Medizin-Studie: Viele Frauen haben angeblich Orgasmus bei der Geburt
Immer wieder berichten Frauen, dass sie einen Orgasmus bei der Geburt erlebt haben. Ein Psychologe versucht, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Sind die Berichte über Lust im größten Schmerz nur eine Legende?
Unerträgliche Schmerzen, stundenlanges Leiden. So stellt sich jede werdende Mutter die Geburt vor. Und diejenigen, die schon eine hinter sich haben, bestätigen es. Lust? Hat da nichts zu suchen. Gar ein Orgasmus? Das erscheint so abwegig, dass es schnell als Hirngespenst abgetan wird. Eine Legende. Die sich allerdings hartnäckig hält: Immer wieder berichten einzelne Mütter und Hebammen davon, bei der Geburt einen Orgasmus erlebt und beobachtet zu haben. Tatsächlich hat die zunächst absurd anmutende Vorstellung bei genauerer Betrachtung beinahe etwas Elegantes: Warum sollte im größten Leid nicht in seltenen Fällen auch das größte Glück verborgen sein?
Der Psychologe Thierry Postel hat nun eine der ersten groß angelegten Untersuchungen zum Thema gemacht, die vor einigen Wochen im Fachmagazin "Sexologies" veröffentlicht wurde. 109 Hebammen hatte Postel einen Online-Fragebogen ausfüllen lassen, in dem sie über ihre Erfahrungen berichten sollten. Zusammen haben die Geburtshelferinnen immerhin rund 206.000 Kinder mit zur Welt gebracht. Das Egebnis: 668 Mütter haben den Hebammen zufolge ihnen gegenüber erwähnt, dass sie während der Geburt Erfahrungen wie bei einem Orgasmus gemacht hatten. In weiteren 868 Fällen berichteten die Hebammen davon, bei den Müttern, die sie betreuten, Anzeichen von Lust und Freude beobachtet zu haben.
Erlebnisse, wie bei einem Orgasmus
Selbst wenn man die Beobachtungen der Hebammen weglässt und sich nur auf die von den Gebärenden berichteten Erlebnisse beschränkt, kommt immer noch eine stattliche Zahl zustande für ein Phänomen, das im Grunde als eine Legende gilt: 0,3 Prozent der Gebärenden haben demzufolge während der Geburt Erlebnisse wie bei einem Orgasmus gehabt. Das ist immerhin etwa jede 330. Frau.
Vielleicht liegt es auch daran, dass die hormonellen Körperreaktionen während der Geburt in vielerlei Hinsicht denen des sexuellen Orgasmus ähneln - und so das Gehirn, insbesondere das sogenannte limbische System, während der Geburt sich gewissermaßen auf einen Orgasmus einstellt. Die Theorie hat allerdings einen Haken: Das in dem Zusammenhang wichtigste Hormon Oxytocin wird beim Sex im Körper der Frau erst nach dem Orgasmus vermehrt ausgeschüttet - beim Geburtsvorgang steigt der Spiegel des Bindungshormons schon zuvor an und leitet die Geburt ein. Die Thesen erklären zudem auch nicht, wie die Frau alles andere, was einen Orgasmus normalerweise unmöglich macht - den Schmerz, das Umfeld, die Menschen -, plötzlich ausblenden kann.
"Biologisch schwierig nachvollziehbar"
Stefan Renner, leitender Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik Erlangen, hält einen Orgasmus während der Geburt biologisch für schwierig nachvollziehbar. Völlig ausschließen will er das Phänomen trotzdem nicht. "Wenn einzelne Frauen das so erleben, dann muss man das erst einmal so zur Kenntnis nehmen", sagt Renner. "Ob es aber tatsächlich ein Orgasmus ist, über den sie da berichten, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen." Es gebe gerade unter der Geburt nichts sicher Messbares, mit dem man bei Frauen einen Orgasmus nachweisen oder ausschließen könne.
Auch Thierry Postel muss sich auf die Angaben der Hebammen verlassen, die seinen Fragebogen ausgefüllt haben. Doch er hat immerhin neun Mütter ausfindig machen können, die ihm noch einmal direkt bestätigten, einen Orgasmus während der Geburt gehabt zu haben. Verklären die glückstrunkenen Mütter die Qualen der Geburt?
"Die Geburt ist ein Ausnahmezustand. Während das Kind kommt, geht die werdende Mutter durch Phasen starker Wehenschmerzen, danach, wenn es dann da ist, stellt sich ein unglaublicher Glückszustand ein", sagt Karl Oliver Kagan, Professor und Frauenarzt an der Universitätsklinik Tübingen. Natürlich könnten die Erlebnisse ineinanderfließen. Aber gerade weil die Geburt eine derart extreme Situation sei, hält auch Kagan es für möglich, dass es währenddessen zum Orgasmus kommen könnte.
"Dann allerdings extrem selten", sagt Kagan. Er selbst hat in vielen Berufsjahren noch bei keiner Geburt Anzeichen dafür beobachtet. Andererseits: Er hat die Mütter ja auch nicht danach gefragt.
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Follow @SPIEGEL_Gesund- Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
Christian Heinrich
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