Kinderstudie: Regelmäßige Bettzeiten stärken die geistige Entwicklung

Von

Schlafen dreijährige Kinder unregelmäßig, leidet wahrscheinlich ihre Intelligenz. Zu diesem Ergebnis kommt eine große britische Studie mit mehr als 11.000 Kindern. Besonders häufig betroffen ist der Nachwuchs sozial schwacher Familien.

Nein, ich will nicht schlafen: Das Kinderhirn braucht Ruhe Zur Großansicht
Corbis

Nein, ich will nicht schlafen: Das Kinderhirn braucht Ruhe

Mit ihrer Wissbegierigkeit können Kleinkinder ihre Eltern in den Wahnsinn treiben - und noch ein Stückchen weiter: Papa, warum sieht diese Frau so anders aus? Mama, was war das für ein Geräusch? Täglich speichert das kleine Kindergehirn neue Informationen ab, Wörter, Zahlen, Dinge über das Zusammenleben der Menschen und die vielen, vielen Regeln, die dieses steuern.

Damit es die Informationen gut verarbeiten kann, braucht das Gehirn vor allem eins: Ruhepausen und einen erholsamen Schlaf. Wie wichtig beides ist, zeigt eine aktuelle Studie. Fehlt Kindern im Alter von drei Jahren ein regelmäßiger Schlafrhythmus, leidet offensichtlich ihre geistige Entwicklung, berichten Forscher um Yvonne Kelly vom University College London im "Journal of Epidemiology and Community Health".

Für die Untersuchung nutzten die Forscher die Daten der UK Millennium Cohort Study von mehr als 11.000 in Großbritannien geborenen Kindern. Alle Kinder wurden im Alter von drei, fünf und sieben Jahren zu Hause besucht und ihre Mütter unter anderem zu Familienroutinen, Einkommen und dem Berufsstand befragt. Außerdem mussten alle Kinder im Alter von sieben Jahren bei Tests ihre Lesefähigkeit, ihr mathematisches Können und ihre räumliche Vorstellungskraft unter Beweis stellen. Die Ergebnisse glichen die Forscher mit den Zubettgehzeiten der Kinder ab.

Stärkere Assoziation bei Mädchen

Dabei zeigte sich, dass offensichtlich besonders Dreijährige unter unregelmäßigen Schlafenszeiten leiden. Die Mädchen und Jungen, die als Dreijährige unregelmäßig ins Bett gegangen waren, schnitten später im Alter von sieben Jahren bei drei Tests schlechter ab als regelmäßige Schläfer. "In dieser Lebensphase sind die Kinder möglicherweise besonders sensibel", schreiben die Forscher. Gleichwohl räumen sie ein, dass die Unterschiede nur relativ gering seien.

Beim Schlafrhythmus der Fünfjährigen konnten die Forscher keine negativen Auswirkungen finden, auch den siebenjährigen Jungen schien der unregelmäßige Schlaf zumindest bei den Intelligenztests nicht zu schaden.

Die Mädchen hingegen, die als Siebenjährige unregelmäßig schliefen, waren beim Lesen, Zahlenverständnis und räumlichen Denken schlechter dran. Zudem zeigte sich bei den Mädchen ein steigender Effekt: Schliefen sie in der untersuchten Zeit nie regelmäßig - weder mit drei, noch mit fünf, noch mit sieben Jahren -, waren sie durchschnittlich geistig weniger entwickelt.

"Unsere Ergebnisse deuten eine stärkere Assoziation bei Mädchen an", schreiben die Wissenschaftler. "Dies könnte daran liegen, dass Mädchen empfindlicher auf ihr psychosoziales Umfeld reagieren als Jungen und unregelmäßige Schlafzeiten nicht so leicht wegstecken."

Ein negativer, lebenslanger Dominoeffekt

Generell zeigte sich, dass viele Kinder mit unregelmäßigem Schlafrhythmus eher aus sozial schwachen Familien kamen. Um die Ergebnisse der Studie dadurch nicht zu verzerren, rechneten die Forscher in ihrer Analyse den Einfluss einer langen Liste an Faktoren heraus. Dazu zählten neben dem sozialen Hintergrund der Kinder - etwa Einkommen, Berufsstand und Bildung der Eltern - unter anderem die Fernsehgewohnheiten der Kinder und die Tatsache, ob die Mutter in der Schwangerschaft geraucht oder getrunken hatte.

Dennoch hat die Studie ein großes Manko: Sie konnte den Zusammenhang zwischen Zubettgehzeit und geistiger Entwicklung nur beobachten und nicht direkt nachweisen. Dafür wäre etwa eine Studie notwendig, bei der eine Gruppe Kinder gezielt eine Zeit regelmäßig und eine andere Gruppe Kinder aus demselben Hintergrund ganz gezielt unregelmäßig schläft. Umzusetzen ist das nur schwer.

