Menopause: Stillen hilft langfristig gegen Übergewicht

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Baby trinkt an der Brust: Stillende Frauen sind langfristig schlanker

Viele Schwangerschaften und kurze Stillphasen beeinflussen offenbar langfristig das Körpergewicht von Frauen. Mütter, die ihren Kindern lang die Brust gegeben haben, sind einer britischen Studie zufolge auch nach den Wechseljahren schlanker als Frauen, die nicht gestillt haben.

"Greif zu, du musst für zwei essen!" Diesen alten Satz wird vermutlich auch heute noch fast jede Schwangere einmal hören. Dabei reicht eine ausgewogene Kost in der Schwangerschaft vollkommen aus, um Mutter und Kind ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Später hingegen bereiten zu viele Kilos oft Probleme, denn mit der Geburt des Kindes ist das überflüssige Gewicht nicht automatisch verschwunden. Eine britische Studie mit mehr als 740.000 Teilnehmerinnen hat jetzt ergeben, dass sich die Anzahl der Schwangerschaften und das Stillen auch Jahrzehnte später noch auf das Körpergewicht der Frauen auswirken können.

Mit jeder Schwangerschaft nimmt die Frau nicht nur neun Monate lang zu und danach mehr oder weniger schnell wieder ab, im Durchschnitt steigt ihr Body-Mass-Index (BMI) dadurch langfristig an - sogar bis über die Menopause hinaus. Das berichten Kirsty Bobrow von der University of Oxford und ihre Kollegen jetzt im "International Journal of Obesity". Gleichzeitig wirke Stillen dem Übergewicht aber auf Dauer entgegen, so die Forscher.

Weniger Krankheiten durch Stillen?

Beide Phänomene sind unter Müttern immer wieder Thema: "Passen Sie bloß mit dem Gewicht auf", so ein typischer Rat, "ich hatte mit jeder Schwangerschaft zwei Kilo mehr drauf, die ich nie wieder losgeworden bin." Ebenso winken Mütter beim Thema Übergewicht oft mit der Begründung ab, wer stille, der verliere die Kilos ja quasi von allein.

Weder das eine noch das andere stimmt für jede einzelne Frau, in der Masse aber lassen sich diese Tendenzen durchaus erkennen, wie die britische Studie zeigt. Bei den Studienteilnehmerinnen, die zwischen 50 und 64 Jahre alt waren, stieg der BMI im Durchschnitt mit jedem Kind leicht an. Frauen, die vier oder mehr Kinder geboren hatten, hatten nach den Wechseljahren einen um 1,7 Punkte höheren BMI als kinderlose Frauen. Insgesamt lag der BMI der Frauen durchschnittlich bei 26,2 - und damit deutlich im Bereich des Übergewichts.

Die Studie im Detail
Die Studie
Die britische Studie untersucht, inwiefern sich die Anzahl der Schwangerschaften und die Stilldauer langfristig auf das Körpergewicht von Frauen auswirken. Es nahmen mehr als 740.000 postmenopausale Frauen in Großbritannien im Rahmen der Million Women Study teil. Dafür hatte der britische National Health Service in den Jahren 1996 bis 2001 rund eine Million Frauen zwischen 50 und 64 Jahren befragt und untersucht. Sie machten Angaben über Größe, Gewicht, Schwangerschaften und Stillen, aber auch über andere relevante Fakten wie körperliche Aktivität, Rauchen und sozioökonomische Faktoren.
Ergebnisse
Mit jedem Kind stieg der Body-Mass-Index (BMI) der Frauen leicht an. Bei Frauen, die vier oder mehr Kinder geboren hatten, lag der BMI nach den Wechseljahren im Durchschnitt um 1,7 Punkte höher als bei kinderlosen Frauen.

Bezüglich des Stillens ergab sich ein gegenläufiger Trend: Die Frauen, die mindestens sechs Monate lang gestillt hatten, hatten einen BMI von 0,22 Punkten weniger als die Teilnehmerinnen, die ihre Kinder nicht gestillt hatten.
Stärken der Studie
Die Zahl der teilnehmenden Frauen ist mit über 740.000 sehr groß. Außerdem haben die Wissenschaftler relevante Informationen über Rauchen, Bewegung und sozioökonomischen Hintergrund erfragt - wie auch in anderen Studien beeinflussten diese Faktoren direkt das Gewicht der Frauen. Doch auch nachdem die Forscher diese Störgrößen herausgerechnet hatten, ergab sich ein statistisch signifikanter Einfluss von Geburtenzahl und Stilldauer auf das postmenopausale Gewicht.
Schwächen der Studie
Da es sich um eine Untersuchung in Großbritannien handelt, sind die Ergebnisse nicht auf alle Populationen übertragbar. Zudem könnten möglicherweise auch andere Faktoren, die nicht aus den Ergebnisse herausgerechnet wurden, Einfluss nehmen auf das Gewicht der Frauen.
Bei den Frauen, die insgesamt mindestens sechs Monate lang gestillt hatten, betrug der BMI nach den Wechseljahren rund 0,22 Punkte weniger als bei nicht stillenden Frauen, berichten die Wissenschaftler. Bei dem Durchschnitts-BMI von 26,2 entspricht dies knapp einem Prozent. Hatten die Frauen insgesamt zehn Monate gestillt, erhöhte sich der Spareffekt beim BMI sogar auf rund zwei Prozent.

