Tausende betroffene Kinder Wie Alkohol in der Schwangerschaft schadet

Aggressionen, fehlende Orientierung, Hilflosigkeit: Wer im Mutterleib Alkohol ausgesetzt ist, startet oft in ein kompliziertes Leben. Viele Schwangere unterschätzen die Risiken des Trinkens, warnen Experten.

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Trinken in der Schwangerschaft: Leider Gang und Gäbe
Corbis

Trinken in der Schwangerschaft: Leider Gang und Gäbe


Ein Gläschen Sekt zum Anstoßen oder ein bis zwei Gläser Rotwein zum Entspannen - Alkohol gehört in unserer Gesellschaft zum Leben dazu, auch für manche Schwangere. Laut aktuellen Untersuchungen des Robert Koch-Instituts verzichtet jede fünfte Frau nicht konsequent auf Sekt und Co., obwohl sie ein Kind in ihrem Bauch trägt. Möglicherweise, weil sie die Folgen abtut. Tatsächlich aber trinkt der Fötus jedes Schlückchen mit. Das kann sein künftiges Leben immens beeinflussen.

Die Liste der möglichen Folgen für das Kind ist lang, sie reicht von späteren kognitiven Störungen über Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Wachstumseinschränkungen, Gesichtsfehlbildungen und missgebildeten inneren Organen.

Jährlich zeigen geschätzt 10.000 neugeborene Kinder einzelne Anzeichen einer Schädigung durch Alkoholkonsum. Wahrscheinlich bleiben viele Fälle unerkannt. Davon kommen mehr als 2000 mit einem Vollbild des sogenannten Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) auf die Welt - zumeist die Folge stärkeren Alkoholkonsums.

Die Probleme sind keineswegs auf Kinder aus sozial schwierigen Familien beschränkt. Das Trinkverhalten von Frauen mit einem hohen sozialen Status, guten Jobs und breiter Bildung ist oft ebenso problematisch wie das von Frauen aus sozial niedrigen Schichten. Mehr Aufklärung wäre wichtig: Laut einer aktuellen Untersuchung wissen 44 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht, dass Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu bleibenden Schäden für das Kind führen kann.

"Bereits geringste Mengen Alkohol, vermutlich ab der dritten Schwangerschaftswoche, können zu vermeidbaren Störungen beim Kind führen. Deshalb sollte eine Schwangere spätestens, wenn sie weiß, dass sie schwanger ist, keinen Alkohol mehr trinken", sagt Mirjam Landgraf, Kinder- und Jugendärztin sowie Psychologin am Klinikum der Universität München. Schuldzuweisungen an Mütter bringen nichts. Zumeist haben sie extreme Schuldgefühle.

Kleiner, veränderte Gesichtszüge

Kinder mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms sind noch relativ leicht zu diagnostizieren, weil bei ihnen neben dem Gehirn auch Gesicht und Wachstum betroffen sind. Im Vergleich zu anderen Kindern sind sie zu klein und zu leicht, die Mädchen werden in der Pubertät dann eher gewichtiger. Ihre Lidspalte ist zu kurz, das Oberlippenrot zu schwach.

Hinzu kommen die Probleme des Zentralnervensystems. "Das Gehirn wächst nicht richtig und folglich auch nicht der Schädel", sagt Landgraf. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, aufmerksam zu bleiben, es mangelt an Planungsfähigkeit, Problemlösungsstrategien, auch Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge können sie nur schwer erkennen.

Schwieriger wird die Diagnose, wenn die Folgen des Gifts im Mutterleib sich nur in einzelnen Symptomen niederschlagen. Solche leichteren, aber auch schwerere Fälle durch Alkohol im Mutterleib, fassen Mediziner unter dem Begriff Fetal Alcohol Spectrum Disorder (FASD) zusammen. Die Beschwerden können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, oft wird die Krankheit deshalb gar nicht, oder erst viel später erkannt.

Auch Hemmungen, einen Verdacht zu äußern, können ein Grund für eine Nicht-Diagnose sein. Die Fachgesellschaft für Neuropädiatrie ermutigt in ihrer Leitlinie die Helfer im Gesundheitssystem dazu, einen Verdacht auf eine Störung durch Alkohol auszusprechen. "FASD ist eine der häufigsten angeborenen Erkrankungen", sagt Landgraf.

