Gefahren in der Schwangerschaft Eine Frage des Risikos

Mehr als ein Drittel aller Schwangeren gehört Risikogruppen an - aber nicht immer droht tatsächlich Gefahr. Mit teilweise unnötigen Tests erkaufen sich die Frauen vermeintliche Sicherheit - und Ärzte sichern sich ab.

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Ultraschallbild vom Baby im Bauch: Was bedeutet es, wenn der Arzt einen auffälligen Befund erhebt?
Corbis

Ultraschallbild vom Baby im Bauch: Was bedeutet es, wenn der Arzt einen auffälligen Befund erhebt?


Schmerzen, verfrühte Wehen, winzige Frühchen - das assoziieren viele Frauen mit dem Wort Risikoschwangerschaft. Es sind Bilder, die Angst machen. Bis vor Kurzem galten in Deutschland drei von vier Schwangere als Risikoschwangere, obwohl die meisten Frauen unproblematische neun Monate erleben und kerngesunde Kinder zur Welt bringen.

Mittlerweile wurde die Praxis geändert, nach der Ärzte Frauen als Risikoschwangere einstufen. "Jetzt liegt nur dann eine Risikoschwangerschaft vor, wenn der Arzt dies explizit im Mutterpass angibt", erklärt Stefanie Konheiser vom Aqua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen. Zuvor galt eine Frau immer dann automatisch als Risikoschwangere, wenn der Frauenarzt bei der ersten Untersuchung einen zusätzlichen Befund ankreuzte. "Auch wenn die Oma Diabetes hatte, war die Frau eine Risikoschwangere", sagt Katharina Lüdemann, Chefärztin der Frauenklinik im St.-Josef-Stift-Krankenhaus Delmenhorst.

Auffälligkeiten bedeuten nicht gleich große Gefahr

In der Bundesauswertung des Aqua-Instituts für das Jahr 2014 sind nun nur noch 35 Prozent der Frauen Risikoschwangere. Diese Zahl entspricht eher der Realität. Etwa 30 bis 40 Prozent der Schwangeren müsse man genauer beobachten, weil sie etwa stark übergewichtig seien, bereits einen Kaiserschnitt hatten, an einer Vorerkrankung litten oder Mehrlinge bekämen, sagt Frank Louwen vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Von einer Risikoschwangerschaft möchte er aber auch bei diesen Frauen nicht sprechen. "Der Begriff ist irreführend. Wir vermuten bei dem Wort Risiko, dass etwas Gewaltiges droht", sagt Louwen, der die Geburtshilfe am Universitätsklinikum Frankfurt am Main leitet. "Die Markierung als Risikoschwangerschaft bedeutet für die behandelnden Ärzte aber nur, dass sie bei dieser Schwangeren die spezifische Konstellation im Blick haben müssen."

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Schwangerschaft: Fragen und Antworten rund um Kinderwunsch, Geburt und Baby
Ein vorangegangener Kaiserschnitt etwa kann in seltenen Fällen zu einer Durchblutungsstörung der Gebärmutter führen. Eine stark übergewichtige Frau hat eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Schwangerschaftsdiabetes. Viele dieser Schwangerschaften und Geburten verlaufen dennoch völlig normal.

Viele Untersuchungen ungezielt durchgeführt

Die Hebamme Elke Mattern hat deshalb grundsätzlich Probleme damit, Frauen als Risikoschwangere zu klassifizieren. "Frauen, bei denen es zu Auffälligkeiten kommt, müssen natürlich intensiver betreut werden", so Mattern, die an der Universität Halle-Wittenberg zur Hebammenversorgung forscht. "Aber das sehe ich doch, dafür brauche ich nicht das Etikett Schwangerschaftsrisiko."

Ob sie das Kreuzchen setzen, liegt im Ermessen der Ärzte. "Die niedergelassenen Kollegen haben große Sorgen, dass sie juristische Probleme bekommen, wenn sie den Hinweis 'Schwangerschaftsrisiko' nicht ankreuzen und später Komplikationen auftreten", erklärt Louwen. Die Mediziner steckten in einer Zwickmühle: Einerseits wollten sie die Frauen nicht verunsichern, andererseits müssten sie sich juristisch absichern.

Hinzu kommen wirtschaftliche Gründe. Jeder Arzt bekommt für die Standard-Vorsorge eine Pauschale gezahlt. "Werden mehr Risiken dokumentiert, können zusätzliche Untersuchungen abgerechnet werden", sagt Gynäkologin Lüdemann. Das hilft Schwangeren, die engmaschig überwacht werden müssen. Bei allen anderen kann es zu einer Überversorgung führen, wie eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung kürzlich gezeigt hat. "Problematisch ist, dass viele Tests ungezielt durchgeführt werden", meint Lüdemann. "Gerade Untersuchungen, die privat finanziert werden müssen, bringen häufig unklare Ergebnisse, die Schwangere verunsichern, anstatt wie beabsichtigt ein gutes Gefühl zu vermitteln."

Was bedeutet das für Schwangere?

