Plötzlicher Kindstod: Das Risiko im Elternbett

Schlafen Babys im Bett der Eltern, steigt das Risiko für plötzlichen Kindstod um das Dreifache, bei Babys unter drei Monaten sogar um das Fünffache. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse. Mediziner rätseln noch über die Ursachen - Eltern können aber viel tun, um ihr Kind davor zu schützen.

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Corbis

Mutter und Baby im selben Bett: Gefahr für den plötzlichen Kindstod

Die meisten Mütter kennen die Situation: Das Baby wacht nachts auf und will trinken. Die Mutter nimmt es zu sich, stillt, beide schlafen ein. Das passiert, weil die Übermüdung groß ist, weil die körperliche Nähe das Kind beruhigt, weil es einfach schön ist. Und es passiert, obwohl mittlerweile viele Eltern wissen, dass ihr Kind ein größeres Risiko für den plötzlichen Kindstod hat, wenn es mit ihnen in einem Bett schläft.

Was genau zum plötzlichen Kindstod führt, warum und zu welchem Zeitpunkt, darüber rätseln Forscher noch immer. Aber sie kennen mittlerweile eine ganze Reihe von Risikofaktoren: Wenn die Eltern rauchen oder trinken, das Baby in Decken statt in einen Schlafsack hüllen, die Heizung in der Nacht aufdrehen und das Neugeborene nicht gestillt wird, steigt die Gefahr für den plötzlichen Kindstod.

In einer aktuellen Studie im "British Medical Journal" haben Wissenschaftler um James Carpenter von der London School of Hygiene & Tropical Medicine jetzt untersucht, wie sehr das Risiko allein dadurch steigt, dass das Baby mit den Eltern in einem Bett schläft.

Für seine Berechnungen hat das internationale Forscherteam aus Großbritannien, Irland, Neuseeland und Deutschland Daten von fast 1500 Fällen von plötzlichem Kindstod mit knapp 4700 Kontrollfällen verglichen. Grundlage waren 19 Studien zum plötzlichen Kindstod, die in Großbritannien, Europa, Asien und Australien durchgeführt worden waren.

Das Ergebnis ist eine statistische Wahrscheinlichkeit für den plötzlichen Kindstod unter Berücksichtigung verschiedener Risikofaktoren: Von 100.000 Kindern sterben durchschnittlich acht am plötzlichen Kindstod, wenn das Baby im gleichen Zimmer wie die Eltern schläft, gestillt, auf den Rücken zum Schlafen gelegt wird und es keine weiteren Risikofaktoren wie Alkohol-, Nikotin- oder Drogenkonsum der Eltern gibt. Schläft das Baby im Bett der Eltern und bleiben sonst alle anderen Faktoren gleich, sterben 23 von 100.000 Kindern am plötzlichen Kindstod. Insgesamt erhöht sich den Studienautoren zufolge das Risiko um den Faktor 5,1, wenn das Baby zudem jünger als drei Monate ist.

Rückenlage - rauchfrei - richtig gebettet

Einmal mehr macht die Studie deutlich, dass es besonders für ganz junge Babys ein Risiko sein kann, im Bett ihrer Eltern zu schlafen. Mediziner vermuten, dass vor allem eine Überwärmung für das Kind gefährlich werden kann, da der fein justierte Temperaturausgleich des Körpers noch anfällig ist. Auch der Atemantrieb kann bei Babys noch unausgereift sein. Die Gefahr ist zwar insgesamt relativ klein, doch der plötzliche Kindstod ist in Industrienationen die häufigste Todesursache zwischen dem ersten und zwölften Lebensmonat. 2010 starben in Deutschland 164 Kinder auf diese Weise völlig unerwartet und ohne erkennbaren Grund - für jede Familie eine unfassbare Katastrophe.

Am häufigsten tritt der plötzliche Kindstod zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat auf, 80 Prozent der Fälle ereignen sich vor dem sechsten Lebensmonat, Jungen sind laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) häufiger betroffen als Mädchen. Je älter die Babys werden, desto kleiner wird das Risiko. Seitdem die Gefahren genauer benannt werden können, und Ärzte Eltern darüber aufklären, wie sie das Risiko ihres Kindes verringern können, sinkt die Zahl deutlich.

Um den plötzlichen Kindstod vorzubeugen, empfiehlt die BZgA folgende einfache Maßnahmen:

  • Das Baby sollte in Rückenlage schlafen, nicht in Bauch- oder Seitenlage.
  • Schlafsack statt Bettdecke: Kissen, Felle, Kuscheltiere und Nestchen gehören nicht ins Babybett.
  • Das Babybett sollte im Elternschlafzimmer stehen, das Kind aber nicht im Elternbett schlafen.
  • Nicht zu warm: Die ideale Raumtemperatur liegt zwischen 16 und 18 Grad, das Baby benötigt keine Kopfbedeckung.
  • Rauchfreie Umgebung: Die Eltern sollten unbedingt auf das Rauchen verzichten.
  • Stillen, möglichst sechs Monate lang: "Experten haben nachgewiesen, dass gestillte Kinder nachts leichter und häufiger aufwachen, so dass die Gefahr eines Atmenstillstandes im Zusammenhang mit einer schwereren Erweckbarkeit bei ihnen seltener vorkommt als bei nicht gestillten Babys", schreibt die BZgA.

