Zusatzangebote Wird bei der Schwangerschaftsvorsorge übertrieben?

4D-Ultraschall, spezielle Bluttests, Akupunktur: Eine Studie legt nahe, dass fast alle Schwangeren in Deutschland Zusatzangebote zur Vorsorge nutzen. Experten sehen das kritisch.

Termin beim Frauenarzt: Wie viel Vorsorge ist sinnvoll?
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Termin beim Frauenarzt: Wie viel Vorsorge ist sinnvoll?


Schwangerschaft ist keine Krankheit. Aber es ist eine Zeit, in der Frauen diverse Arzttermine wahrnehmen und zusätzlich von Hebammen beraten werden. Wie viel Vorsorge ist notwendig, wann wird es zu viel?

Diesen Fragen geht eine Studie der Bertelsmann-Stiftung nach, für die Frauen befragt wurden, die im Jahr zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatten. 99 Prozent von knapp 1300 antwortenden Müttern hatten mehr Untersuchungen wahrgenommen, als in den Mutterschaftsrichtlinien vorgesehen sind.

Eine Analyse der Eintragungen im Mutterpass, die das Aqua-Institut 2014 veröffentlicht hat, bestätigt das Ergebnis: Gut 42 Prozent aller Schwangeren nahmen demnach zwölf oder mehr Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch, womit sie von dem Institut als überversorgt eingestuft werden.

Dazu kommt: Leistungen, die die werdende Mutter selbst bezahlt, sogenannte "Igel", werden nicht unbedingt im Mutterpass eingetragen. 80 Prozent der befragten Frauen sagten, sie hätten einige der Untersuchungen selbst bezahlt.

Überversorgung schürt Angst vor der Geburt

Experten sehen durchaus Nachteile. "Das Überangebot an Untersuchungen schürt die Angst der Frauen vor der Geburt und möglicherweise auch ihren Wunsch nach einer vermeintlich sicheren Kaiserschnitt-Entbindung", sagt Rainhild Schäfers von der Hochschule für Gesundheit in Bochum, eine der Studienautorinnen.

Die Mutterschaftsrichtlinien sehen rund zwölf Vorsorgeuntersuchungen vor, inklusive dreier Ultraschalluntersuchungen sowie einiger Blut-, Gewichts- und Urinkontrollen. Die befragten Mütter gaben an, welche darüber hinausgehenden Leistungen sie erhalten hatten, und zwar im Wesentlichen:

  • mehr als drei Ultraschalluntersuchungen bei einer unkompliziert verlaufenden Schwangerschaft,
  • 3D/4D-Ultraschall,
  • eine sogenannte kardiotokografische Untersuchung (CTG) der kindlichen Herztöne per Ultraschall als Routinemaßnahme,
  • ein vaginaler Abstrich auf beta-Streptokokken,
  • spezielle Blutuntersuchungen,
  • geburtsvorbereitende Akupunktur.

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Fast alle Frauen ließen mindestens ein CTG durchführen, obwohl dies explizit nicht als Routinemaßnahme gilt - also in einer normal verlaufenden Schwangerschaft nicht angezeigt ist. Bei 84 Prozent der Frauen wurde das ungeborene Kind mehr als drei Mal per Ultraschall untersucht, bei der Hälfte mehr als fünf Mal. Etwa die Hälfte der Schwangeren ging zu mindestens einem 3D/4D-Ultraschalltermin. Mehr als 30 Prozent entschieden sich für eine geburtsvorbereitende Akupunktur.

Fast 80 Prozent griffen auf spezielle Blutuntersuchungen zurück, ebenso viele auf den Streptokokken-Abstrich. Dieser Abstrich ist ein Sonderfall in der Liste: Er ist unter anderem in den USA eine empfohlene Maßnahme, weil die Streptokokken schlimmstenfalls eine gefährliche Blutvergiftung (Sepsis) beim Neugeborenen auslösen können. Auch hierzulande sind laut dem Bericht viele Experten für den Abstrich, er wurde jedoch noch nicht in die Mutterschaftsrichtlinien aufgenommen.

Weder das Alter noch das Einkommen oder der Bildungsgrad der werdenden Mütter beeinflussten, wie viele Zusatzleistungen sie durchführen ließen, berichten die Forscherinnen. Und: Frauen, deren Schwangerschaft unauffällig verlief, nahmen nicht weniger Vorsorgetermine wahr als Schwangere, bei denen Risikofaktoren vorlagen.

Viele der Frauen gingen laut der Befragung davon aus, die durchgeführten Maßnahmen gehörten zur Routine.

