Memoiren von Michelle Obama Wie häufig ist eine Fehlgeburt?

Michelle Obama berichtet in ihren Memoiren über eine Fehlgeburt und künstliche Befruchtung. Beide Erfahrungen teilt sie mit vielen Frauen - sie werden aber oft verschwiegen.

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Michelle Obama hat ihreMemoiren veröffentlicht und berichtet darin unter anderem von einer Fehlgeburt und wie es ihr danach ging. "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben, weil ich nicht wusste, wie häufig Fehlgeburten sind. Niemand redet darüber", sagte die ehemalige First Lady in einem Begleitinterview zum Buch.

Obama ist es offenbar ein Anliegen, mit dem Tabu zu brechen. Das mag auch daran liegen, dass sich seit ihrem Erlebnis vor 20 Jahren wenig geändert hat. Von Fehlgeburten erfahren viele Frauen erst, wenn sie selbst betroffen sind - und fühlen sich dann allein damit.

Im Buch schreibt Obama außerdem, dass ihre beiden Töchter per künstlicher Befruchtung gezeugt wurden. Auch das ist ein Thema, über das nur wenige Paare öffentlich sprechen. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zu Fehlgeburten und künstlicher Befruchtung zusammengefasst.

Was ist eine Fehlgeburt und wie häufig ist sie?

Unter einer Fehlgeburt versteht man den Verlust eines höchstens 500 Gramm schweren Ungeborenen. Ab einem höheren Gewicht ist die Rede von einer Totgeburt. Totgeburten sind extrem selten in Deutschland. Von tausend Kindern kommen im Schnitt vier tot zur Welt - also 0,4 Prozent.

Im Vergleich dazu sind Fehlgeburten deutlich häufiger. Besonders hoch ist das Risiko in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen, weshalb die meisten Paare eine Schwangerschaft auch erst anschließend bekannt machen.

Laut einer Übersichtsstudie aus dem Jahr 2012 verlieren in jeder dieser ersten zwölf Wochen im Schnitt zwei von Hundert Schwangeren ihren Embryo. Zusammengerechnet ist von diesem sogenannten Frühabort also ungefähr eine von vier Schwangeren betroffen.

Nach der 12. Schwangerschaftswoche sinkt die Fehlgeburtenrate - die Rede ist dann vom Spätabort. In ihrer Datenauswertung fanden die Forscher in der 14. Woche noch eine Fehlgeburt unter hundert Schwangeren, bis zur 20. Woche sank die Rate immer weiter. "Zusammengenommen liegt das Risiko für eine Fehlgeburt zwischen der fünften und 20. Schwangerschaftswoche bei 11 bis 22 Prozent", schreiben die Forscher.

Welche Ursachen gibt es?

Die Gründe für eine Fehlgeburt sind vielfältig, gleichzeitig lässt sich die Ursache häufig nicht klären. Mitunter ist eine Fehlentwicklung des Embryos die Ursache, aber auch Alkoholkonsum der Mutter und psychischer Stress können eine Fehlgeburt begünstigen.

Zudem können Fehlbildungen im Unterleib die Ursache sein. Auch mit dem Alter der Frau steigt das Risiko für eine Fehlgeburt.

Was bedeutet eine Fehlgeburt für die Frau?

Obama schreibt in ihrem Buch, sie sei sich nach der Fehlgeburt wie eine Versagerin vorgekommen und habe sich sehr einsam gefühlt. Damit spricht sie wohl vielen betroffenen Frauen aus der Seele.

"Es ist oft eine tiefgreifende Erfahrung, die von der Gesellschaft aber nicht wahrgenommen wird, weil Fehlgeburten ein Tabuthema sind", erklärt die Psychologin Rayna Markin von der Villanova University in einem Bericht der American Psychological Association vom Mai 2018. Selbst Ärzte würden betroffene Frauen oft nicht ausreichend betreuen, dabei verspürten diese intensiven seelischen Schmerz und Verzweiflung.

VIDEO: Obama im Interview

Der Abschied vom Embryo oder Fötus werde mitunter dadurch erschwert, dass es keine gesellschaftlich akzeptierten Rituale dafür gibt - keine Zeremonie, keine Beerdigung, keinen Raum, zu trauern. In Deutschland ist eine Fehlgeburt zum Beispiel nicht meldepflichtig, das Kind wird in offiziellen Büchern nie existiert haben.

Dass sich viele Frauen - wie auch Obama es schildert - nach einer Fehlgeburt selbst infrage stellen, ist typisch. "Eine Fehlgeburt ist ein traumatischer Verlust, nicht nur der Schwangerschaft, sondern der Selbstwahrnehmung der Frau, ihrer Hoffnungen und Träume für die Zukunft", erklärte die Psychiaterin Emma Robertson Blackmore von der University of Rochester in einem anderen Beitrag der American Psychological Association von 2012.

Das Ausmaß der Trauer sei dabei unabhängig davon, wie weit die Schwangerschaft vorangeschritten ist, berichten die Forscher. Frauen, die ihr Ungeborenes in der elften Woche verloren haben, könnten genauso leiden wie Frauen, deren Fehlgeburt in der 20. Woche stattgefunden hat.

Wie viele Kinder kommen nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt?

Auch ihre Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung teilen die Obamas mit vielen anderen Paaren. In den vergangenen 40 Jahren sind weltweit mehr als acht Millionen Babys nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung geboren worden. Das ist das Ergebnis einer Auswertung der Datensammlung ICMART, die beim Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie in Barcelona vorgestellt wurde.

Michelle Obama sei im Alter von 34 Jahren bewusst geworden, dass die biologische Uhr real und die Zahl ihrer Eisprünge limitiert sei. "Wir mussten IVF machen", sagte sie in einem Fernsehinterview mit dem Fernsehsender ABC. Nach den IVF (In-vitro-Fertilisationen) kamen ihre Töchter Malia und Sasha zur Welt.

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In Deutschland wurden im Jahr 2015 fast 21.000 Kinder nach einer künstlichen Befruchtung geboren - das waren drei Prozent der lebend geborenen Kinder in jenen Jahren. In einer großen Schulklasse wird statistisch gesehen im Jahr 2022 demnach ein Kind sitzen, das sein Leben einer künstlichen Befruchtung verdankt.

Was sind die Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit?

In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar zwischen 26 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. Experten zufolge liegen die Gründe etwa in gleichem Maße bei der Frau wie beim Mann. Bei jedem fünften Paar sind beide Partner nur bedingt fortpflanzungsfähig.

Bei Frauen stehen als Ursachen im Vordergrund:

  • abnehmende Funktion der Eierstöcke mit zunehmendem Alter
  • genetische Veränderungen der Eizellen
  • gestörte Funktion der Eileiter oder Eierstöcke
  • Endometriose (gutartige Wucherung der Gebärmutterschleimhaut)
  • gestörter Hormonhaushalt

Die wichtigsten Ursachen bei Männern sind:

  • gestörte Spermienproduktion und -reifung: Nikotin, Alkohol, Medikamente, Übergewicht oder extremes Ausdauertraining können das Risiko erhöhen, dass zu wenige, zu langsame, bewegungsunfähige oder fehlgebildete Spermien produziert werden
  • Mumps-Erkrankung als Jugendlicher
  • blockierte Samenleiter
  • Stress

Wie funktionieren Fruchtbarkeitsbehandlungen?

In Deutschland werden unterschiedliche Methoden angewendet, um Paaren zu helfen, die ungewollt kinderlos sind. Dazu zählt etwa die Spermieninjektion in die Gebärmutter, wenn die Spermienbeweglichkeit eingeschränkt ist. Zur künstlichen Befruchtung gehören die IVF (In-vitro-Fertilisation) und die - häufiger angewendete - ICSI (Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion).

Wie erfolgreich sind künstliche Befruchtungen?

Die Chancen auf ein Kind nach einer künstlichen Befruchtung hängen stark vom Alter der Mutter ab. Bei einer 35-jährigen Frau lagen sie laut Ärzten bei 27 Prozent pro Behandlung, bei einer 40-Jährigen bei 15 Prozent und bei einer 44-Jährigen nur noch bei gut drei Prozent. Zwar steigt die Chance auf eine Schwangerschaft, wenn zwei oder gar drei Embryonen in die Gebärmutter übertragen werden. Zugleich erhöht sich aber das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft, die häufig Komplikationen mit sich bringt. Zudem bedeutet jede Hormonbehandlung große Strapazen für die Frauen.

Auch hängt die Erfolgsquote davon ab, ob frisch gewonnene Eizellen für die Befruchtung außerhalb des Körpers eingesetzt werden oder tiefgefrorene. Dem Deutschen IVF-Register zufolge lag die Schwangerschaftsrate im Jahr 2016 in Frischzyklen bei 32 Prozent pro Transfer, in Kryozyklen - also mit tiefgefrorenen Eizellen - bei 27 Prozent. In vier von fünf Fällen endete die Schwangerschaft mit der Geburt eines Kindes. Die sogenannte Baby-Take-Home-Rate lag demnach bei 23 Prozent pro Befruchtung im Frischzyklus und 20 Prozent pro Befruchtung im Kryozyklus.

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katjastorten 14.11.2018
1. gut gemischter Artikel
Reine Sachinformation gemischt mit den Gefühlslafrb und aktuell mit dem Buch Frau Obamas verbunden! gefällt mir sehr gut!
Phil2302 14.11.2018
2. Tabuthema?
Natürlich ist eine Fehlgeburt furchtbar für eine Frau (und ihren Mann), aber ich verstehe nicht ganz, wie man das ein Tabuthema nennen kann? Es ist einfach etwas sehr intimes und privates, wer geht denn damit hausieren? Ich würde das nicht einmal auf der Arbeit erzählen, und meine Frau und ich haben extra bis zur 12. Woche gewartet bis wir es irgendwem gesagt haben, auf meine Arbeit habe ich sogar bis zur 28. Woche gewartet, wo unsere Tochter dann schon gute Chancen auch bei einer Frühgeburt gehabt hätte.
storchentante 14.11.2018
3. angeborene
Gerinnungsstörungen sind häufig als Ursache für Fehlgeburten zu finden. Erst nach der 2. Fehl- oder Totgeburt wird meistens nach der Gerinnung geschaut.
cindy2009 14.11.2018
4. 6 Schwangerschaften
Wir haben 6 SS und 7 Eingriffe und 3 Kinder hinter uns. Ganz natürlich. Und jedes Jahr wird eine Kerze gezündet, für die, die keinen Geburtstag feiern können. Bald ist es wieder soweit.
strandeule 14.11.2018
5.
Zitat von Phil2302Natürlich ist eine Fehlgeburt furchtbar für eine Frau (und ihren Mann), aber ich verstehe nicht ganz, wie man das ein Tabuthema nennen kann? Es ist einfach etwas sehr intimes und privates, wer geht denn damit hausieren? Ich würde das nicht einmal auf der Arbeit erzählen, und meine Frau und ich haben extra bis zur 12. Woche gewartet bis wir es irgendwem gesagt haben, auf meine Arbeit habe ich sogar bis zur 28. Woche gewartet, wo unsere Tochter dann schon gute Chancen auch bei einer Frühgeburt gehabt hätte.
Sie haben die Frage ja selbst beantwortet. Sie haben lieber sehr lange mit der Nachricht gewartet, statt schon früh über die Schwangerschaft zu sprechen, weil Sie sonst ja auch von der Fehlgeburt hätten erzählen müssen. Also scheint es ja schon ein Tabuthema zu sein. Ich fand es interessant, wie einige Kollegen sehr irritiert waren, als ich schon in der 7. Woche von meiner Schwangerschaft berichtet habe. Ein Kollege sagte mir, dass er es nicht gut findet, dass ich es ihm schon sage, weil ja noch was schief gehen könnte. Er wollte also im Falle eines Aborts ganz klar nicht damit belastet werden. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn ich was von Magenverstimmungen und sonst was vorlüge, um meine Müdigkeit und Übelkeit zu erklären. Selbst einige Gynäkologen wollen sich damit nicht auseinandersetzen. Eine Freundin musste sich bei starken Blutungen anhören, dass es wohl eine Fehlgeburt sei uns sie einfach abwarten soll. Man könne da eh nichts machen und sie muss dafür nun wirklich nicht beim Arzt anrufen. Wenn sich in den nächsten 2-3 Tagen nichts ergeben würde, soll sie vorbeikommen für die Ausschabung. Kein Wort des Mitleids, keine seelische Unterstützung. Emphatieloser geht's wohl kaum.
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