Wunschkaiserschnitt Geburt nach Terminplaner

Mittwoch Gymnastik, Donnerstag Teerunde, Freitag Geburt: Immer mehr Frauen wünschen sich einen geplanten Kaiserschnitt. Im Interview erzählt die Gynäkologin Babett Ramsauer, warum so viele vor einer normalen Geburt zurückschrecken und welche Risiken der Eingriff für Babys birgt.

Hochschwangere: Immer mehr Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt
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Hochschwangere: Immer mehr Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt


SPIEGEL ONLINE: Wünschen sich heute mehr Frauen einen Kaiserschnitt als früher?

Ramsauer: Die Anzahl der Frauen, die sich einen solchen Eingriff wünschen, nimmt stetig zu, wenn auch nicht dramatisch. Das sehen wir an unserer Klinik, und wir hören dies auch von vielen Kollegen. Verlässliche Daten dazu gibt es allerdings nicht, weil Ärzte auch bei einem Wunschkaiserschnitt gern medizinische Gründe für die Operation angeben. Nicht alle Krankenversicherungen erstatten die Kosten für einen Wunschkaiserschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Warum wünschen sich Frauen einen Kaiserschnitt?

Ramsauer: Sie haben zum Beispiel Angst davor, dass sie als Folge der vaginalen Geburt inkontinent werden könnten, dass sie Probleme beim Geschlechtsverkehr bekommen könnten, was bei schweren Geburten auch der Fall sein kann. Und sie fürchten Verletzungen im Bereich des Damms und der Scheide. Andere kommen zu uns, weil sie von den schlechten Erfahrungen einer Freundin bei der Geburt gehört haben und nicht das Gleiche durchmachen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Planbarkeit der Geburt auch ein Grund?

Ramsauer: Das hören wir auch. Natürlich hat es einen gewissen Charme, den genauen Geburtstermin des Kindes zu kennen. Der Mann kann sich Urlaub nehmen, die Oma kann zur Unterstützung anreisen, zu Hause steht alles für das Kind bereit. Aber diese Frauen sind vor allem sehr gut informiert und haben sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Manche von ihnen sagen, dass sie sich dem Geburtsvorgang nicht hingeben können oder wollen. Dass für sie schon immer klar war, dass sie ihr Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt bringen würden. Mit dieser ablehnenden Einstellung zu einer natürlichen Geburt wäre es sehr schwierig, diese zu versuchen. Allein die Anspannung der Mutter würde den Geburtsvorgang erschweren.

SPIEGEL ONLINE: Der Wunschkaiserschnitt gilt jedoch als Lifestyle-Eingriff.

Ramsauer: In unserer Gesellschaft gibt es die unausgesprochene Erwartung, dass Frauen Kinder zur Welt bringen - und zwar auf dem natürlichen Weg der vaginalen Geburt. Dabei könnten Ärzte beim heutigen Stand der Technik sagen: Es gibt zwei Formen, Kinder auf die Welt zu bringen - mit Hilfe eines Kaiserschnitts oder auf natürlichem Wege. Die Fortschritte im Bereich der Operations- und Narkosemethoden haben ermöglicht, dass das Risiko eines geplanten Kaiserschnittes heute für die Mutter nicht höher ist als das einer normal verlaufenden, vaginalen Geburt.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit dem Risiko für das Kind?

Ramsauer: Nach einem Kaiserschnitt haben Kinder ein erhöhtes Risiko, später im Leben zum Beispiel an Asthma oder Autoimmunerkrankungen, Diabetes oder kognitiven Störungen zu leiden. Allerdings wissen wir heute, dass das Risiko für diese Erkrankungen sehr davon abhängt, wann die Kinder geboren werden - ganz unabhängig von einem Kaiserschnitt oder einer vaginalen Geburt. Kinder, die direkt zu Beginn der 38. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, schneiden zum Beispiel in der Schule oft schlechter ab als solche, die später geboren werden. Wir können wahrscheinlich viele Risiken eines Kaiserschnitts minimieren, wenn wir die Operation erst zu Beginn der 40. Schwangerschaftswoche durchführen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Risiken bleiben?

