Papua-Neuguinea Geburtshilfe-App für die Bambushütte

Die Säuglings- und Müttersterblichkeit in Papua-Neuguinea ist eine der höchsten weltweit. Ein deutsches Geschwisterpaar will Hebammen mit einer Handy-App unterstützen. Das könnte Leben retten.

Typische Wohnhütten in Papua-Neuguinea
Dirk Metzger

Typische Wohnhütten in Papua-Neuguinea

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Die Briefmarken aus Papua-Neuguinea sind für Verena Thomas wie ein Fenster in eine exotische Welt. Dunkelhäutige, bunt bemalte Menschen sind darauf zu sehen, fremdartiger Schmuck, üppige Landschaften. Die Briefe, auf denen die Marken kleben, stammen von ihrem Großonkel, dem katholischen Missionar Johannes Nilles. Er berichtete dem Mädchen, das im saarländischen Hemmersdorf lebt, in den Achtzigerjahren das erste Mal von einem Leben in Strohhütten, von Dürreperioden und von einem anderen Glauben.

15 Jahre später, 2001, macht sich Thomas selbst auf den Weg nach Papua-Neuguinea. Die damals 23-Jährige will wissen, wie der mittlerweile verstorbene Großonkel in dem Land gelebt hat, das ganz anders ist als ihre Heimat.

Sie trifft auf das Volk der Chimbu, das in einer kleinen Hochlandprovinz im Landesinneren lebt. 54 Jahre lang, bis 1993, war Nilles ihr Oberhaupt, ihr Vater, ihr Papa - so nannten sie ihn. Er sprach ihre Sprache, er sorgte sich um sie. "Ich war überwältigt von der Herzlichkeit, mit der die Menschen mich empfingen, weil ich seine Großnichte war", sagt Thomas.

Von Deutschland nach Papua-Neuguinea
Dirk Metzger

Von Deutschland nach Papua-Neuguinea

Bis heute hat die Medienwissenschaftlerin das Land nicht losgelassen, mittlerweile lebt sie selbst dort. Und hat - ähnlich wie ihr Großonkel - eine Mission: Sie will Medien nutzen, um Menschen stärker zu vernetzen. Und so auch deren Gesundheit und Bildung verbessern. An der Universität von Goroka, der siebtgrößten Stadt des Landes, hat Thomas vor sechs Jahren das Centre for Social and Creative Media errichtet. "Ich möchte den Weg ebnen, damit die Menschen hier voneinander lernen können", meint Thomas. "Es gibt so viele gute Ideen hier, aber oft bleiben sie an einem Ort stecken".

Neben vielen Film- und Dokumentarprojekten entstand hier die Idee für eine App für Hebammen. Das Ziel: Die Fachfrauen sollen sich miteinander vernetzen, in schwierigen Geburtssituationen gegenseitig um Rat fragen können und ihr Wissen vergrößern. Gemeinsam mit der Hebammenschule, die zur Universität gehört, hat Thomas genau ermittelt, was den Geburtshelferinnen fehlt und was für eine bessere Versorgung sie sich wünschen.

Dichtes Handynetz als Chance

Hilfe dabei bekommt Thomas vom Lehrstuhl für Informationsmanagement der Universität Osnabrück. Leiter des Fachgebiets ist Oliver Thomas, Verena Thomas' Bruder. "Mich hat fasziniert, dass der Mobilfunk das Stromnetz in dem Land überholt hat", sagt der Wirtschaftsinformatiker. "Das ist auch eine Chance zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung."

Während von den ländlichen Einwohnern nur rund vier Prozent Zugang zu Elektrizität haben, ist das Mobilfunknetz gut ausgebaut: Mehr als drei Viertel besitzen mobile Endgeräte. Wenn diese tatsächlich zum Informationsaustausch bei medizinischen Fragen genutzt würden, könnte das die Gesundheitsversorgung wesentlich verbessern, so die Idee des Geschwisterpaars. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das Projekt mit rund 30.000 Euro, zuvor hat der Deutsche Akademische Austauschdienst Finanzhilfe geleistet.

Die Säuglingssterblichkeit weltweit zu verringern und die medizinische Versorgung von Müttern zu verbessern ist auch erklärtes Ziel der Vereinten Nationen. Doch in Papua-Neuguinea ist man davon weit entfernt: Im Jahr 2013 starben in dem Land 5005 Kinder und 460 Frauen bei der Geburt. Die Müttersterblichkeit ist 36-mal größer als in Deutschland. Bei der Sterblichkeit von Babys sind die Unterschiede ebenfalls dramatisch: Während in Deutschland nur 2 von 1000 lebend Geborenen die ersten 28 Tagen nicht überleben, sind es in Papua-Neuguinea 25.



Doch in Papua-Neuguinea schneidet die durch Berge zerklüftete Landschaft viele Häuser vom wenig ausgebauten Straßennetz ab. Die Wege zu den kleinen Siedlungen sind lehmig, holprig und verschlungen. Von den rund 6,7 Millionen Einwohnern leben 87 Prozent in ländlichen Regionen. Selbst Dörfer, die nur wenige Kilometer von größeren Städten entfernt sind, haben keine Elektrizität, keine öffentlichen Wasserleitungen.

