Heiligabend im Kreißsaal Als das zweite Christkind kam

Während sich andere um den Tannenbaum versammeln, hilft sie Babys auf die Welt: Die Hebamme Susanne Steppat stand 15 Jahre lang an Heiligabend im Kreißsaal. Hier erzählt sie von den kleinen Wundern zu Weihnachten.

Hebamme mit Säuglingsbett: "Ein toller Dienst im Kreißsaal"
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Hebamme mit Säuglingsbett: "Ein toller Dienst im Kreißsaal"


Zur Person
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    Susanne Steppat ist Hebamme und Mitglied im Präsidium des Deutschen Hebammenverbandes e.V.
SPIEGEL ONLINE: Heiligabend zu arbeiten, das hört sich wie eine Strafe an.

Steppat: Das ist schon ein besonders unbeliebter Dienst, genauso wie Neujahr die Frühschicht. Aber ich habe mich immer freiwillig für den Spätdienst gemeldet. Ich habe keine Kinder, und meine Familie wohnte nicht in der Stadt. Abgesehen davon finde ich, dass Heiligabend ein toller Dienst im Kreißsaal ist.

SPIEGEL ONLINE: Was finden Sie daran so besonders? Sitzen Sie am Adventskranz und warten, dass jemand kommt?

Steppat: Genau, aber es gibt nur elektrisches Licht. Auch der Kreißsaal wird in der Adventszeit geschmückt. Manchmal kommt ein Chor vorbei oder ein Musiker, der etwas vorspielt. An anderen Tagen arbeitet man Routineaufgaben ab, wenn nichts anderes zu tun ist, und füllt zum Beispiel das Lager auf. Weihnachten ist das anders. Wir sitzen zusammen, essen ganz klassisch Kartoffelsalat und Würstchen und trinken alkoholfreien Glühpunsch.

SPIEGEL ONLINE: Gab es für Sie eine besondere Weihnachtsgeburt?

Steppat: Einmal kam Heiligabend eine Schausteller-Frau in den Kreißsaal, die nur vorübergehend in der Stadt war. Sie hatte ihre Schwestern und Cousinen dabei, also gleich mehrere Frauen und Kinder, die sie alle begleiten wollten. Für uns war das in Ordnung. Die Frau bekam schon ihr zweites oder drittes Kind, trotzdem stockte die Geburt. Ich hatte das Gefühl, sie müsse eigentlich nur noch ein paar Mal pressen, dann wäre das Baby da. Als ich sie anspornte, erzählte sie mir, dass das Baby auf gar keinen Fall kommen dürfe, bevor ihr Mann da sei. Der steckte irgendwo auf der Autobahn fest. Die Frau hat es tatsächlich geschafft, das Baby so lange nicht rauszulassen, bis ihr Mann durch die Tür hereinkam. Das Kind wurde noch an Heiligabend geboren.

SPIEGEL ONLINE: War auch mal eine Zitterpartie dabei?

Steppat: Im übertragenen Sinne ja. Ich habe einmal eine Frau bei der Geburt betreut, die schon sechs Töchter hatte. Wir waren alle gespannt, ob es diesmal ein Junge werden würde. Der Mann wollte nicht mit in den Kreißsaal und wartete vor der Tür. Dann kam das Kind - es war wieder ein Mädchen. Ich hoffte so sehr, dass der Vater sich freuen würde. Als er in den Kreißsaal kam, strahlte er über das ganze Gesicht. Er sagte: "Ich habe so eine wunderschöne Frau, und jetzt habe ich die siebte wunderschöne Tochter." Das war herzergreifend.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Eltern anders an diesem Tag?

Steppat: Nein, sie sind eigentlich wie alle Eltern. Vor dem großen Ereignis rückt der Termin Heiligabend für sie in den Hintergrund. Manchmal entschuldigen sie sich, wenn sie am 24. Dezember in den Kreißsaal kommen, so als würden sie das Kreißsaal-Team stören. Aber ich finde es schön, wenn Weihnachten Eltern kommen. Heiligabend ist eben irgendwie heilig. Das ist wie eine Blase, in der die Zeit anders verläuft. Es ist für mich etwas Besonderes, wenn ein Kind an dem Tag auf die Welt kommt, an dem so viele Menschen Christi Geburt feiern.