Details zur Befragung
Wer wurde befragt?
Für die Studie wurden im November 2014 knapp 4000 bei der Barmer GEK versicherte Frauen angeschrieben, die im Jahr zuvor ein Kind geboren hatten. Es handelte sich dabei um eine zufällige Stichprobe aller bei der Krankenkasse versicherten Frauen mit einem unter einem Jahr alten Kind.
Wer hat gefragt?
Rainhild Schäfers, Professorin für Hebammenwissenschaft in Bochum und Petra Kolip, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Uni Bielefeld, haben die Arbeit im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt. Die Stiftung veröffentlicht im Rahmen ihres Gesundheitsmonitors regelmäßig Befragungen und Analysen rund ums deutsche Gesundheitssystem.
Was wurde gefragt?
Die Frauen wurden gefragt, welche Vorsorgeleistungen ihnen angeboten wurden und welche sie haben durchführen lassen. Zusätzlich gab es Fragen zu ihrer Motivation und wie gut sie sich über die Methoden aufgeklärt fühlten. Außerdem wurden auf die Schwangerschaft bezogene medizinische Diagnosen abgefragt, die zusätzliche Vorsorgemaßnahmen begründen.
Welche Aussagekraft haben die Daten?
Die Daten sind nicht repräsentativ für die Schwangeren in Deutschland, schließlich wurden nur bei der Barmer GEK Versicherte befragt und nur knapp 1300, also rund ein Drittel der angeschriebenen Frauen, antworteten. Die Teilnehmerinnen hatten im Schnitt einen höheren Bildungsstand als die Allgemeinbevölkerung, zusätzlich haben wenige Ausländerinnen teilgenommen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Frauen, die nicht geantwortet haben, im Schnitt etwas mehr oder weniger Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch genommen haben.
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piccolo-mini 27.07.2015
1. Lassen sie mich raten
Die Zunahme an unsinnigen Untersuchungen begann genau dann, als Ärzte zu Verkäufern von IGEL-Leistungen wurden. So kommt neben der Aufgabe, für das Patientenwohl da zu sein, die Aufgabe, möglichst viel Profit für die Praxis herauszuschlagen. Gerade im Bereich Schwangerschaft, möchte sich ja kein Elternpaar dem Gefühl hingeben, möglicherweise zu wenig für die Gesundheit des ungeborenen Kindes getan zu haben. Deshalb gelingt es den Ärzten/IGEL-Verkäufern in diesem Bereich sehr gut, mit dieser Angst der Patienten zu spielen und Leistungen aufzuschwatzen. Insofern: Logisches Ergebnis wirtschaftsliberaler Politik
felisconcolor 27.07.2015
2. es gibt
keine Geburt nach WHB (Werkstatthandbuch). Und woher soll auch Erfahrung bei einer Erstgeburt kommen. Die Medizin hat ein weites Feld der Geldgenerierung entdeckt und bietet marktgerecht an. Wer soll da entscheiden das ist gut, das ist schlecht. Schliesslich will JEDE Mutter das ihr Kind gesund auf die Welt kommt. Viele Kinder kommen auch gesund zur Welt wenn sie bei der Geburt in den Savannensand plumpsen.... erzählen sie das mal einer Mutter ;-) Gerade Ärzte könnten da ein mehr an Vertrauen aufbauen wenn sie absolut Ehrlich zu den ihnen anvertrauten Müttern wären. Aber Ehrlichkeit generiert kein Einkommen. ist leider so.
heinrich-wilhelm 27.07.2015
3. Krankheit
Die natürlichste Sache der Welt wird zur Krankheit hochstilisiert indem man evtl. Komplikationen und Gefahren überbetont. Das fängt bei der einschlägigen Presse an, beteiligt sind leider auch Hebammen und Gynäkologen aus durchsichtigen Gründen, die die Unsicherheit der werdenden Mütter ausnutzen.Es mangelt eben an erfahrenen eigenen Müttern und Omas, die manche Ängste und Sorgen nehmen könnten. Zugegeben das gestiegene Alter der werdenden Mütter birgt Risiken, aber rechtfertigt nicht diesen "Vorsorge" - Marathon. Ein wenig mehr Gelassenheit täte allen Beteiligten gut.
tiger56 27.07.2015
4. Wie gesagt Schwangerschaft
ist keine Krankheit. Aber wenn ich mir diese Masse an Untersuchungen bei "unauffälligem" Verlauf vor Augen führe .. sieht das anders aus. Möchte gerne Wissen was das kostet. .um letztendlich nur zu Wissen das alles in Ordnung ist.
karpartenhund 27.07.2015
5. Differenzieren
Bei einer solchen Studie sollte man schon genau differenzieren. Der 3D Ultraschall wird von Eltern meistens gewünscht, um das erste "richtige" Bild von ihrem Sprössling zu sehen. Das hat mit übertriebener Sorge nichts zu tun.
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