Für die Ergebnisse der aktuellen Studie spricht, dass sie sich mit den Ergebnissen mehrerer anderer kleiner Untersuchungen decken. So kam etwa eine weitere Studie zu dem Schluss, dass Kinder, die im Alter von 2,5 Jahren ein Schlafdefizit haben, im Alter von sechs Jahren bei Tests zu ihrer geistigen Entwicklung schlechter abschneiden - auch wenn sie in der Zeit nach dem Schlafdefizit genügend geschlafen hatten.

"Beständige Zubettgehzeiten während der Kindheit hängen mit einer guten geistigen Leistungsfähigkeit zusammen", schließen die Forscher in ihrem Fazit und appellieren an die Politik: Kinder sozial schwacher Familien müssten besser unterstützt werden. Die frühkindliche Entwicklung sei sehr wichtig und könne einen lebenslangen Dominoeffekt anstoßen: "Die Aneignung von Wissen und Fähigkeiten ist ein zentraler Entwicklungsprozess in der frühen Kindheit", schreiben sie. "Spätere Gewinne basieren immer auf dem, was man einmal gelernt hat."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wundert mich nicht.
Blaue Fee 09.07.2013
Kinder brauchen ausreichenden Schlaf und einen strukturierten Tag. Wenn man bedenkt, dass sich viele Hormone erst in Ruhephasen aktivieren, reicht das schon aus, um Differenzen zu erkennen.
2. Wenn man in einer Studie...
Konradii 09.07.2013
Zitat von sysopSchlafen dreijährige Kinder unregelmäßig, leidet wahrscheinlich ihre Intelligenz. Zu diesem Ergebnis kommt eine große britische Studie mit mehr als 11.000 Kindern. Besonders häufig betroffen ist der Nachwuchs sozialschwacher Familien. Kinder: Regelmäßige Bettzeiten stärken die geistige Entwicklung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/kinder-regelmaessige-bettzeiten-staerken-die-geistige-entwicklung-a-910188.html)
...den Nachwuchs sozialschwacher Familien regelmäßig schlafen ließe, während man den Nachwuchs sozialstarker Familien unregelmäßig schlafen ließe, dann wäre das Ergebnis der Studie vermutlich,dass ...die Intelligenz von Kindern bei regelmäßigem Schlaf leider!
3. Fernsehen...
emdemuc 09.07.2013
Zitat aus dem Artikel: "Dazu zählten neben dem sozialen Hintergrund der Kinder (...) unter anderem die Fernsehgewohnheiten der Kinder" Zitatende - Da kann man sicherlich einen signifikateren Zusammenhang herstellen. Es gibt ja genügend Studien, die einen Zusammenhang zwischen geistiger Entwicklung und Fernsehkonsum - gerade bei Kindern jünger als 3 Jahre - feststellen. Wenn alle Eltern darauf verzichten würden, ihre kleinen Kinder vom dem Fernseher zu parken, wäre denen wahrscheinlich am meisten geholfen...
4.
ajf00 09.07.2013
Zitat von Konradii...den Nachwuchs sozialschwacher Familien regelmäßig schlafen ließe, während man den Nachwuchs sozialstarker Familien unregelmäßig schlafen ließe, dann wäre das Ergebnis der Studie vermutlich,dass ...die Intelligenz von Kindern bei regelmäßigem Schlaf leider!
Naja, ganz so einfach ist es nicht, weil der soziale Status in der Untersuchung ja mitbeachtet/rausgerechnet wurde. Allerdings ist schon die Frage, ob es nicht das regelmaessige schlafen ist, das hilft, sondern das regelmaessiges schlafen nur ein Nebeneffekt von Eltern die sich um das Kind kuemmern sind, und da gibt es eben auch unter sozialschwachen wie starken solche und solche. Aehnliche untersuchungen gibt es beispielsweise auch zur Menge der Worte die Eltern mit ihren Kindern sprechen. Kann sein, das das mit ihnen sprechen ansich den Kindern hilft (wogegen spricht das Fernsehen nichts bringt), kann aber auch sein, das einfach liebevollere zugewandtere Eltern auch mehr sprechen. Von dem Spiegel bericht ist mir auch etwas unklar ob es jetzt eigentlich nur um das regelmaessige geht, oder auch um die Dauer des schlafens.
5.
emdemuc 09.07.2013
Zitat von ajf00Aehnliche untersuchungen gibt es beispielsweise auch zur Menge der Worte die Eltern mit ihren Kindern sprechen. Kann sein, das das mit ihnen sprechen ansich den Kindern hilft (wogegen spricht das Fernsehen nichts bringt), kann aber auch sein, das einfach liebevollere zugewandtere Eltern auch mehr sprechen.
Das mit dem Fernsehen spricht gar nicht dagegen. "Echtes" Sprechen oder auch Hörspiele fördern den Spracherwerb und die gesitige Entwicklung. Das konnte mehrfach gezwigt werden. Fernsehen dagegen nicht, was an sich auch logisch ist, da beim Fernsehen die visuelle Komponente dominiert und das Gehörte in den Hintergrund tritt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Schwangerschaft & Kind
RSS
alles zum Thema Schlaf
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Autorin
  • Iris Carstensen
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: