Späte Elternschaft Wollen wir alles, was wir können?

Die Reproduktionsmedizin macht immer mehr möglich, auch eine Mutterschaft im Großmutteralter. Aber wollen wir das? Und welche Folgen hat das für die Kinder, die Familien, die Gesellschaft?

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Familienglück um jeden Preis? Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter
Corbis

Familienglück um jeden Preis? Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter


Wenn eine 13fache, alleinerziehende Mutter mit 65 Jahren nach Eizellen- und Samenspende mit Vierlingen schwanger wird, wirft das nicht nur die Frage auf, wie das überhaupt möglich ist. Das Extreme in der Situation von Annegret Raunigk berührt beispielslos die Frage, wie sich Gesellschaft, Medizin, Ethik und Politik zur späten Elternschaft positionieren. Wollen wir alles, was wir können? Wenn ja, um welchen Preis? Und wenn nein, wo ziehen wir die Grenzen?

Die Reproduktionsmedizin macht immer mehr möglich: Frauen können heute ihre Eizellen einfrieren lassen, wenn sie den richtigen Partner noch nicht gefunden haben oder erst im Job ein paar Jahre Gas geben wollen. Wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt, entnehmen Ärzte einer Frau Eizellen und befruchten diese künstlich. Wer selbst keine Eizellen hat, reist ins Ausland und lässt sich dort welche spenden. Im vergangenen Jahr brachte eine Frau erstmals ein Kind nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt.

Warum biologische Antworten nicht ausreichen

Gelingt eine Schwangerschaft nach ungewollter Kinderlosigkeit doch, ist das für jedes einzelne Paar vermutlich das größte Glück auf Erden. Aber verändert nicht allein die Machbarkeit unseren Bedarf? Social Freezing etwa, das Schockgefrieren von Eizellen gesunder Frauen für eine spätere Schwangerschaft, ist aus einer Entwicklung entstanden, die krebskranken Frauen helfen sollte, nach einer Tumortherapie noch ein Kind zu gebären. Heute soll es die biologische Antwort auf die gesellschaftliche Frage sein, wie eine Frau Kinder und Karriere, Selbstverwirklichung und Familie unter einen Hut kriegen kann.

Kann das funktionieren? Im höheren Alter Kinder kriegen zu wollen, birgt Risiken.

Risiko Nummer eins: Eine Schwangerschaft kommt trotz eingefrorener Eizellen, trotz In-vitro-Fertilisation (IVF), trotz Spermieninjektion in die Eizelle (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion=ICSI) gar nicht zustande. Dem deutschen IVF-Register zufolge (Seite 11) wurden im Jahr 2012 51.958 Reagenzglasbefruchtungen (IVF und/oder ICSI) durchgeführt, 46.905 Embryonen wurden in die Gebärmutter implantiert. Daraus entstanden 13.894 Schwangerschaften, aber nur 9377 Kinder wurden geboren. Nicht einmal jede fünfte dieser Kinderwunschbehandlungen führte zur Geburt eines Kindes. Hinzu kommt: Je älter die Frau, desto unwahrscheinlicher der Erfolg der Therapie.

Je älter die Frau, desto risikoreicher auch die Schwangerschaft und die Geburt. Bereits ab 35 Jahren stufen Gynäkologen Frauen als Risikoschwangere ein. Die Konzentration der Hormone verändert sich, das Herz-Kreislaufsystem wird schwächer, die Gefahr für Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes nimmt zu. Ältere Frauen bekommen häufiger Mehrlinge, weil zum Ende der Fruchtbarkeit öfter mehr als eine Eizelle pro Zyklus sprungreif wird.

Auch bei künstlichen Befruchtungen kommen häufiger Zwillinge zur Welt, das Embryonenschutzgesetz in Deutschland schreibt vor, nur ein bis zwei Embryonen einzupflanzen (ab dem 35. Lebensjahr bis zu drei). In der Ukraine, wo sich Annegret Raunigk behandeln ließ, scheuten die Ärzte nicht davor zurück, ihr trotz ihres hohen Alters vier Embryonen zu implantieren.

