Schwangerschaft Hört auf, meinen Körper zu kommentieren

In der Schwangerschaft nimmt man zu, das ist der gesunde Normalfall. Doch viele Frauen fühlen sich unwohl damit, auch Ellen-Jane Austin. Woher rührt das Unbehagen - Eitelkeit oder doch medizinische Risiken?

Ellen-Jane Austin mit rundem Bauch - und ihrer Lieblingssünde
Josephine Neubert

Ellen-Jane Austin mit rundem Bauch - und ihrer Lieblingssünde


"Hallo Fetti", begrüßt mich eine gertenschlanke Freundin bei einer Umarmung - und ich könnte heulen. Sie meint es nicht böse, sie freut sich für mich und mein erstes Wunschkind. Trotzdem löst die Begrüßung eine Flut an Unsicherheit über meinen expandierenden Körper aus.

Vielleicht würde ich anders fühlen, wenn ich nur eine süße Kugel hätte, die ich wie eine Trophäe der Fruchtbarkeit vor mir hertrüge - wie die Katalog-Models in entzückender Umstandsmode.

Aber, Überraschung: Man nimmt nicht nur am Bauch zu. Bei mir sammeln sich die Schwangerschaftspfunde primär auf der Hüfte - zumindest optisch. Hinzu kommen ein ordentlicher Watschelgang, von Wassereinlagerungen aufgedunsene Hände und Füße und, wie ich mir habe sagen lassen, ein sehr rundes Gesicht. Wohlfühlkörper, das ist etwas anderes.

Zur Autorin
    Ellen-Jane Austin, Jahrgang 1982, ist freie Journalistin, Musik-Junkie, Läuferin in Teilzeit und genießt gerne gutes Essen. Wie geht es ihr in ihrer ersten Schwangerschaft?

Natürlich anfühlen, nicht wie etwas Makelhaftes

12 bis 14 Kilo sollten Schwangere laut unzähligen Ratgebern bis zur Geburt zunehmen - je nach Ausgangsgewicht können es aber auch deutlich mehr oder weniger sein. Momentan liege ich mit zehn Kilogramm noch im Schnitt. Trotzdem mache ich mir Sorgen, dass es zu viel sein könnte. Es klingt irrsinnig, doch selten in meinem Leben war ich so verunsichert, wie in der Schwangerschaft.

Eigentlich sollte sich das Zunehmen natürlich anfühlen, nicht wie etwas Makelhaftes. Doch in einer Zeit, in der sich für mich ohnehin alles verändert - meine Gedankenwelt, mein Verständnis von mir selbst und natürlich besonders mein Körper -, wird dieser plötzlich zur Freischussfläche für Kommentare. Jeder meint, das Recht zu besitzen, mich zu bewerten.

"Ganz schön rund geworden", sagt mir mein sportlich getrimmter Chef. "Du weißt, dass man nicht wirklich für zwei essen soll, oder?!", eine Lauffreundin. Meine Nachbarin, von der ich sonst nur ein verhaltenes "Hallo" im Treppenhaus entgegengenuschelt, setzt noch eins drauf: "Also meiner Kollegin hat man es bis auf die Kugel kaum angesehen. Die hatte auch kurz nach der Geburt ihre Figur zurück. Soll ich sie mal nach Tipps fragen?"

Nicht sehr erbaulich

Aber es geht bei den Kilo-Sorgen nicht nur um die Optik. Zu viel Gewicht in der Schwangerschaft birgt Risiken wie Schwangerschaftsdiabetes. Ich bin 35 und gelte in Deutschland somit als risikoschwanger. Da wird natürlich getestet. In der Nacht vor dem Test bekomme ich kaum zwei Stunden Schlaf. Ich wälze mich von links nach rechts und wieder zurück, denn bequem liegen ist mit Babybauch eine Herausforderung - auch ohne die Vorwürfe, die ich mir vorbeugend schon mal mache.

Gewicht während der Schwangerschaft

BMI vor der Geburt Empfohlene Gewichtszunahme
kleiner als 18,5 (Untergewicht) 12,5 bis 18 Kilogramm
18,5 bis 24,9 (Normalgewicht) 11,5 bis 16 Kilogramm
25,0 bis 29,9 (Übergewicht) 7 bis 11,5 Kilogramm
größer als 30 (starkes Übergewicht) 5 bis 9 Kilogramm

Quelle: International anerkannte Leitlinie des Institute of Medicine

Ich esse und koche meist frisch, aber ich nasche auch gerne. Windbeutel, Schokolade, Chips. Setze ich dadurch die Gesundheit meines ungeborenen Kindes aufs Spiel? Bekomme ich ein Sechs-Kilo-Baby, das später von Fettleibigkeit und Diabetes geplagt wird? Erwartet mich hoher Blutdruck? Eine Schwangerschaftsvergiftung? Kommt es zu einer Frühgeburt?

