Geburtenrate Nein, es gibt keine Bevölkerungsexplosion in Indien

Indiens Einwohnerzahl wächst, schon bald ist es das Land mit den meisten Menschen. Dennoch: Ängste vor einer Bevölkerungsexplosion sind unbegründet.

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Von Rema Nagarajan


Mehr als eine Milliarde Menschen! Droht in Indien eine Bevölkerungsexplosion? Diese Frage wird mir als Inderin ständig gestellt, wenn ich auf Reisen bin.

Manche sind einfach nur besorgt, manche bedauern mich, und andere haben regelrechte Horrorvorstellungen. Inzwischen habe ich mir eine Standardantwort zurechtgelegt:

Nein, es gibt keine Bevölkerungsexplosion mehr in Indien.

Zwar steigt die Einwohnerzahl noch, aber immer langsamer. Und schon bald werden in Indien pro Frau genauso viele Kinder geboren wie etwa in Frankreich.

Zur Person
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    Rema Nagarajan arbeitet als Journalistin beim indischen Medienkonzern The Times Group. Sie beschäftigt sich mit Gesundheitsthemen. Nagarajan hat als "Medianbotschafterin Indien-Deutschland" sechs Wochen lang in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE hospitiert.

Die Geburtenrate, also die durchschnittliche Zahl an Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt, ist von 5,9 im Jahr 1951 auf 2,3 im Jahr 2011 gesunken. Eine Rate von 2,1 ist übrigens nötig, damit die Bevölkerung nicht schrumpft.

Indien dürfte diesen Wert im Jahr 2020 erreichen, also bereits in vier Jahren und viel früher als erwartet. Das Land steht also keinesfalls vor einer Bevölkerungsexplosion, sondern vielmehr vor einer Stabilisierung der Einwohnerzahl. Und das ganz ohne drakonische Maßnahmen wie die in China praktizierte Ein-Kind-Ehe oder staatlich verordnete Empfängnisverhütung.

In den urbanen Regionen Indiens liegt die Fertilitätsrate bereits jetzt bei 1,8 - nicht mehr weit weg von der Quote in der EU von 1,6. Zugegeben: Die 400 Millionen Stadtbewohner repräsentieren nur ein Drittel der gesamten Bevölkerung.

Eine auf dem Land lebende Inderin bekommt im Schnitt 2,5 Kinder - das liegt aber auch nicht mehr so weit über der Marke von 2,1. Schaut man sich die Statistiken der 36 Bundesstaaten und direkt vom Bund verwalteten Regionen an, wird deutlich, dass die Unterschiede auch hier nicht mehr besonders groß sind. Nur in zwei Bundestaaten übersteigt die Fertilitätsrate den Wert von 3 - und das sind jene mit dem geringsten Entwicklungsstand Indiens.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Indien und China im Unterschied zu vielen anderen Ländern und Regionen schon immer viele Einwohner hatten. Im Jahr 1900 lebten in Indien rund 240 Millionen Menschen. Und auch im 19. Jahrhundert hatte der indische Subkontinent etwa 200 Millionen Einwohner, wenn man Pakistan und Bangladesch hinzurechnet.

Die Bevölkerung wuchs während der Kolonialzeit nur langsam, Millionen verhungerten oder starben bei Epidemien. Erst mit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 setzte ein starkes Wachstum ein.

Der Begriff der Bevölkerungsexplosion geht übrigens auf den US-Biologen Paul R. Ehrlich zurück. Er hatte 1968 ein Buch mit dem Titel "Die Bevölkerungsbombe" veröffentlicht, in dem Indien zur Metapher der drohenden Überbevölkerung der Welt wurde.

Seine düstere Vision von weltweiten Hungersnöten, an denen zwischen 1970 und 1980 Millionen Menschen weltweit sterben würden, bewahrheitete sich freilich nicht, obwohl die Bevölkerung Indiens in der Zeit weiter wuchs. Anders als von Ehrlich prognostiziert, gelang es, die Produktion von Nahrungsmitteln deutlich zu steigern.

Die Zeiten hohen Bevölkerungswachstums sind in Indien längst vorbei. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren lag das Wachstum noch bei knapp 25 Prozent pro Jahrzehnt. Danach sank die Rate, besonders schnell in den Neunzigern. Laut der letzten Volkszählung im Jahr 2011 lag der Anstieg seit 2001 bei 17,6 Prozent. Inzwischen ist die Quote weiter gesunken.

Stellt sich die Frage: Wann schrumpft Indiens Bevölkerung? So schnell wird das nicht passieren, selbst wenn die Fertilitätsrate bereits den Wert von 2,1 unterschritten haben sollte. Im Jahr 2022 wird Indien laut Uno-Schätzung 1,4 Milliarden Einwohner haben und China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen.

Und wohl erst im Jahr 2060 wird die Bevölkerungszahl ihren höchsten Wert erreichen - und zwar 1,75 Milliarden. Danach wird die Zahl sinken.

Weshalb Indiens Bevölkerung trotzdem noch wächst

Warum aber steigt die Einwohnerzahl, wenn die Fertilitätsrate längst den Wert von 2,1 Kinder pro Frau erreicht oder sogar unterschritten hat?

Dahinter steckt die sogenannte demografische Eigendynamik. Es ist wie bei einem großen Tanker. Selbst wenn man bei voller Fahrt die Maschinen stoppt, fährt das Schiff trotzdem noch ein großes Stück weiter geradeaus. Es viel zu schwer und zu träge, um schnell zu reagieren.

In Indien ist es die spezielle Bevölkerungsstruktur, die einen schnellen Stopp des Einwohnerwachstums verhindert. 59 Prozent der Menschen sind jünger als 25. Wenn jede der mehr als 300 Millionen jungen Frauen in den kommenden Jahren im Schnitt zwei Kinder bekommt, sind das mehr als 600 Millionen Kinder.

Die Einwohnerzahl steigt erst einmal weiter, weil im Vergleich dazu nur wenige alte Inder sterben. Von ihnen gibt es nämlich deutlich weniger.

Hier deutet sich die nächste großer Herausforderung an: der demografische Wandel. Im Jahr 2050 werden 330 Millionen Inder über 60 Jahre alt sein.

Wenn ich all diese Zahlen und Fakten erklärt habe, werde ich oft gefragt, woran es liegt, dass die Inderinnen immer weniger Kinder bekommen. Viele vermuten, es liege an der Familienpolitik der Regierung. Das mag teilweise stimmen, aber es gibt da noch etwas anderes: Die beste Empfängnisverhütung nennt sich Wohlstand.

Es ist überall auf der Welt das Gleiche: Je besser Frauen gebildet sind, je höher ihr Status in der Gesellschaft ist und je leichter sie verhüten können, umso weniger Kinder haben sie. Und in entwickelten Ländern bevorzugen auch Männer kleinere Familien.

Die Sache ist im Grunde einfach: Werden die Rechte und die Möglichkeiten von Frauen gestärkt, entschärft sich die Bevölkerungsbombe von ganz allein.



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