Hohes Risiko für Obdachlosigkeit

"Eine konkrete Diagnose ist notwendig, damit die Kinder und Jugendlichen im Alltag besser betreut und gefördert werden können", sagt Landgraf. US-Studien haben ergeben, dass nur etwa ein Drittel der Kinder als Erwachsener selbstständig leben kann, viele Obdachlose haben FASD. "Sie brauchen einen Vormund, jemand, der sie bei Behördengängen begleitet und ihnen beim Umgang mit Geld hilft", sagt Landgraf.

Man sehe den Betroffenen mitunter nicht an, dass sie einen enormen Hilfebedarf haben. Es gebe auch Personen mit FASD, die durch ihre Eloquenz, ohne die Inhalte zu verstehen, ihr Umfeld blenden. "Das führt dazu, dass sie zunächst überschätzt werden. Häufig fliegen sie im Arbeitsmarkt aber bald auf", sagt die Münchner Ärztin und Psychologin.

Schon als Kindern fällt es stärker Betroffenen schwer, die einfachsten Alltagsaufgaben zu erlernen. Sie können sich schlecht orientieren, werden schnell und unerklärlich zornig, sind hemmungslos wütend, werfen zum Beispiel Steine auf vorbeifahrende Autos und bedrohen und schlagen ihre Geschwister. Die Eltern oder Pflegeeltern werden teilweise belogen und beklaut, ohne dass die Kinder ihren Fehler verstehen. Emotionen können sie nicht zeigen.

Als junge Erwachsene haben einige eine Weglauftendenz. Nicht selten werden Jugendliche und Frauen mit FASD zu Opfern sexueller Übergriffe. Sie sind - wie auch männliche Betroffene - zu gutgläubig und zu leicht auszunutzen, zu naiv.

Steht die Diagnose fest, können die betroffenen Kinder und Jugendlichen gezielt gefördert werden. "Ergotherapie, Sprachtherapie, Medikamente bei einer Aufmerksamkeitsstörung und die Vermeidung von Überforderungssituationen im schulischen Bereich sind wichtig", sagt Landgraf. Kinder mit FASD sollten in einem stabilen fördernden Umfeld, ohne Gewalterlebnisse und ständige Beziehungswechsel aufwachsen.



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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
spon-416-d4ir 17.03.2015
1. bin irritiert -
den die Symptome die hier geschildert werden, könnten direkt auch das Störungsbild von Autismus beschreiben - sofern auch eine Einschränkung im sozial-kommunikativen Bereich miteinhergeht...
Windlerche 17.03.2015
2. Danke!
Endlich so ein Artikel! Wir haben seit drei Jahren eine inzwischen sechs Jahre alte Pflegetochter mit Alkoholschädigung. Weder bei Ämtern noch in Schule oder Hort sind die Auswirkungen dieser Schädigungen bekannt und wir bekommen oft zu hören, wir müssten das Kind nur noch mehr lieben, dann würden die Aggressionen schon verschwinden. Schön wär's! FASD ist lebenslänglich.
firenafirena 17.03.2015
3. Gesellschaftsdroge
Vermutlich spielt auch hier das enge Umfeld die Hauptrolle. Man muss nur lange genug rumfragen und schon findet sich die Tante der Nachbarin, die ja auch immer "ein Gläschen" getrunken hat und deren Kinder aber total gesund sind... als nächstes wird dann von "Hysterie" und "Panikmache" gesprochen und "früher hat sich darüber ja auch keiner Gedanken gemacht" und schon ist das Thema wieder erledigt...
nettes Gespräch 17.03.2015
4.
Zitat von spon-416-d4irden die Symptome die hier geschildert werden, könnten direkt auch das Störungsbild von Autismus beschreiben - sofern auch eine Einschränkung im sozial-kommunikativen Bereich miteinhergeht...
nein, das passt nicht zu Autismus. Gezieltes Schlagen, bedrohen und lügen passt nicht. Emotionen nicht zeigen zu können ist auch nicht das Problem von Autisten. Ihre Emotionen kann man ihnen sehr wohl ansehen, sie können aber die Emotionen anderer nicht gut verstehen.
elizar 17.03.2015
5. Hinweis
Auch die meisten "alkoholfreien Biere" haben so gut wie nie 0,0 % Alkohol. Wer also glaubt mit einem alkoholfreien Bier oder Weizen sein Kind nicht zu gefährden irrt!
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