Ramsauer: Bei der natürlichen Geburt steigt die Konzentration von Stresshormonen im Blut der Säuglinge stark an - was ihnen offensichtlich hilft, ihren Kreislauf an die Welt außerhalb des Mutterleibs anzupassen. Auch presst der Geburtsvorgang das Fruchtwasser aus den Lungen der Kinder. Etwa eines von tausend Neugeborenen muss nach einem Kaiserschnitt für ein bis zwei Tage künstlich beatmet werden. In der Diskussion wird allerdings oft vergessen, dass auch die vaginale Geburt Risiken für das Kind birgt, Verletzungen am Kopf etwa oder an den Schultern. Wichtig ist es vor allem, dass die Schwangeren über alle Risiken eines Kaiserschnitts und einer natürlichen Geburt informiert sind, damit sie die richtige Entscheidung für sich und ihr Kind treffen können.

Das Interview führte Astrid Viciano

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insgesamt 228 Beiträge
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miro-dresden 08.03.2013
1. Kranke Medizin
Wir wollen alles in der Hand haben und kontrollieren können und merken nicht, wie wir uns vom Leben entfernen ... Die Folgen werden dann wieder chemisch/mechanisch "repariert" werden. Das Kind als Artikel, termingerecht abgeholt, falls es dann nicht funktioniert mit Ritalin o.ä. passend gemacht, nur damit wir - Mütter und Väter - uns nicht Zeit nehmen müssen, nur damit wir nicht tatsächlich mit ihm in Beziehung gehen müssen, was unser leben schmerzhaft in Frage stellen würde. Kinder - angefangen von ihrer Geburt - sind, Gott sei dank, sehr lebendig, und damit anstregend, das kann auch schmerzhaft sein, aber eben auch ungalublich beglückend. Wer das eine wegmachen will wird das andere auch nicht mehr unmittelbar erleben. Schlimm die Rolle der Medizin (s. Interview), aber auch nicht verwunderlich.
masseur81 08.03.2013
2. Ich versteh es nicht!
Möchte uns Frau Ramsauer doch tatsächlich weismachen, dass wir jederzeit und ohne wesentlichen Unterschied zwischen Spontangeburt und Wunschkaiserschnitt wählen können? Die Risiken sind andere, aber jeweils gleich zu bewerten? Und was heißt hier unausgesprochene Erwartung? Ich spreche es aus. Ich erwarte, dass eine Frau - sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen - ihr Kind spontan zur Welt bringt. Denn das ist einfach natürlich und der beste Start für das Neugeborene ins Leben. Natürlich ist es nicht so bequem für die heutige Ich-Bezogene Gesellschaft. Aber ich denke, man sollte Frauen bei der Vorbereitung auf und auch während der Geburt unterstützen soweit es nur geht, anstatt unser Gesundheitssystem mit solchen Luxus-OPs zu belasten.
na!!! 08.03.2013
3. nichts weiter als ein Spiegel der zeit
es ist modern und entspricht dem zeitgeist und fertig .
Walter Sobchak 08.03.2013
4. .
Unverantwortlich diese Bewerbung des medizinisch nicht indizierten KS.
wilhelmineb 08.03.2013
5. zu einseitig
Wie ist das eigentlich? Verdienen Ärzte und Krankenhäuser eigentlich mehr an Kaiserschnitten als an natürlichen Geburten? Das würde erklären, dass wohl ein paar Vorteile der Vaginalgeburt vergessen wurden, zum Beispiel, dass dabei die optimale Besiedlung des Kindes mit Darmbakterien erfolgt. Oder dass die Vaginalruptur an der Kaiserschnittnarbe hier kein Thema ist. Ich kann ja verstehen, dass bei Problemen während der Geburt der Kaiserschnitt ein wichtiges Instrument werden kann. Aber ihn als ganz normalen Vorgang auf die gleiche Stufe mit der natürlichen Geburt hinstellen, finde ich nicht in Ordnung. Es ist und bleibt eine Operation, für die man meiner Meinung nach wichtigere Anlässe als "Terminprobleme" haben sollte.
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