Schwangerschaft: Antiepileptika schaden der Entwicklung des Kindes
Epilepsie-Medikamente bewahren Schwangere vor gefährlichen Anfällen - und schaden dem ungeborenen Kind. Auch Jahre nach der Geburt kann es zu Problemen mit Motorik, Sprache und Sozialverhalten kommen, zeigt jetzt eine große Studie.
Die richtige Dosis: Schwangere Epilepsie-Patienten sollten die Einnahme ihrer Medikamente nur in Rücksprache mit dem Arzt anpassen
Für Schwangere, die unter Epilepsie leiden, ist die Zeit bis zur Geburt mit besonderen Ängsten verbunden. Denn viele Medikamente, die die Patienten gegen die Krampfanfälle einnehmen, erhöhen das Risiko von Fehlbildungen beim Kind. Nichtsdestotrotz können die werdenden Mütter ihre Epilepsie-Mittel nicht einfach absetzen. Ein Anfall während der Schwangerschaft kann das Leben von Mutter und Kind gleichermaßen gefährden.
Bei schwangeren Epilepsie-Patienten versuchen Ärzte deshalb, die Medikamente so gering wie möglich zu dosieren um damit die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen zu minimieren, gleichzeitig aber Anfälle noch zu verhindern.
Eine neue Studie aus Skandinavien verdeutlicht jetzt, wie wichtig diese Vorsicht ist: Waren Kinder während der Schwangerschaft Antiepileptika ausgesetzt, erhöhte das nicht nur ihr Risiko für Fehlbildungen. Auch noch Jahre nach der Geburt beeinflussen die Medikamente offenbar die frühkindliche Entwicklung. So litten die Kinder zum Beispiel vermehrt unter motorischen Einschränkungen, hatten Sprachschwierigkeiten oder zeigten Anzeichen autistischer Züge, berichtet Gyri Veiby vom Haukeland Universitätsklinikum im norwegischen Bergen im Fachmagazin "Epilepsia".
Dreijährige hinken bei Sprache und Motorik noch hinterher
Die Wissenschaftler hatten neun Jahre lang (1999 bis 2008) Kinder aus der großangelegten "Norwegian Mother and Child Cohort Study" untersucht. Dafür konzentrierten sie sich auf werdende Mütter in der 13. bis 17. Schwangerschaftswoche. Nach der Geburt berichteten diese dann unter anderem mit Hilfe standardisierter Fragebögen über die Fähigkeiten ihrer Kinder in Bezug auf Motorik, Sprache und Sozialverhalten: einmal 18 Monate nach der Geburt sowie ein zweites Mal als das Kind drei Jahre alt war. Für den ersten Zeitpunkt analysierten die Forscher 61.351 Kinder. Es gelang ihnen jedoch nicht, sich über jedes dieser Kinder nach 36 Monaten erneut zu informieren. Ein zweites Mal nahmen nur noch die Mütter von 44.147 Kindern teil.
Insgesamt waren 333 der in der Studie eingeschlossenen Kinder in der Gebärmutter Epilepsie-Medikamenten ausgesetzt. Das Ergebnis: Diese Kinder hatten im Vergleich zu jenen, deren Mütter keine Antiepileptika eingenommen hatten, vermehrt Probleme mit der Feinmotorik und fielen häufiger durch autistische Züge auf. Auch 36 Monate nach der Geburt war dieser Effekt noch zu beobachten: Die Kinder hingen insbesondere in den Bereichen Motorik und Sprachfähigkeit in der Entwicklung hinterher.
War nicht die Mutter, sondern der Vater Epileptiker, hatte das keinen Einfluss auf die Kindesentwicklung. "Diese Kinder erzielten ganz normale Werte", schreiben die Wissenschaftler.
Langzeitfolgen sind nur schwer abschätzbar
"Unsere umfangreiche, bevölkerungsbezogene Studie bestätigt, dass Kinder, die während der Schwangerschaft Antiepileptika ausgesetzt sind, in wichtigen Bereichen der frühkindlichen Entwicklung schlechter abschneiden", sagt Veiby. Medikamente wie Valproat, Lamotrigin oder Carbamazepin beeinflussten die Kinder demnach nachteilig.
Andere Untersuchungen bestätigen dieses Ergebnis. So hatte etwa eine US-Studie Anfang dieses Jahres gezeigt, dass der IQ von Kindern bis ins Schulalter leidet, wenn die Mütter während der Schwangerschaft das Mittel Valproat eingenommen haben.
Veiby und seine Kollegen betonen, wie wichtig es sei, die Epilepsie-Medikamente während der Schwangerschaft möglichst optimal zu dosieren, um neuronale Folgeschäden für das Kind zu verhindern. Sie fordern mehr Forschung, um die Langzeiteffekte von Epilepsie-Mitteln für die Kinder von Patientinnen wirklich abschätzen zu können. So müssten etwa die spezifischen Effekte der unterschiedlichen Medikamente genauer untersucht werden.
Trotz der möglichen Folgeschäden für das Kind ist es allerdings entscheidend, dass Patientinnen ihre Medikamente auch während der Schwangerschaft weiter einnehmen. Betroffene sollten sich idealerweise bereits vor einer Schwangerschaft von ihren Ärzten zu Vorsichtsmaßnahmen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beraten lassen.
dal
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- "Norwegian Mother and Child Cohort Study": Beschreibung auf den Seiten des norwegischen Institute of Public Health (englisch)
- Fragebögen für Teilnehmer der "Norwegian Mother and Child Cohort Study"
für die Inhalte externer Internetseiten.
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