hei

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insgesamt 193 Beiträge
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1. So ist das mit dem Empfehlungen.
PaulMeister 21.05.2013
In unserer Geburtsklinik wurde man von den Hebammen praktisch dazu genötigt, dass Kind mit ins Bett zu nehmen, solange man kein Raucher oder Trinker ist.
2. Wie jetzt?
willgence 21.05.2013
"Mediziner rätseln noch über die Ursachen - Eltern können aber viel tun, um ihr Kind davor zu schützen" Da zeigt die Unterschrift zur Überschrift schon, dass nun nur "warme Luft" zu erwarten ist. Plötzlich weil man nicht weiß warum! Ich habe selbst Kinder und es gibt so viele Dinge die unbegreiflich sind im Positiven, wie im Negativen - man darf sich nicht von den ganzen Gefahren kaputt machen lassen, die passieren könnten. Will man sie in Watte einpacken und nie vor die Tür lassen? Die Tips sind der Kracher: So wie sie sich selbst drehen können TUN sie das auch! Zu kalt, zu warm? Im Sommer im Kühlschrank schlafen? Nicht im elterlichen Bett? Was für Humbug!
3.
dahier 21.05.2013
... und mein Sohn wäre als Baby möglicherweise gestorben, wenn er nicht neben mir geschlafen hätte. Ich bin aufgewacht, er atmete nicht. Nach kurzem Abwarten habe ich ihn zu wecken versucht - er seufzte einmal sehr tief und schlief weiter. Nicht auszudenken, wenn er im Nebenzimmer gewesen wäre... Und das mit den Lagerungshinweisen ist ja sicher gut, aber was tun, wenn das Baby auf keinen Fall auf dem Rücken schlafen will? Meine Tochter gat von Anfang an auf der Seite geschlafen. Der Kindstod ist etwas Schreckliches, und jeder versucht ihn zu verhindern... es wird aber übersehen, dass die Beachtung aller Hinweise nur das Risiko senkt, also die Wahrscheinlichkeit. Sicher ausschlueßen kann man das nicht. Ich denke aber, dass ein Kind im Elternbett nicht nur die Atemanregung von seinen Mitschläfern bekommt, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit. Zehntausende Jahre haben Kinder bei ihren Eltern geschlafen, und auf einmal soll das falsch sein?
4. Es ist sehr schwer...
prüter 21.05.2013
Zitat von PaulMeisterIn unserer Geburtsklinik wurde man von den Hebammen praktisch dazu genötigt, dass Kind mit ins Bett zu nehmen, solange man kein Raucher oder Trinker ist.
... gegen bestimmte alt hergebrachte Verhaltensweisen anzugehen. In meiner alten Klinik hat es Jahre uns sehr viel Einsatz gekostet, im Kinderzimmer Dinge wie die Seitenlage oder das Schlafen bei den Eltern aus den Köpfen der Mitarbeiter zu bekommen - obwohl diese Risikofaktoren auch schon vor 8-10 Jahren bekannt waren. Wahrscheinlich ist das sogenannte co-sleeping auch der Grund, warum Zwillinge (welche häufig in ein Bett gesteckt werden, "sind sie ja so gewohnt, war ja die letzten 40 Wochen so") ein ungefähr verdoppeltes SIDS-Risiko haben. Auch kleine Körper strahlen Wärme aus... Manchmal sind es aber auch einfach ideologische Gründe, die hier eine Rolle spielen und die Gefahr einfach ausblenden wollen: das Kind gehört nach Meinung einiger Menschen einfach in das Familienbett, damit es die Nähe der Eltern hat. Dass die Nabelschnur schon durchschnitten ist und auch Kinder ohne andauernden Körperkontakt zu den Eltern einmal glückliche Menschen werden können - ohne zuvor einem erhöhten SIDS-Risiko ausgesetzt zu sein - wird einfach außer acht gelassen. Interessant: es gab im alten Ägypten einen Straftatbestand, wenn die Kinder in den Betten der Mütter verstarben: die Mutter musste das tote Kind einige Tage im Arm tragen, das Risiko war hier schon (!) bekannt. Ebenfalls gab es im alten Griechenland hierzu Anmerkungen von Ärzten, auch in einem preußischen Gesetzbuch (soweit ich mich erinnere 17xx) gabe es einen Paragraphen (nannte man das damals schon so?), welcher es Ammen und Mütter verboten hat, Säuglinge mit in das Bett zu nehmen. Erstaunlich, dass in diesen Zeit mit deutlich höherer Säuglingssterblichkeit schon erkannt worden ist, dass hier eine Gefahr lauert! An dieser Stelle noch einmal ein Lob an den Spiegel bzw. SPON, hier werden in der jüngeren Vergangenheit immer wieder wichtige Punkte zur Gesundheit von Säuglingen und Kindern sehr fundiert besprochen. Sei es die Gefahr durch eine Impfmüdigkeit bezüglich der Masern, sei es der plötzliche Kindstod - die Artikel sind sauber recherchiert und wichtig, damit Unwissenheit oder aber Fehlinformationen die Kleinsten und Hilflosesten nicht gefährdet! Dafür von meiner Seite herzlichen Dank! Eric Prüter, Kinderarzt
5.
Pless1 21.05.2013
Das ist ein Thema, bei dem auch die Statistik an ihre Grenzen stößt, vor allem deshalb, weil die Fallzahlen gottlob sehr gering sind. So sagen solche Statistiken auch aus, dass Kinder deutlich weniger Risiko haben, wenn die Mütter Abitur haben. Ein direkter Zusammenhang scheidet da wohl eher aus. Da die Ursachen und Wirkungen nicht bekannt sind, kann man nur hoffen, dass die jeweiligen Maßnahmen tatsächlich wirken. Dass man Kinder aber weder Rauch noch Alkohol aussetzen sollte dürfte mittlreweile wohl jedem klar sein - auch ohne Hinweis auf dieses zusätzliche Risiko.
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