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Karies-Vorsorge: Schwanger? Ab zum Zahnarzt!

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Corbis

Schwangerschaft: Gesunde Zähne bei der Mutter sind wichtig für das Kind

Auch kleine Kinder können Karies bekommen. Wie man sie schützt? Am besten schon vor der Geburt.

Es ist ein mütterlicher Instinkt: Schnell den Schnuller sauber lecken, den das quengelnde Baby gerade aus dem Kinderwagen geworfen hat. Manche wittern in der gut gemeinten Geste jedoch Gefahr. Achtung - Karies-Übertragung! Und schwupps hat das Kind schlechte Zähne. Ganz falsch sind die Bedenken nicht. Aber auch nicht ganz richtig.

Mütter können - wie Väter - mit ihrem Speichel tatsächlich schädliche Bakterien weitergeben. Allein davon bekommt ein Kind jedoch noch keine Karies, dafür braucht es eine Kombination aus schädlichen Bakterien, Zucker und Zeit. Auf kurze Sicht also hat der weitergegebene Schnuller keine Konsequenzen.

Langfristig aber, da sind sich internationale Forscher einig, profitiert die Zahngesundheit der Kinder, wenn Eltern die übertragenen Bakterien reduzieren. Umgekehrt gesagt: Je früher der schlimmste Karies-Auslöser, das Bakterium Streptococcus mutans, die Mundhöhle eines Babys besiedelt, desto größer ist die Karies-Verbreitung schon wenige Jahre später.

Karies während der Schwangerschaft schon reduzieren

"Kinder, die in den ersten beiden Lebensjahren verschont bleiben von einer Besiedlung mit karies-auslösenden Bakterien, entwickeln später weniger Karies, selbst bei zuckerlastiger Ernährung", sagt Ulrich Schlagenhauf, Parodontologe am Uni-Klinikum Würzburg. Starten Kinder vor allem ohne Streptococcus mutans ins Leben, kann sich in ihrem Mund eine starke, gesunde Mikroflora etablieren. Diese könne später ein Überwachsen der karies-auslösenden Keime hemmen, so der Experte.

Trotzdem bleibt es wichtig, Kinderzähne vor Zucker zu schützen: Eltern sollten auf Fruchtsäfte oder süße Tees aus der Nuckelflasche verzichten, lautet der wichtigste Appell der Zahnärzte. Auch schon vor der Geburt könnten Mütter etwas tun, sagt Christian Splieth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Eine intensive zahnmedizinische Betreuung von schwangeren Frauen bringe "entscheidende Vorteile für die Mundgesundheit des Kindes".

Werdende Mütter sollten stärker für ihre Zahngesundheit sensibilisiert werden, fordern Forscher gestützt auf internationale Studien. Die Gleichung ist einfach: Weniger kariesauslösende Bakterien im Mund der Mutter bedeuten weniger Bakterienübertragung auf das Kind. Das führt zu einer geringeren Bakterienbesiedlung im Kindermund - und somit einer geringeren Karieshäufigkeit.

Nicht nur zum Frauenarzt, auch zum Zahnarzt

Bereits 2007 veröffentlichten Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover ein Konzept für "Zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung in der Schwangerschaft". Schwangere Frauen, sagt Autor Hüsamettin Günay, sollten nicht nur zum Frauenarzt gehen, sondern auch zum Zahnarzt - damit Entzündungen behandelt und krankheitsauslösende Keime reduziert werden könnten. "Eine professionelle Zahnreinigung für werdende Mütter ist auf jeden Fall sinnvoll. Es wäre wünschenswert, dass die Krankenkassen diese übernehmen."

Für Kinder sieht die gesetzliche Krankenversicherung den ersten Besuch beim Zahnarzt erst im Alter von zweieinhalb Jahren vor. "Das ist häufig zu spät", sagt Christian Splieth, denn Karies könne bereits nach dem ersten Zahndurchbruch mit sechs bis acht Monaten auftreten. Vor allem Kinder mit niedrigem sozialen Status haben oft schon im Vorschulalter Probleme mit den Zähnen. Die Zahnärzteschaft fordert daher, drei zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat einzuführen.

Ob es tatsächlich dazu kommt, ist allerdings fraglich. Gerade hat das Kabinett den Entwurf eines neuen Präventionsgesetzes verabschiedet. Krankenkassen sollen in Zukunft doppelt so viel Geld in Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung investieren. Eine engmaschigere Betreuung von Kleinkindern beim Zahnarzt sieht der Gesetzesentwurf allerdings nicht vor. Die geplanten Maßnahmen seien speziell für Kleinkinder nicht ausreichend, kritisierte die Bundeszahnärztekammer. Manche Krankenkassen erstatten die Leistungen jedoch auf eigene Initiative (siehe Kasten "Konzept gegen frühkindliche Karies").

