Bei schwerwiegenden Erbkrankheiten Spahn will Krankenkassen für Gentests an Embryos bezahlen lassen

Haben Eltern eine gefährliche Erbkrankheit, können sie das Erbgut ungeborener Kinder untersuchen lassen. Bisher müssen sie die Kosten selbst tragen. Gesundheitsminister Spahn will das ändern - aber nur für Verheiratete.

Künstlerische Darstellung einer Präimplantationsdiagnostik (PID)
Getty Images/Science Photo Library RF

Künstlerische Darstellung einer Präimplantationsdiagnostik (PID)


Die gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) für solche Paare bezahlen, die eine Veranlagung zu einer schwerwiegenden Erbkrankheit haben. Das sei der Wille von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, berichtete zunächst das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Spahn hat dazu einen Änderungsantrag zum Terminservice-Gesetz vorgelegt, der im Bundestag beraten wird und dem SPIEGEL vorliegt. Es ist nicht der erste Vorstoß des Gesundheitsministeriums dieser Art. Erst vor Kurzem hatte Spahn gefordert, Fettabsaugungen bei Frauen mit Lipoödem zur Kassenleistung zu machen. Kritiker fürchten nun, dass künftig das Gesundheitsministerium willkürlich über die Kostenübernahme von Therapien entscheiden könnte.

Kosten bis zu 20.000 Euro

Untersuchungen an Embryonen unterliegen in Deutschland strengen gesetzlichen Regelungen. Nur unter besonderen Umständen darf ein Embryo vor dem Einpflanzen überhaupt genetisch untersucht werden; mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. Entweder muss das Risiko schwerer Erbkrankheiten bestehen - oder die hohe Wahrscheinlichkeit einer Tot- oder Fehlgeburt. PID-Ethikkommissionen entscheiden darüber, ob eine Untersuchung erlaubt ist.

Bislang müssen Betroffene die PID selbst zahlen, die laut RND bis zu 20.000 Euro kostet. Aus Kreisen des Gesundheitsministeriums hieß es am Dienstag, wenn die PID in bestimmten Fällen legal sei, dürfe sie nicht aufgrund der Kosten ein "Privileg" für Wohlhabende sein.

Wie viele Anträge auf eine PID bei den fünf Ethikkommissionen in Deutschland gestellt werden, wird nicht zentral erfasst. Experten gehen von etwa 300 bis 400 Fällen im Jahr aus. Ein Großteil davon kommt vor die bayerische Ethikkommission, weil dort besonders viele PID-Zentren ihren Sitz haben.

Nur für Ehepaare

Bei der PID werden dem Embryo nach einer künstlichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs Zellen entnommen, um das Erbgut auf veränderte Gene zu untersuchen. Embryonen mit Schäden werden der Mutter nicht eingepflanzt. Damit sollen Totgeburten ebenso vermieden werden wie die Geburt eines schwer kranken Kindes. Der Bundestag hatte die PID 2011 nach einem emotionalen Streit in engen Grenzen zugelassen. Kritiker sahen darin einen Dammbruch hin zu "Designer-Babys".

Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
DPA
Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Mit der nun geplanten Kostenübernahme werde der damalige Bundestagsbeschluss im Leistungsrecht der Kassen nachvollzogen, zitiert das RND aus dem Antrag. Voraussetzung für eine Kostenübernahme soll demnach sein, dass die Paare verheiratet sind. Außerdem dürften nur Ei- und Samenzellen der beiden Ehegatten verwendet werden. Es sei geplant, dass insgesamt drei Versuche zur Implantation der untersuchten Embryonen in die Gebärmutter bezahlt werden.

koe/dpa



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