Urteil in Hessen Ärzte haften für Fehler bei Schwangerschaftsbetreuung

Weil sie ihr Kind bei einer fehlerfreien Behandlung abgetrieben hätten, haben Eltern Ärzte auf die Übernahme von Kosten für einen behindertengerechten Neubau verklagt. Das OLG in Frankfurt gab ihnen recht.

Ultraschalluntersuchung einer Schwangeren (Symbolbild)
imago/argum

Ultraschalluntersuchung einer Schwangeren (Symbolbild)


Ärzte müssen bei einer fehlerhaften Schwangerschaftsbetreuung Teile der Kosten für einen behindertengerechten Neubau übernehmen. Geklagt hatten die Eltern einer Tochter, die aufgrund des Gendefekts Trisomie 18 mit schweren körperlichen Fehlbildungen zur Welt kam und im Alter von drei Jahren starb. Die Tochter konnte ihren Oberkörper und Kopf nicht eigenständig halten, nicht essen, krabbeln und laufen.

Der Hausbau sei im Hinblick auf die schwere Behinderung erforderlich gewesen, urteilte das Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt. Außerdem sei festgestellt worden, dass die Kläger die Schwangerschaft bei fehlerfreier Behandlung abgebrochen hätten.

Bei Trisomie 18 kommt ein Chromosom, also ein Teil des Erbguts, dreimal statt zweimal vor. Infolgedessen wachsen die Kinder im Mutterleib langsamer. Sie können Fehlbildungen an den Organen entwickeln, die auf den Ultraschallbildern während der Schwangerschaftsbetreuung auffallen können.

Besteht der Verdacht auf Trisomie 18, können Ärzte diesen mit Fruchtwasseruntersuchungen oder anhand einer Gewebeprobe aus der Plazenta überprüfen. Trotzdem wird Trisomie 18 nicht in allen Fällen erkannt.

Trisomie 18 ist nicht heilbar. Nur eins von zwölf Kindern wird älter als ein Jahr. Die meisten sterben in den ersten zwei Lebenswochen.

Kosten in mittlerer fünfstelliger Höhe

Die Familie wohnte zum Zeitpunkt der Geburt in einer Eigentumswohnung, die nicht behindertengerecht umgebaut werden konnte. Daher entschloss sie sich zum Bau eines Hauses, als ihre Tochter zwei Jahre alt war und sie noch ein zweites Kind erwartete. Der Hausbau wurde dem Gericht zufolge bis zum Verkauf der Wohnung über ein Darlehen finanziert. Die Familie verlangte von den Ärzten die Übernahme der Zwischenfinanzierungskosten in mittlerer fünfstelliger Höhe.

Es sei überzeugend dargelegt worden, dass sich die Kläger aufgrund der schwersten Behinderung ihrer Tochter und nicht wegen der weiteren Familienplanung für den Hausbau entschieden hätten, so die Richter.

Zuvor hatte bereits das Landgericht Wiesbaden der Klage der Eltern stattgegeben und bei den beklagten Ärzten grundsätzlich eine Pflicht zum Schadenersatz gesehen (Az. 7 O 217/00). Die Berufung blieb nun vor dem OLG erfolglos. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Beklagten können die Zulassung der Revision vor dem Bundesgerichtshof beantragen.

Oberlandesgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 9. August 2018, Az. 8 U 181/16.

irb/dpa



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