Während ich mir den Kopf über Zusatzpfunde und ihre möglichen Konsequenzen zerbreche, vergesse ich fast, wie viel Angst ich anfangs hatte, weil die Schwangerschaftskilos ausblieben. Der samstägliche Einkauf auf dem Markt - früher ein Highlight meiner Woche - wurde zur Tortur. Überall roch es nach Essen, an Käseständen, Wurstwägen, sogar beim Obstwagen vom Bauern. Ich wollte nur noch brechen. Gut sieben Kilo nahm ich in den ersten drei Monaten ab.

Damals ein Schock, denn ein Zuwenig an Gewicht birgt ebenfalls Risiken. Mangelernährte Kinder können zu früh, zu klein und zu leicht zur Welt kommen und an Organschäden leiden. Sogar Spätfolgen wie eine gesteigerte Anfälligkeit für Suchtentwicklung sind möglich. Woher ich das weiß? Doktor Google hat mich umfassend informiert. Ob die Recherche eine gute Idee war, bleibt dahingestellt.

Hätte ich mehr Sport treiben sollen?

Der orale Glukosetoleranz-Test bestätigt meine Ängste. Er deutet darauf hin, dass ich zu den fünf Prozent gehöre, die unter einem Schwangerschaftsdiabetes leiden. Sofort sind sie wieder da, die Selbstvorwürfe. Ich blicke an meinem aufgedunsenen Körper herunter - Übergewicht ist einer der Risikofaktoren. Bei der Vorstellung, meinem Kind durch meinen Lebensstil zu schaden, wird mir wieder übel.

Windbeutel-Gelüste
Josephine Neubert

Windbeutel-Gelüste

Hätte ich mehr Sport treiben sollen? Vor der Schwangerschaft dachte ich, kalorienreiche Gelüste einfach mit Bewegung ausgleichen zu können - so ein bisschen Kaloriensparen durch Laufen geht doch immer. Charlotte in "Sex and the City" hat schließlich auch hochschwanger täglich ihre Runden gedreht.

In der Realität lastet es mich derzeit völlig aus, im vierten Stock eines Berliner Altbaus zu wohnen. Ich musste lernen, dass ein Körper, der einen Menschen heranwachsen lässt, seine eigenen Regeln hat - und die entsprechen selten einem Hollywood-Streifen.

Eine Woche nach dem ersten Test werde ich ins Krankenhaus bestellt, um dort einige Tage meinen Blutzucker überwachen zu lassen. Zur Überraschung aller habe ich Traumwerte. Meilenweit entfernt von Diabetes. Ich kann noch am ersten Tag wieder nach Hause gehen.

Macht die Flut an Informationen uns nicht komplett irre?

Dennoch steht im Arztbrief dick die Diagnose "Schwangerschaftsdiabetes", ich soll eine Diät einhalten und ein Blutzuckerprotokoll führen. Ade Windbeutel, Schokolade und Pasta - hallo, Vollkornbrot, Gemüsepfanne und Blut aus dem Finger piksen. Eine klare Antwort auf die Frage, ob ich trotz der guten Werte nun wirklich Diabetes habe, konnte mir bisher keiner geben.

Ich bin dankbar, dass die Medizin heute so weit ist, Gefahren wie Schwangerschaftsdiabetes zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten, die bereits unzählige Leben verbessert oder sogar gerettet haben. Und dennoch frage ich mich, ob die Flut an Informationen uns Schwangere nicht komplett irremacht und damit uns und unser ungeborenes Kind unnötig Stress aussetzt. Stress, der übrigens auch Blutzuckerwerte nach oben schnellen lassen kann.

Ich werde jetzt das tun, was ich wohl von Anfang an hätte tun sollen: Auf meinen (wachsenden) Bauch hören. Nicht mehr im Internet recherchieren - weder nach gruseligen Krankheitsszenarien noch nach traumhaften After-Baby-Bodys von Beyoncé und Co. Nicht mehr die Schwangerschaft als Ausrede nutzen, um jeder Heißhungerattacke zu erliegen. Aber auch nicht streng Diät halten.