Eine Reduktion des BMI um ein oder zwei Prozent allein durch das Stillen klinge zunächst nicht viel. "Aber wenn der durchschnittliche Body-Mass-Index in der westlichen Welt nur ein Prozent geringer wäre, könnte dies die Häufigkeit der durch Übergewicht ausgelösten Krankheiten deutlich reduzieren", schreiben Bobrow und ihre Kollegen. Auch die durch Übergewicht verursachten Krankheitskosten ließen sich durch eine derartige Gewichtsabnahme deutlich reduzieren.

Maximal gestresst durch wenig Schlaf

Übergewicht ist ein entscheidender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Diabetes und für Erkrankungen der Knochen und Gelenke. Und Übergewicht kann Krebs auslösen: Darm-, Gebärmutter-, Speiseröhren- und Nierenkrebs können die Folge sein. Eine im "British Journal of Cancer Research" veröffentlichte Untersuchung ergab zudem, dass eine von zehn Brustkrebserkrankungen durch Übergewicht entsteht.

Die Effekte von Stillen und Geburten auf das Gewicht seien voneinander unabhängig und auch nicht durch andere Faktoren wie Ernährungsgewohnheiten, Einkommen, Bildung, Tabakkonsum und andere gesundheitlich wichtige Faktoren beeinflusst, schreiben die Forscher. Frauen mit höherem Einkommen hatten zwar im Durchschnitt einen niedrigeren BMI als Frauen aus weniger guten finanziellen Verhältnissen. Dennoch sei der Einfluss der Geburten und des Stillens in beiden Gruppen klar erkennbar und vergleichbar hoch. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese beiden Faktoren das Körpergewicht langfristig ähnlich stark beeinflussen wie die sozioökonomische Gruppe, das Rauchen oder andere bekannte Risikofaktoren", erklären Bobrow und ihre Kollegen.

Wie schwer es ist, überflüssiges Gewicht nach der Geburt wieder loszuwerden, ist individuell sehr unterschiedlich und auch abhängig vom Temperament des neugeborenen Kindes. "Manche Frauen sind einfach maximal gestresst durch wenig Schlaf und das Versorgen des Kindes, das möglicherweise ständig unruhig ist", sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, zu SPIEGEL ONLINE. "Da kann sich eine Mutter nicht auch noch auf das Abnehmen konzentrieren." Albring kann die Ergebnisse der Studie aus seiner Tätigkeit als niedergelassener Gynäkologe bestätigen. Zwar nehme eine Frau im Allgemeinen durch das Stillen wieder ab, die Schwangerschaften selbst aber führten vielfach zu einer ungewollten Gewichtszunahme. "Und jede weitere Schwangerschaft macht es den Frauen noch schwerer, weil sich häufig mit einem höheren Anfangsgewicht als in der ersten Schwangerschaft starten", erklärt Albring.

"Breast is best"

Über das Thema Stillen wird seit Jahren leidenschaftlich debattiert. Die einen halten Muttermilch für den Segensbringer schlechthin, weil das Stillen Krankheiten verhindern soll und eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind schafft - "breast is best", so das Credo der Muttermilch-Verfechter. Auf der anderen Seite gibt es die Frauen, die vielleicht nicht stillen können oder wollen, die schnell wieder arbeiten gehen, die sich das Füttern ihrer Kinder mit dem Partner teilen wollen.

Die Empfehlungen der Weltgesundheitsbehörde WHO indes sind eindeutig: Mindestens sechs Monate ausschließlich stillen, dann mit Zusatznahrung beginnen. Doch daran mehren sich Zweifel, einer britischen Studie zufolge sollten Babys in Industriestaaten schon vom vierten Monat an neben der Muttermilch auch mit anderen Nahrungsmitteln gefüttert werden. Das Forscherteam analysierte eine Reihe aktueller Studien zu dem Thema und kam zu dem Schluss: Babys, die länger voll gestillt werden, könnten unter Allergien und Eisenmangel leiden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht derweil noch einen Mittelweg und empfiehlt, frühestens im fünften und spätestens im siebten Monat mit Beikost zu beginnen.

