Gesetzesänderung in Australien: Kita-Platz? Nur mit Impfung

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Ohne Impfschutz sollen Kinder in Australien keinen Kita-Platz mehr bekommen. Deutsche Behörden lehnen eine Impfpflicht zwar ab, doch Kinderkrankheiten wie Masern sind wieder auf dem Vormarsch. Manche Kindertagesstätten üben deshalb in Eigenregie Druck auf Eltern aus.

Australische Impf-App (Screenshot): Impfen nicht vergessen! Zur Großansicht
NSW

Australische Impf-App (Screenshot): Impfen nicht vergessen!

"Ungeimpfte Kinder werden von der Kinderbetreuung ausgeschlossen." So steht es in einer Gesetzesänderung, die die Regierung des australischen Bundesstaates New South Wales (NSW) einführen will. "Jeder, der ein Baby mit Keuchhusten gesehen (…) oder mit Eltern gesprochen hat, die ein Kind verloren haben, kennt die katastrophalen Folgen einer ausgebliebenen Impfung", sagt die NSW-Gesundheitsministerin Jillian Skinner. Wer seinen Nachwuchs nicht impfen lasse, der müsse in Zukunft eine Ausnahmegenehmigung des Kinderarztes vorlegen.

Die drastische Regelung in Australien soll der Impfmüdigkeit vorbeugen, die sich in vielen industrialisierten Ländern breitmacht. Auch in Deutschland werden zahlreiche Kinder erst spät oder nicht vollständig geimpft. Besonders eindrücklich sind die Folgen am Beispiel der Masern zu erkennen: Immer wieder kommt es zu regionalen Ausbrüchen wie kürzlich in München und zu Todesfällen. Bis zum 29. Mai 2013 haben sich nach Statistiken des Robert Koch-Instituts (RKI) in diesem Jahr immerhin 298 Menschen mit dem Virus infiziert.

In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Australien keine Bestrebungen, eine Impfpflicht einzuführen. Und das soll nach dem Willen der Ständigen Impfkommission (Stiko) am RKI, die Impfungen für Deutschland bewertet und Empfehlungen ausspricht, auch so bleiben: "Wir setzen auf Aufklärung, Information und die Vernunft der Eltern", sagt der Stiko-Vorsitzende Jan Leidel zu SPIEGEL ONLINE.

Eine Pflicht könne den Impfgedanken beschädigen, Misstrauen schüren und schlechtere Impfraten bescheren. Das habe die Erfahrung mit der Pockenschutzimpfung gezeigt, die jahrelang Vorschrift war. Zahlreiche Ärzte hätten impfskeptischen Patienten attestiert, dass eine Immunisierung bei ihnen nicht möglich oder gefährlich sei. "Die Beteiligung war insgesamt geringer als jetzt bei den Masern", so Leidel.

"Wir wollen die Kinder nicht bestrafen"

Noch immer glauben viele Eltern, dass Impfungen gefährlich sind. Dass die eigentliche Bedrohung die Krankheiten sind, vor denen die Immunisierungen schützen, gerät zunehmend in Vergessenheit. Zwar übersteht die Mehrzahl der Kinder eine Infektion. Doch Komplikationen wie Lungenentzündungen, Fehlbildungen in der Schwangerschaft oder eine Entzündung des Gehirns können die dramatischen Folgen einer vermeintlich harmlosen Kinderkrankheit sein. Neun von zehn ungeimpften Menschen erkranken an Masern, wenn sie mit dem Erreger in Kontakt kommen. Etwa fünf bis 15 Prozent der Fälle werden durch eine Mittelohrentzündung und bis zu zehn Prozent durch eine Lungenentzündung verkompliziert. Das European Centre for Disease Prevention and Control gibt an, dass ein bis drei von 1000 erkrankten Kindern sterben. Impfschäden liegen nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts hingegen im Promillebereich.

Durch die Furcht vor Impfkomplikationen rückt auch das Ziel, die Masern in Deutschland und anderen europäischen Staaten zu eliminieren, in weite Ferne. Nur wenn mehr als 95 Prozent aller Kinder zweimal gegen Masern geimpft würden, hätte der Erreger schlechte Chancen zu überleben. An der ersten Immunisierung, die im Alter von elf bis 14 Monaten gemeinsam mit der Impfung gegen Mumps und Röteln (MMR-Dreifach-Impfung) vorgenommen wird, nehmen hierzulande noch 95 Prozent teil. Zur zweiten Impfung ab sechs Wochen später hingegen gehen nur noch 92 Prozent. In anderen europäischen Ländern sind die Zahlen noch schlechter.

Die australischen Maßnahmen halten die deutschen Experten dennoch nicht für richtig: "Wir wollen Kinder nicht mit dem Ausschluss vom Kindergarten für die irrige Einstellung ihrer Eltern zu Impfungen bestrafen", sagt Stiko-Chef Leidel. "Ich würde mir wünschen, dass wir einen gesellschaftlichen Konsens darüber schaffen, dass Impfungen sinnvoll sind."

Kindergarten besteht auf Impfschutz

An diesem Konsens arbeiten außer Ärzten in Deutschland vor allem Kindergärten: Wer sein Kind in einer Kita anmeldet, wird in den meisten Fällen aufgefordert, den Impfpass vorzulegen. Ist der nicht vollständig, weisen die Erzieher die Eltern auf drohende Infektionen hin, nicht selten fordern sie die Eltern auf, die Immunisierungen vor Beginn der Kita zu komplettieren. "Wir würden ein Kind allerdings nicht zurückweisen, wenn die Eltern sich bewusst gegen eine Impfung entschieden haben", heißt es etwa aus der Öffentlichkeitsabteilung der Hamburger Kita-Vereinigung "Elbkinder".

Doch längst nicht jeder Kindergarten schließt sich der Haltung an, keinen Zwang ausüben zu wollen. Im Netz finden sich zahlreiche Stimmen von Eltern, deren Kind abgelehnt wurde, weil es nicht ausreichend geimpft war. Eine Userin fragt etwa im Forum "Rund ums Baby": "Der von uns gewählte private Kindergarten besteht für eine Aufnahme auf einem vollständigen Impfschutz. Ist das rechtens, da es doch eigentlich keine Impfpflicht gibt?" Die Rechtsanwältin Nicola Bader antwortet: "Wenn der Kindergarten keine gesetzliche Verpflichtung zur Aufnahme hat, kann er im Rahmen der Vertragsfreiheit frei entscheiden, wen er nimmt."

So begegnen Eltern auch in Deutschland mitunter einem Druck, der dem australischen Modell zumindest in Teilen nahekommt. Erst wenn sich die Regierung von New South Wales durchsetzt und in der Folge Zahlen vorlegt, wird sich zeigen, welches System mehr Kinder vor unnötigen Krankheiten schützen kann: Zwang oder Vernunft.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
Erwachsene sollten nachgeimpft werden, wenn ihr Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung nicht ausreicht. Muss sowieso gegen Tetanus geimpft werden, etwa bei einer Verletzung, sollte gleich der Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten verwendet werden.

Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.

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1. Promillebereich
allesfürdiekatz 29.05.2013
"dass ein bis drei von 1000 erkrankten Kindern sterben. Impfschäden liegen nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts hingegen im Promillebereich" Aha, die Letalität liegt also auch im Promillebereich. Wenn man den Impfgegnern mit solchen rhethorischen Taschenspielertricks kommt, schießen man sich als Impfbefürworter eher ein Eigentor.
2. Gute Sache
henrywotton 29.05.2013
Zunächst: Find ich gut, was die Australier machen. In unserer verweichlcihten Welt wird ja gern mal vergessen, dass "harmlose" Dinge wie Windpocken noch zur Jahrhundertwernde ganze Inseln entvölkert haben. Kinder nicht impfen zu lassen, grenzt für mich an Körperverletzung/Misshandlung. Nun aber meine Frage: Ich, 1976 geboren, konnte mangels Impfstoff noch nicht gegen alles geimpft werden, und habe daher mindestens Mumps, Masern, Windpocken und Röteln durchgemacht. (Windpockennarben habe ich bis heute, also auch daher lieber den Kindern erparen!) Bin ich damit jetzt wirklich gegen das Zeugs immun oder lohnt sich bei Risikokontakten eine erneute Impfung? (=Viele Kleinkinder im Haus, die schleppen sowas dank impfmüder Eltern ja gerne an!!) Danke für jede Info.
3. @henrywotton:
Blaue Fee 29.05.2013
An sich ist man dann immunisiert. Sollten Sie noch keine Röteln gehabt haben, dann lege ich Ihnen die Impfung nahe. (Ich habe mich vor der Schwangerschaft dagegen impfen lassen.) Bei uns gibt es auch keine Krippe ohne Impfung - und das ist gut so.
4. Danke!
henrywotton 29.05.2013
Zitat von Blaue FeeAn sich ist man dann immunisiert. Sollten Sie noch keine Röteln gehabt haben, dann lege ich Ihnen die Impfung nahe. (Ich habe mich vor der Schwangerschaft dagegen impfen lassen.) Bei uns gibt es auch keine Krippe ohne Impfung - und das ist gut so.
Danke, ich frag zur Sicherheit mal meine Eltern ... die leben zum Glück noch und haben ein stabiles Erinnerungsvermögen.
5. In Tschechien gang und gäbe
walu 29.05.2013
In Tschechien kommt kein Kind in den Kindergarten, bevor es nicht komplett durchgeimpft ist. Ob dies den Eltern gefällt oder nicht, wird nicht abgefragt.
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  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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