieren. Leider ist vielen Frauen ihr Geburtserlebnis wichtiger als die Gesundheit ihrer Kinder.
wahrsager26 18.01.2018
2. Welche Motivation
hat also ein Paar,wenn es eine Hausgeburt haben möchte? Warum ist es nicht möglich,hier ein oder zwei Beispiele zu nennen? ( ich muss ja schon wieder mal eine krude Ideologie vermuten!) .Reden kann man viel -sollten doch Komplikationen auftreten....wie steht es dann um die Motivationen? Nun ja ,wer es so möchte.....nur sollte ruhig dabei auch an die Solidargemeinschaft gedacht werden! Danke
strandeule 18.01.2018
3. guter Artikel, gutes Interview
Danke für den guten und Artikel. Es ist schön, wenn man auch mal eine neutrale Sicht auf Hausgeburten bekommt, die das Krankenhaus nicht ls Sichersten Ort und das Zu Hause nicht als Geburtsort für Aromaöl und Kerzen liebende darstellt. Für ich kommt eine Klinikgeburt bei normalem Schwangerschaftsverlauf aus eben den genannten Gründen nicht in Frage: Ich möchte eine Hebamme, die sich um mich kümmert und nicht noch um 2-3 andere Gebärende parallel. Sonst ist die ganze vorgespielte Sicherheit durch medizinische Überwachung dahin. Und ich möchte auch in meinem Tempo gebären und nicht in dem, in dem es der Arzt gerne hätte, weil gleich Schichtwechsel ist oder der Kreisssaal für die nächste Schwangere gebraucht wird. Hoffentlich erfahren Hebammen bald wieder die Unterstützung durch die Politik, die sie verdienen.
fussl 18.01.2018
4. Vordergründig eine gute Sache,...
...aber nach meiner Beobachtung eben nur in den (zugegebenermaßen meisten) Fällen, in denen die Hausgeburt dann auch komplikationslos abläuft. Sehr problematisch sind die (nicht so ganz seltenen) Fälle, in denen die im Beitrag beschriebene Situation eintritt, dass eine Notfallverlegung in eine Geburtsklinik erfolgen muss. Sofern es in der versorgenden Klinik dann gelingt, Mutter und Kind ein gesundes (Weiter-) Leben zu ermöglichen ist auch noch alles bestens. Aber leider sind die Fälle, in denen solche Konstellationen zu einer bleibenden Kindsschädigung führen nicht so selten. Dann allerdings ist‘s mit der Selbstbestimmung und Verantwortung ganz schnell vorbei und die Schuldzuweisungen beginnen. Zumeist im Rahmen aufwändiger Schadensersatzklagen gegen die Geburtshelfer...
Luemgi 18.01.2018
5.
Eine Freundin hatte eine als sehr schlimm erlebte Geburt ihres ersten Kindes im Krankenhaus. Eingriffe ohne Ende, die so sicher nicht nötig waren und ohne ihr Einverständnis durchgeführt wurden (wie zum Beispiel alle 15 Minuten Einlegen eines neuen Einmalblasenkatheters). So etwas wollte sie einfach nicht nochmal erleben und hat daher ihr zweites Kind in einer unkomplizierten Hausgeburt entbunden. Kann ich absolut verstehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.