Umstrittene Kindermedizin: "Viele Frühchen haben eine faszinierende Lebenskraft"

In der Kölner Uniklinik überleben besonders viele Frühchen, teils schon in der 23. Schwangerschaftswoche. Eine benachbarte Frauenklinik verweigerte einem ähnlich jungen Kind die Hilfe, es starb - jetzt muss ein Gericht entscheiden. Die Ärztin Angela Kribs über Leben, das sehr nah am Tod beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Sie behandeln hier extrem frühgeborene Kinder, die teilweise nur 22 Wochen im Bauch der Mutter heranwuchsen. Das ist nicht unumstritten, weil vielen Kindern Behinderungen drohen.

Kribs: Es ist immer eine Einzelfallentscheidung, und eine große Rolle spielen die Eltern. Bei vielen ist der Kinderwunsch sehr ausgeprägt, viele warten schon seit Jahren auf Nachwuchs. Und viele dieser Frühchen haben eine Lebenskraft aus sich heraus, die mich in meiner 22-jährigen Berufspraxis immer wieder fasziniert. Sie zeigen eine Vitalität und fordern ein, dass man sie behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ein Kind von sich heraus keine Lebenskraft hat?

Kribs: Es ist ja nicht tot, es braucht Hilfe. Wir müssen es beispielsweise reanimieren. Wenn die Eltern das wollen, gehen wir diesen Weg mit ihnen. Natürlich gibt es auch die Fälle, bei denen wir mit den Eltern besprechen müssen, ob es nicht besser ist, die Therapie einzufrieren.

SPIEGEL ONLINE: In der Regel überleben weniger als 50 Prozent dieser extrem frühgeborenen Kinder, bei Ihnen schaffen es 80 Prozent. Wie machen Sie das?

Kribs: Wir fahren seit Ende der neunziger Jahre die Apparatemedizin zurück. Viele Babys können zum Beispiel selber atmen, nur vielleicht nicht ausreichend, weil die Lungen noch sehr unreif sind und leicht zusammenfallen. Aber sie haben den natürlichen Reflex. Früher wurden all diese Kinder intubiert und maschinell beatmet. Seitdem wir darauf verzichten, haben wir viel weniger Schäden an Lunge, Augen und Gehirn, weniger Kreislaufprobleme.

SPIEGEL ONLINE: Und wie atmen die Kinder, die Unterstützung brauchen?

Kribs: Sie bekommen eine kleine Atemmaske auf die Nase, keinen Schlauch mehr in die Lunge. Dadurch führen wir ihnen unter leichtem Druck Luft zu. Das stabilisiert die Lungen. So können wir sie viel früher wieder mit ihren Müttern zusammenbringen. Das Liegen auf dem Bauch hat großen Einfluss auf die Entwicklung, wir nennen das "Känguruhing". Das ist die Situation, die der in der Gebärmutter am nächsten kommt: die Kinder hören den Herzschlag der Mutter, das Gleichgewichtssystem kann sich ausprägen. Sie schmecken und riechen, das ist ganz wichtig für die Entwicklung der Sinne.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Ländern werden so kleine Babys gar nicht erst behandelt, dort wird eine Grenze in der 24. oder 25. Schwangerschaftswoche gezogen.

Kribs: Ich halte diese Grenzziehung nach dem Schwangerschaftsalter für sehr problematisch, alleine schon, weil die exakte Bestimmung gar nicht möglich ist. Zwei, drei Tage mehr oder weniger können es immer sein. Es gibt Kinder, die sind viel reifer als es die Berechnung der Schwangerschaftswochen hergibt. Dazu haben Mädchen meistens eine bessere Überlebenschance, weil ihre Lungen schon weiter entwickelt sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie behandeln jedes Baby, das lebend zur Welt kommt?

Kribs: In Deutschland ist aktive Sterbehilfe tabu, in den Niederlanden etwa sieht das ganz anders aus. Wir müssen behandeln, schon um Schäden zu vermeiden. Denken Sie doch nur an den Fall des Oldenburger Babys, eine Spätabtreibung. Das Kind lebte, wurde unversorgt liegen gelassen und überlebte - mit schwersten Behinderungen.

SPIEGEL ONLINE: Das jüngste jemals geborene Baby, das überlebte, kam in der 21. Woche zur Welt. Sind medizinisch bald noch extremere Frühgeburten denkbar?

Kribs: Aus heutiger Sicht nicht. Wir haben viele Dinge noch nicht im Griff. Die Haut zum Beispiel ist hauchdünn und extrem verletzlich. Da haben wir noch nichts gefunden, ebenso beim Magen- und Darmtrakt. Der ist häufig so unreif, dass die Kinder Nahrung nicht richtig aufnehmen können und vorübergehend einen künstlichen Ausgang gelegt bekommen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Ihrer Patienten überleben. Aber wie viele müssen mit dauerhaften Schädigungen leben?

Kribs: Sie werden seltener, Behinderungen wie Gehirnlähmung und Blindheit nehmen immer weiter ab. Aber in 50 bis 70 Prozent der Fälle kann es zu einer Störung der geistigen Lernfähigkeit kommen, beispielsweise zu Aufmerksamkeitsstörungen in der Schulzeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Frühchen wegen der Unreife ihres Gehirns weniger intelligent als andere Kinder?

Kribs: Ein wichtiger Parameter für die Entwicklung der Intelligenz des Kindes ist die Schulbildung der Mutter. Wie hat sie sich in der Schwangerschaft verhalten? Geht sie auf Fördermaßnahmen ein? Wie interagiert sie mit ihrem Frühchen? Genau so wichtig ist die pränatale Lungenreife, für die die Mutter vor der Geburt Medikamente erhält.

Das Interview führte Barbara Schmid

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Privatdozentin Angela Kribs ist Kinderärztin mit Schwerpunkt Neugeborenenintensivmedizin. Sie arbeitet als Oberärztin an der Universitätskinderklinik Köln und ist 2. Vorsitzende der WHO/Unicef-Initiative "Babyfreundliches Krankenhaus".