Am Ende zahlen die Kinder

Eine Mehrlingsschwangerschaft, das hohe Alter der Mutter und Bluthochdruck während der Schwangerschaft wiederum bringen das Kind in Gefahr. Atemstörungen, Infektanfälligkeit, Verhaltensauffälligkeiten und bleibende gesundheitliche Schäden kommen bei frühgeborenen Kindern häufiger vor als bei Termingeburten.

Auch die Frage nach den Kosten will gestellt sein: Allein für die Kinderwunschbehandlungen müssen Paare jeweils Tausende Euro ausgeben. Eine Frühgeburt kostet durchschnittlich 10.000 Euro mehr als eine Geburt nach 40 Wochen Schwangerschaft - die Therapien für Langzeitschäden nicht einberechnet. Wer soll das bezahlen? Die Eltern, die Krankenkassen oder die Gesellschaft? In Deutschland wird diese Frage oft als zynisch empfunden, in Nachbarländern wie der Schweiz oder den Niederlanden hingegen meist offener diskutiert.

Annegret Raunigk bekommt während ihrer Schwangerschaft, die sie aufgrund des Eizellspende-Verbots hierzulande gar nicht hätte herbeiführen können, in Deutschland die Maximalversorgung. Das gilt auch für die Geburt, wenn die Babys ein lebensfähiges Alter erreichen, und für die Zeit danach. Schließlich steht der Schutz der ungeborenen Kinder jetzt an erster Stelle.

Unklar ist auch, ob Kinder unter dem hohen Alter der Eltern leiden - oder vielleicht sogar davon profitieren. Entgegen der landläufigen Meinung, es sei schrecklich, alte Eltern zu haben, sagt etwa der Soziologe Hans Bertram: "Biologisch gesehen tickt die Uhr, und es grenzt an Dummheit, einen Kinderwunsch lange hinauszuzögern. Aus sozioökonomischer und psychologischer Sicht aber sind späte Eltern vor allem eins - bessere Väter und Mütter."

Es fällt schwer, den Preis für eine späte Elternschaft eindeutig zu benennen. Klar ist aber: Am Ende zahlen ihn vor allem die Kinder.

Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
breakthedawn 15.04.2015
1. Reproduktionsmedizin gehört verboten.
Ich bin allgemein kein Freund von Verboten, aber die Reproduktionsmedizin gehört verboten. Es gibt schon viel zu viele Menschen auf diesem Planeten.
noalk 15.04.2015
2. Die Erfahrung hat gezeigt:
Was machbar ist, wird gemacht. Dagegen helfen weder Gesetze noch Moral noch Ethik. Idioten oder Idiotinnen finden sich immer. Die Frau hat etwas gemacht, was in Deutschland illegal ist. Für die Folgen illegaler Handlungen sollte die Solidargemeinschaft nicht einstehen müssen.
imperatom 15.04.2015
3.
Ich bin gegen solche künstlich-späten Schwangerschaften und glaube nicht, dass sie den Kindern gerecht würden oder gut für die Gesellschaft wären. Aber: Mit welcher Utopie einer Gerechtigkeit will man der Frau es verbieten, schwanger zu werden? Das rechtliche Verbot in Deutschland führte nur dazu, dass sie sich im Ausland befruchten ließ. Die Gesellschaft kann Normen bestimmen, mit Gesetzen sollte man sich zurückhalten.
anloli 15.04.2015
4. Die Medizin hat es doch längst entschieden ...
wer will sich denn als Richter zu diesem umfassenden Thema erheben? Und dad die jungen Mütter ja bereits nach wenigen Jahren mit Kind mit ihrem Schicksal als Mutter hadern - wie es die aktuellen Diskussionen um #regrettingmotherhood belegen, bleibt uns wohl kaum eine Wahl.
Midgard_ 15.04.2015
5. Den Preis bezahlen die Kinder
Ein sehr wesentlicher Aspekt kommt noch hinzu: Frau R. ist im Prinzip nur Leihmutter, denn es handelt sich um Ei- und Spermaspenden ... Was bedeutet das für die Identitätsfindung der Kinder, die weder den biologischen Vater noch die biologische Mutter kennen? Ich glaube nicht, das irgend jemand auf diesem Globus damit glücklich werden kann, der seine eigene Entstehung einem Labormix verdankt ...
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