Mit Material von dapd

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Da fehlt aber was.
Luzyn 12.07.2012
-------- Die Empfehlungen der Weltgesundheitsbehörde WHO indes sind eindeutig: Mindestens sechs Monate ausschließlich stillen, dann mit Zusatznahrung beginnen. ------ Zusatznahrung nicht Ersatznahrung, weiterhin empfiehlt die who Stillen bis zum 2. Lebensjahr und das gilt auch für Industrienationen.
2. ...
o.b.server 12.07.2012
Wenn da mal wieder nicht Korrelation mit Kausalität verwechselt wurde, wie es schon häufiger in der Medizin vorgekommen ist.
3. Mythenbildung
Chimaere 12.07.2012
Das ist eine Schwachsinnsstudie mit Null Aussagekraft. Die festgestellten Abweichungen beim BMI können völlig zufällig zustande kommen bzw. durch völlig andere Faktoren verursacht sein als durch das Stillen. Den kausalen Zusammenhang hat die Studien nämlich in keiner Form belegt. Dank solch völlig unkritischer Übernahmen derart blödsinniger Untersuchungen durch die Medien mit so fantastisch klingenden Überschriften wie hier von SPON vorgemacht entstehen blödsinnige Mythen der Kategorie G-Punkt, Spinat hat viel Eisen und menstruierende Frauen bringen Blumen zum Welken.
4. Abnahme durch Kind
ASDFZUIOP 12.07.2012
Zitat von ChimaereDas ist eine Schwachsinnsstudie mit Null Aussagekraft. Die festgestellten Abweichungen beim BMI können völlig zufällig zustande kommen bzw. durch völlig andere Faktoren verursacht sein als durch das Stillen. Den kausalen Zusammenhang hat die Studien nämlich in keiner Form belegt. Dank solch völlig unkritischer Übernahmen derart blödsinniger Untersuchungen durch die Medien mit so fantastisch klingenden Überschriften wie hier von SPON vorgemacht entstehen blödsinnige Mythen der Kategorie G-Punkt, Spinat hat viel Eisen und menstruierende Frauen bringen Blumen zum Welken.
Ein BMI-Unterschied von 2% sind bei einer durchschnittlich großen Frau über 5kg, also ein sehr deutlicher Unterschied. Ich weiß, es ist nicht ganz rechnerisch korrekt, aber jetzt könnte man anfangen zu spekulieren: Wenn vier Kinder 1,7 punkte zunahme bedeuten, bedeutet also ein Kind ungefähr 0,4 Punkte. Wenn aber zehn Monate Stillen 2 punkte BMI-Abnahme bedeuten und eine Frau bei jedem Kind so lange stillt, könnte sie pro Kind 1,6 Punkte BMI verlieren, was ca. 4-5 kg entspricht! Wenn das mal nicht der neueste Diät-Trend wird!
5. Mythenbildung
Chimaere 13.07.2012
Zitat von ASDFZUIOPEin BMI-Unterschied von 2% sind bei einer durchschnittlich großen Frau über 5kg, also ein sehr deutlicher Unterschied. Ich weiß, es ist nicht ganz rechnerisch korrekt, aber jetzt könnte man anfangen zu spekulieren: Wenn vier Kinder 1,7 punkte zunahme bedeuten, bedeutet also ein Kind ungefähr 0,4 Punkte. Wenn aber zehn Monate Stillen 2 punkte BMI-Abnahme bedeuten und eine Frau bei jedem Kind so lange stillt, könnte sie pro Kind 1,6 Punkte BMI verlieren, was ca. 4-5 kg entspricht! Wenn das mal nicht der neueste Diät-Trend wird!
Die Briten sind ja bekanntlich ein Volk, dass Probleme mit Übergewichtigkeit hat, dass jedoch die durchschnittliche britische Frau 250 kg wiegt, wage ich zu bezweifeln. Tatsächlich reden wir hier von Schwankungswerten von um die 0,5 bis 1 kg (bei einem unterstellten Gewicht von 50 kg, 100 bis 200 g mehr je weiteren 10 kg), also völlig alltäglichen Gewichtsschwankungen, die noch nicht einmal erfordern, dass man am Tag vorher irgendwo zum Grillfest eingeladen war. Abgesehen davon, dass sich demnach also der Kausalitätsnachweis schlicht nicht führen lässt, frage ich mich auch: Wen juckt's? Wen das eine Kilogramm wirklich so stört, kann auch schlicht mal eine Woche lange auf den Nachtisch verzichten.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsuchtepidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body-Mass-Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI hängt vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29

Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40
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