Und die Waage? Soll die doch von den Ärzten angeschaut werden. Wenn es Probleme gibt, werden sie sich schon melden.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
mr_mitty 04.09.2017
1. Übergriffigkeit ist modern
Es wird übrigens noch schlimmer werden, wenn das Kind erst mal da ist. Wildfremde Menschen mischen sich dann ein, geben ungefragt Tipps und nerven mit gut gemeinten Ratschlägen. Die anderen sowieso. Der Körper, insbesondere der weibliche, ist ein sehr dankbares Feld zum Kommentieren und Ratgeben. Dass das extrem übergriffig ist, ist einigen gar nicht bewusst. Darauf angesprochen, kommt dann auch ein "war doch gar nicht böse gemeint". Viele denken auch nicht weiter als sie ein Klavier werfen können. Die lassen dann auch mal dumme Sprüche ohne zu reflektieren, was sie bedeuten oder wie sie ankommen könnten. Mein ungefragter Rat: entweder Ohren zu oder direkte Ansprache, z.B. "Hab ich dich richtig verstanden, dass du mich fett findest und ich eine Diät machen soll, obwohl du weißt, dass ich schwanger bin?" Im allgemeinen führt so etwas zu sofortiger Relativierung der vorher gemachten Aussage. Alles Gute.
juju1978 04.09.2017
2. Ich fand es auch furchtbar,
mit welcher Selbstverständlichkeit sich teilweise völlig fremde Menschen dazu berufen fühlten mich und meinen schwangeren Körper zu beurteilen. Da ich ca. 5 Liter Fruchtwasser hatte, hatte ich keine schöne Babykugel, sondern sah aus, als hätte ich mindestens einen großen Medizinball verschluckt. Und zu der angeblichen Schwangerschaftsdiabetes sage ich nur, dass es in den meisten Fällen bloße Panikmache ist, um die Blutzuckertestindustrie anzukurbeln. Während meines dritten Aufenthaltes für das sogenannte Tag-Nacht-Profil gab es Spaghetti mit Tomatensauce (verdünntes Ketchup) und meine Werte waren dennoch in Ordnung. Ich denke, dass hier auf dem Rücken der ohnehin schon unsicheren Schwangeren, wie zum Beispiel "werde ich eine gute Mutter", "schaffe ich das", und soziale Ängste, massiv Kasse gemacht werden soll. Und ausserdem, ja es gibt Frauen, die laufen schon ein oder zwei Tage nach der Geburt wieder in ihren Röhrenjeans herum, aber die Mehrheit von uns kämpft die nächsten Monate und Jahre noch mit den Pfunden bzw. damit, dass das Becken breiter ist als zuvor und man (Frau) passt nie wieder in diese Röhrenjeans, auch wenn sie sogar leichter wird als vor der Geburt. Mütter ihr habt einem kleinen Wesen das Leben geschenkt ??. Lasst euch also nicht von den sogenannten gut gemeinten Ratschlägen verunsichern, und sagt euren Freundinnen, wenn sie euch und euren wundervollen Körper beleidigt.
marvelousgenki 04.09.2017
3. Nicht nur verbal
Aber es sind doch nicht nur die lästigen und ungefragten Ratschläge. Man wird von seinem Umfeld permanent kontrolliert. Was isst sie, wie viel, versucht sie trotz Schwangerschaft ab zu nehmen, weil sie plötzlich Lust auf nen Salat hat? Das alles kann man in Grund und Boden diskutieren. Aber schneller als jedes Wort und jeder Konter sind die "Grapscher", welche den neuen Umfang nicht nur kommentieren, sondern gleich befühlen müssen. Ich finde das massiv unangenehm und fühle mich dann immer wie in einem Streichelzoo. "Oh schau mal man sieht schon ein merkliches Bäuchlein" und ZACK ist ne Hand dran. Der eigene Körper wird plötzlich zum Allgemeingut und das Verständnis fehlt völlig, wenn man dies nicht mag.
zaunreiter35 04.09.2017
4. Das ist keine Freundin...
"Hallo Fetti", begrüßt mich eine gertenschlanke Freundin bei einer Umarmung - und ich könnte heulen. Sie meint es nicht böse, sie freut sich für mich und mein erstes Wunschkind. Trotzdem löst die Begrüßung eine Flut an Unsicherheit über meinen expandierenden Körper aus. (...)" Doch...genauso meint sie es...Wenn das eine Freundin ist, dann weiß sie, dass es Ihnen weh tut. Und wer das dann trotzdem macht, obwohl ich das nicht will, der ist die längste Zeit meine Freundin/mein Freund gewesen. Für mich ist das eine Übergriffigkeit, die ich für asozial halte. Wenn es eine Freundin von Ihnen ist, dann soll sie mit Ihnen feiern. Feiern, dass Sie den göttlichen Funken weitergeben. Dass Sie für die nächste Generation sorgen.
lupo62 04.09.2017
5.
Da nutzt nichts, Frau Austin, wenn sie die nächsten 20 Jahre einigermaßen glücklich leben wollen, werden Sie sich das zulegen müssen, was man "ein dickes Fell" nennt. Das geht nämlich so weiter. So eine Geburt ist eine recht rustikale Angelegenheit, um es mal sehr zurückhaltend zu formulieren. Und dann haben Sie plötzlich ein neues Familienmitglied, dass sie 24 Stunden am Tag fordert, ohne jede Diskussion. Und wenn der Nachwuchs erst so alt ist, dass man mit ihm diskutieren kann, geht es erst richtig los, 15, 20 Jahre lang. Aber Sie kriegen auch auch einiges auf der Haben-Seite. Sie werden schon sehen. Am Ende ist die Bilanz ausgeglichen oder sogar positiv. Ich wünsche Ihnen und ihrem Kind viel Glück.
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