Bambushütten stehen hier auf Stelzen, die Dächer sind mit Gräsern und Hölzern gedeckt, gekocht wird über dem Feuer. Wenn ein Baby zur Welt kommt, ist der Weg in eine Klinik meist zu lang und zu beschwerlich. Nur 53 Prozent der Geburten in Papua-Neuguinea werden von geschultem Personal durchgeführt.

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Papua-Neuguinea: Geburtshilfe in der Bambushütte

Bei den übrigen sind erfahrene Frauen und Mütter gefragt. Sie haben - vielleicht - einmal von einer Hebamme erzählt bekommen, wie das geht: eine Geburt leiten. Die Kinder werden in den Hütten geboren oder im Dschungel auf ein paar Bananenblättern. Die Nabelschnur wird in manchen Regionen nur mit einer scharfen Muschelkante durchgeschnitten, das Baby mit dreckigem Flusswasser gewaschen. Gegen die Erreger darin ist das junge Immunsystem nicht immer gewappnet.

Wenn es Komplikationen gibt, können die freiwilligen Helfer meist nichts anderes tun, als mit der Schwangeren zu warten. Und zu hoffen - zu oft vergeblich. "Zu wissen, dass ein Kind gestorben ist, obwohl es mit professioneller Hilfe hätte gerettet werden können, begleitet die Familien oft ihr Leben lang", sagt Verena Thomas.

Während der Ausbildung an der Universität lernen Hebammen zwar viel über Geburten: Allein im Krankenhaus von Goroka kommen jeden Monat 600 Kinder zur Welt. Nach dem Abschluss kehren die Expertinnen aber meist in ihre Heimatdörfer zurück. Der Kontakt zu Kolleginnen und zur Universität schläft ein, das Wissen verblasst.

Hebammen lernen in Goroka und bringen das Wissen dann in ihre Dörfer
Dirk Metzger

Hebammen lernen in Goroka und bringen das Wissen dann in ihre Dörfer

Hier soll die App ansetzen: "Die Hebammen wollen nachschlagen können, was sie bereits gelernt haben, um sich zu vergewissern", sagt Christina Niemöller, Doktorandin am Lehrstuhl von Oliver Thomas. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dirk Metzger ist die Wirtschaftsinformatikerin in das Land gereist und hat dort nicht nur die Universität, das Krankenhaus und die Bambushütten besucht, sondern auch versucht zu verstehen, wie die Einheimischen leben und denken. "Den Menschen ist vor allem das Miteinander wichtig, sie wollen füreinander da sein", so Niemöller.

App auch offline verfügbar

Die Hebammen legen Wert darauf, ihr Wissen weitergeben, denn längst nicht in jeder Siedlung lebt jemand mit medizinischer Ausbildung. Den freiwilligen Helfern können die Hebammen beispielsweise mithilfe einer Übungspuppe vermitteln, wie eine Geburt verläuft und welche Phasen es gibt. Die App wiederum liefert die Anleitung für eine solche Puppe, die aus Alltagsgegenständen gebastelt werden kann.

Viele der Inhalte der kostenlosen App sind auch offline verfügbar, falls das Mobilfunknetz doch zusammenbricht. "Und der Austausch erfolgt in einer geschlossenen Gruppe, sodass die sensiblen medizinischen Daten nicht in falsche Hände geraten", sagt Metzger.

Momentan testen die Hebammenschülerinnen von Goroka die App. Im Herbst geht es in die nächste Phase, in der die Wünsche der Fachfrauen erneut abgefragt und eingearbeitet werden sollen. Für Verena Thomas ist dabei besonders wichtig: "Wirklich nachhaltige Entwicklung kann nur funktionieren, wenn die Menschen vor Ort das Projekt annehmen und selbst die Kontrolle und Verantwortung übernehmen."

Ihre letzte Idee für Papua-Neuguinea wird die Hebammen-App nicht sein, auch wenn Thomas mittlerweile zur Hälfte im australischen Brisbane lebt. "Mit jedem Bein in einer anderen Welt", nennt sie das. Mit ihren Filmen will sie auch weiterhin Bildungsarbeit leisten und von Einheimischen erzählen, die aus eigener Kraft Neues geschaffen haben.

So wie die Frau, die aus dem Nichts ein Restaurant aufgebaut hat, das mittlerweile das größte ist in Goroka. Oder die Frau des Dorflehrers, die unermüdlich für eine bessere medizinische Versorgung kämpft. "Wir suchen und finden immer wieder Mut machende Geschichten, deren Ideen wir dann über die Medien verbreiten", sagt Thomas. Eine Medienmissionarin eben.

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insgesamt 2 Beiträge
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hoshi.wagner 14.05.2016
1. Bitte kontaktieren
Glückwunsch, ich finde den Artikel super interessant und bin sicher, dass wir dieses App auch in Südamerika gut nutzen könnten, nach der übersetzung ins Spanische oder Quetchua. Hier ist viel Dschungel und Gebirge mit einer unheimlichen Handydichte!!!! Bitte kontaktieren Sie mich unter hlgr.wagner@gmail.com
Theodoro911 14.05.2016
2. Nix wie Konjunktive
ohne Kenntnis der tatsächlichen Strukturen und Gegebenheiten und Traditionen. Post-Kolonialismus pur. Danke Bwana!
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