Schnuller in der Dose

Besonders wichtig sei es, die Eltern einzubeziehen, sagt Hochschullehrer Günay. "Nur damit schaffen wir eine gute Voraussetzung für eine dauerhafte Zahn- und Mundgesundheit des Kindes." Die Vorbeugung beruht jedoch bisher auf einer "Komm-Struktur". Gerade die Risikogruppe mit schlechterem sozialen Status erreiche man damit nicht, kritisiert Splieth. Mütter besonders kariesgefährdeter Kinder, sagt auch Günay, müsse man direkt aufsuchen - etwa in öffentlichen Einrichtungen.

Und was machen Eltern, die keinen Schnuller mehr ablecken wollen? Am besten in einer Dose immer frisch ausgekochte Exemplare parat haben.

Konzept gegen frühkindliche Karies
Entsprechend den kinderärztlichen Früherkennungsuntersuchungen sieht das Konzept der Zahnärzteschaft drei zahnärztliche Untersuchungen bei Kleinkindern vor: Die erste zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat, die zweite zwischen dem 10. und 20. Lebensmonat und die dritte ab dem 21. Lebensmonat. Diese Termine, so die Forderung an die Politik, sollten Teil der zahnmedizinischen Präventionsleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sein. Ebenso sollten werdende Eltern unter Einbeziehung von Gynäkologen und Hebammen im Rahmen der Schwangerschaftsberatung über Mundgesundheitsfragen aufgeklärt werden.

  • Das Konzept ist bislang nicht im Entwurf des neuen Präventionsgesetzes enthalten, aber es gibt erste Initiativen auf Krankenkassen-Seite: Die Barmer GEK kooperiert seit April 2014 mit der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Nordrhein und übernimmt zwei zahnärztliche Untersuchungen bei Kindern zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat. Die AOK Rheinland/ Hamburg bietet bereits seit Mitte 2013 im Rahmen eines Modellprojektes eine frühkindlichen Zahnprophylaxe für Kinder im Alter von null bis drei Jahren an, ebenso für deren Eltern und für Versicherte, die ein Kind erwarten.
  • Schwangerschaftsberatung über Mundgesundheitsfragen

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Pzr
Herr Hold 28.12.2014
Die werdende Mutter kann doch jederzeit eine "Professionelle Zahnreinigung" machen lassen. Wie jeder andere auch. Warum sollte das in dem Fall die Krankenkasse übernehmen?
2.
Newspeak 28.12.2014
Mal zugespitzt gesagt: Zahnärzte haben eigentlich nur zwei Krankheiten zu bekämpfen...Karies und Paradontose...die auch nur eine Ursache haben...Bakterien. Und bei beiden versagen sie auf ganzer Linie. Zahnärzte sind die einzigen, die sich Ärzte nennen dürfen, ohne auch nur einen Patienten wirklich zu heilen.
3. Kann man nicht oft genug sagen
stickstoffgruppe 28.12.2014
Eigentlich sollten solche Meldungen gar nicht mehr nötig sein, denn bei Karies und Parodontalerkrankungen ist heute ein Wissensstand erreicht der es ermöglicht, diese Erkrankungen zu vermeiden oder weitestgehend einzuschränken. Leider sind auch Zahnärzte sehr auf die aktive Mitarbeit der Patienten angewiesen, um einen langfristigen Behandlungserfolg zu erreichen. In diesem Zusammenhang von einem "Versagen" der Ärzte zu sprechen ist weltfremd.
4. Übertragung
Senf-Dazugeberin 28.12.2014
Ich wunder mich seit 4 Jahren und inzwischen 2 Kindern immer wieder, dass ich im gesamten Umfeld offenbar die Einzige bin, die NICHT die gleiche Gabel nutzt oder aus dem gleichen Glas trinkt wie die Kinder. Und das auch bei Menschen, die man nicht zur bildungsfernen Schicht zählt.
5. Erwähnenswert
o-w 28.12.2014
wäre vielleicht noch die Tatsache, dass zahnärztliche Behandlungen zwischen dem 3.-6. Monat der Schwangerschaft durchgeführt werden sollten. Später besteht die Gefahr, durch die Spritze Wehen auszulösen, frühere Behandlungen beeinträchtigen möglicherweise die Organentwicklung des Kindes. Win Zahnarztbesuch vor einer geplanten Schwangerschaft ist daher empfehlenswert.
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ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin
So entsteht Karies
Jeder Mensch hat sehr viele Bakterien im Mund. Aber eine Art,die sich von Zucker ernährt, schadet den Zähnen besonders stark: Streptococcus mutans, kurz SM. Diese Bakterien heften sich an die Zahnoberfläche, bilden einen Zahnbelag und scheiden Säuren aus, die den Zahnschmelz angreifen. Der PH-Wert sinkt, dem Zahn werden Mineralien entzogen. Kann der Körper das nicht mehr ausgleichen, entsteht Karies.

Auch wenn er als wichtigster Verursacher von Karies gilt, scheint SM nicht alleine für die Entstehung von Löchern in den Zähnen verantwortlich zu sein. Das Zusammenwirken der zahlreichen Bakterienarten im Mund ist bis heute nicht ganz entschlüsselt. Seit einiger Zeit rückt der Hefepilz Candida albicans ins Blickfeld. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig etwa beobachteten, dass SM in Anwesenheit des Hefepilzes schädlicher wird.


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