Reborn-Puppen Neugeborene aus Plastik

Sie sehen nicht nur aus wie echte Babys, sondern fühlen sich sogar so an: Die Fotografin Karolina Jonderko zeigt Besitzer lebensechter Puppen.

Karolina Jonderko

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Als Lincoln zur Welt kommt, wiegt er 2900 Gramm und ist 52 Zentimeter groß - doch er wird niemals wachsen oder zunehmen. Er ist zudem äußerst pflegeleicht, seine Mutter muss ihn nicht füttern und keine Windel wechseln. Denn Lincoln ist eine sogenannte Reborn-Puppe: Auch wenn er täuschend echt aussieht, besteht sein Körper aus Silikon und Vinyl. Ein Künstler fertigte ihn von Hand an, setzte jedes einzelne Haar in das Köpfchen ein, bemalte sein Gesicht mit viel Akribie. Mit einem Dokument, fast wie eine Geburtsurkunde, kam er dann in einem Paket bei seiner Besitzerin an, die ihn sozusagen adoptierte.

DieFotografin Karolina Jonderko ist fasziniert von den Puppen: "Sie erwecken einen starken Beschützerinstinkt. Du nimmst sie in die Hand, und man hält sie sofort so, dass man ihr Genick schützt." Man könne nichts dagegen machen, sie wie normale Babys zu behandeln. Und das tun auch viele der Besitzerinnen, die Jonderko für ihr Projekt in Großbritannien und Polen getroffen hat: Die Frauen erzählten der Fotografin, wie sie mit den Puppen spazieren gehen, sie anziehen, mit ihnen verreisen und sie in ihre Familie integrieren.

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Faszinierende Objekte: Lebensechte Puppen

"Reborn" bedeutet wiedergeboren, denn für die ersten Exemplare wurden alte Spielpuppen neu gestaltet. Heute werden sie speziell angefertigt, ganz nach den Wünschen der Kunden: mal schlafend, mal wach, hell- und dunkelhäutig, manchmal nach Fotos modelliert. Jede der Reborns ist einzigartig.

Die Puppen stillen unterschiedliche Bedürfnisse: Viele der Frauen haben Babys verloren oder können selbst keine Kinder bekommen - die realitätsgetreuen Objekte dienen als Ersatz. "Der Mutterinstinkt ist so stark, dass sie ihre Liebe auch einem unechten Kind geben", berichtetet Jonderko. So fühlen sich die neuen Mütter gebraucht und nicht allein.

Die Puppen seien ein wirkungsvolles Therapiewerkzeug, würden helfen mit negativen Gefühlen wie Depression oder Angst umzugehen, sagt die Fotografin. "Es ist erstaunlich, wie dieser Gegenstand sich auf unser Gehirn, unseren Körper auswirken kann. Es ist bewiesen, dass mit einem Baby zu kuscheln, Hormone freisetzt, die ein Gefühl des Wohlbefindens erzeugen." Deshalb geben auch bereits manche Pflegeheime ihren Bewohnern solche Puppen.

Jonderko traf außerdem Jugendliche, die noch zu jung für ein eigenes Baby waren, sich aber bereits auf das Mutterdasein vorbereiten wollen. Auch bei Sammlern sind die sorgfältig gestalteten Objekte beliebt, sie gelten als Kunstwerke. Mehrere Hundert Euro bezahlen sie für eine Puppe - je nach Aufwand und Präzision. USA, Deutschland, Polen und Großbritannien gelten als größte Märkte.

Die Frauen erzählten Jonderko, wie unterschiedlich ihr Umfeld reagiert: Manche seien fasziniert von den Puppen, andere fänden sie verstörend, sogar beängstigend. Viele würden die Besitzerinnen verurteilen, Medien häufig negativ über sie berichten. Deshalb war es für die Fotografin anfangs schwierig, Kontakt aufzunehmen - die Frauen begegneten ihr voller Misstrauen. Doch Jonderkos Bilder stellen niemanden bloß, sie zeigen wie die Puppen zu einem Teil des Lebens werden. Aber auch, wie sich die Frauen wieder von ihnen trennen können, wenn sie zum Beispiel ein echtes Baby bekommen.

TV-Reportage über Reborn-Babys "Sabines Nursery"


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