SPIEGEL ONLINE: Bedauern es manche Eltern, wenn ihr Kind ausgerechnet Weihnachten geboren wird?

Steppat: Ich habe keine Geburt erlebt, bei der die Eltern gesagt haben: "Das ist aber schade, dass es Heiligabend ist." Die Freude über das Kind überdeckt alles.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Eltern, die sich das Datum wünschen?

Steppat: Einmal habe ich eine Frau im Wochenbett betreut, die ihr erstes Kind an Heiligabend bekommen hat. Als ich zwei Jahre später Weihnachten die Tür zum Kreißsaal öffnete, stand sie wieder da. Konnte das wirklich sein, dass sie auch ihr zweites Kind an Heiligabend bekommen würde? Es hat tatsächlich geklappt: Sie hat im Abstand von zwei Jahren zwei Kinder am 24. Dezember geboren - einen Jungen und ein Mädchen, zwei Christkinder. Die Mutter hat sich riesig gefreut, weil keines ihrer Kinder benachteiligt ist. Sie hatte das Gefühl: Das ist ganz gerecht.

Zur Autorin
  • privat
    Carina Frey, studierte Soziologin, arbeitet nach Stationen bei "Frankfurter Rundschau" und dpa als freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte sind Verbraucher- und Wissenschaftsthemen.

Das Interview führte Carina Frey



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insgesamt 8 Beiträge
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christkindle 24.12.2015
1. Segen oder Fluch?
Ach wie schön.... Ich bin so ein Mensch, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie Jesus Christus. Auch wenn sich meine Mutter mehr als Mühe gegeben hat, mir einen schönen Geburtstag zu bereiten, als Kind und selbst bis ins Erwachsenenalter ist das mehr Fluch als Segen. Jeder steht an seinem Geburtstag "im Mittelpunkt", wird gefeiert, kann eine Party machen, die Meisten denken an einen, gratulieren. Aber als "Christkind" gibt es immer einen wichtigeren "Prominenten", dessen Geburtstag die halbe Welt feiert und der immer wichtiger ist als Du. Keiner könnte zu einer Party kommen, weil ja alle gezwungenermaßen am Großevent Heilig Abend teilnehmen. Kaum jemand, außer die engste Verwandtschaft gratuliert einem und das ist Alles in Allem dann doch sehr deprimierend. Erst als Erwachsener sieht man die Sache ein kleines bisschen anders..... Tolle Kindergeburtstage kann man dann aber auch nicht mehr nachholen....
Shoxus 24.12.2015
2. Bin auch
ein Christkind. Und warum wird das ständig bedauert? Also ich bin froh das ich an Weihnachten Geburtstag hab. :) Bei mir war es damals so, 35 Jahre her xD, das die Ärztin die eigentlich Schichtende hatte auch noch da geblieben ist. xD
fritzausDA 25.12.2015
3. Jedes Kind ist
ein Geschenk für die Eltern - egal, wann es geboren wird. Wir sind schon aufs nächste Enkelchen gespannt, es soll am 14.04. kommen. Mama kam am 19.09. zu Welt, Oma am 16.06., Opa am 12.02. Wird spannend!!
elibobo 25.12.2015
4. Christi Geburt
ist am 25.12. Ich habe so ein Christind- und den Geburtstag feiern wir mit den Freunden am 25.6. Sonst wäre der Geschenke-Overkill wohl noch schlimmer :-)) Außerdem hat am 25.12. ohnehin keiner Zeit - ist ja Weihnachten.
Seraphan 26.12.2015
5.
Ein Hoch auf die Hebammen. In meinen Augen einer der wenigen Berufe, für den man wirklich Leidenschaft haben muss. Ich hätte mich vorgestern über ein Christkind gefreut. Es kam jedoch einen Tag früher. Ob das so viel besser ist, ist fraglich. Die meisten haben vor Weihnachten so viel zu tun, dass ich für die kommenden Geburtstage auch keine bessere Situation als bei einem Christkind sehe. Aber das soll unsere Freude nicht trüben.
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