  • Das Label Schwangerschaftsrisiko alleine sagt noch nichts aus. "Lassen Sie sich von Ihrem Arzt das Risiko erklären und fragen Sie nach den Folgen für die Schwangerschaft und die Geburt", rät Louwen.
  • Auch Risikoschwangere können sich für die Vorsorge an eine Hebamme wenden. "Treten Komplikationen auf, wird die Hebamme die Frau zu einem Arzt schicken", sagt Elke Mattern.
  • Ein Schwangerschaftsrisiko ist nicht zwangsläufig ein Geburtsrisiko. Treten in der Schwangerschaft Komplikationen wie etwa eine drohende Frühgeburt auf, wird der Arzt eine Spezialklinik empfehlen. Alle anderen Risikoschwangeren können in einer Geburtsklinik ihrer Wahl entbinden.
    Zur Autorin
    • privat
      Carina Frey, studierte Soziologin, arbeitet nach Stationen bei "Frankfurter Rundschau" und dpa als freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte sind Verbraucher- und Wissenschaftsthemen.



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insgesamt 13 Beiträge
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Lügenimperium 30.07.2015
1. Zahlen
Man sollte vielleicht einfach mal sagen, dass eine stinknormale Hausgeburt genau so gefährlich ist wie im Krankenhaus mit 1000 Untersuchungen - jedenfalls bei uns in der westlichen Welt. Die Kindersterblichkeit ist glücklicherweise extrem niedrig. Gefahr besteht eigentlich gerade in Deutschland dann durch Keime und Fehlbehandlungen im Krankenhaus, auch ist nicht jede Untersuchung risikolos. Das schenkt sich in den Zahlen dann nichts wenn man einfach nichts macht - wie es übrigens seit sehr langer Zeit sehr gut klappt. Und selbst Risikoschwangerschaften... Wird da nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Nur weil Behandlung oder Untersuchung überlebt das Kind? Oder wird das Kind gerade dadurch erst gefährdet? Kaum ein Mensch kann im Nachhinein sagen ob die Untersuchung/Behandlung tatsächlich Erfolg hatte - das Kind hätte auch ohne gesund auf die Welt kommen können. Aber weil man was gemacht hat muss es ja daran liegen.
castorxy 30.07.2015
2. @Lügenimperium
Dem muss ich widersprechen. Hätte ich letztes Jahr die Hausgeburt gewählt würde ich jetzt, trotz unkomplizierter SS, nicht mehr leben.
novy13 30.07.2015
3. Oft wird es als
Bin nach einer unkomplizierten künstl. Befruchtung sofort schwanger geworden. (Problem waren zuwenig Spermien). Von Anfang an war alles "normal", keine Blutung, o.ä. Trotzdem werde ich seit nun 3 Monaten mit zus. Progesteron "gefüttert" und wie ein Gepäckstück auf den Kopf gestellt. Ich bin inzwischen beim 2. Arzt in Behandlung und es hat sich nix geändert, trotz meiner Beschwerde, dass ich dieses Getue nicht möchte, da ich beschwerdefrei bin, Krümel geht es sehr gut - keine "Risikofaktoren" ausser, dass ich 39 bin. Meiner Meinung nach wird man regelrecht als "krank" behandelt und wenn man sich dem widersetzt wird die "Angstkeule" rausgeholt nach dem Motto "Sie wollen doch, dass alles gut ist?" oder "Das ist so vorgeschrieben". Mich ko... das an und ich würde am liebsten gar nicht mehr zum Arzt, aber die "Angstkeule" hat bereits Wirkung gezeigt. Man sollte Frau und Schwangerschaft nicht so dermaßen ausnutzen und mit angstmachenden Parolen die Schwangerschaft versauen. Ich bin sehr dafür, dass man ordentlich überwacht, aber was man in den letzten Jahren mit Schwangeren alles anstellt ist nicht mehr normal und wie in der ganzen Schulmedizin zu oft auf Profit aus. Ich habe heute schon Angst, dass ich zu einem Kaiserschnitt genötigt werden könnte, weil eine "Gefahr" bestehen könnte. Wie soll ich das in einer evtl. stressigen Geburtssituation einschätzen. Habe keinerlei Vertrauen mehr in Frauenärzte...
martine-primus 30.07.2015
4. in meiner dritten Schwangerschaft
war ich dann auch eine Risikoschwangere, weil: a) über 35 b) ich musste Heparin spritzen und c) weil ich einen Gestationsdiabetis entwickelte (bin weit weg vom Übergewichtigen!) Ich hatte nach guter Aufklärung (beim Diabetologen, da ich ja dann auch Insulin spritzen musste) seitens der Ärzte, rannte ich nicht öfter zur Gyn als "Normalschwangere". Ich liess mich im Wechsel von der Hebamme/Gyn zur Vorsorge blicken und gebar mein drittes Kind (wie auch schon die Vorangegangenen) im Geburtshaus - alle waren glücklich und zufrieden!!!
carlitom 30.07.2015
5.
"Bis vor Kurzem galten in Deutschland drei von vier Schwangere als Risikoschwangere,..." Was ist denn das für ein Deutsch? "drei von vier SchwangereN" müsste es natürlich heißen. Das tut ja weh beim Lesen.
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