Katharina Saalfrank antwortet Was tun, wenn der Sohn ständig Computer spielt?

Ein Zwölfjähriger sitzt dauernd vorm Bildschirm, hält sich nicht an verabredete Zeiten und will wie besessen in Spielen weiterkommen. Der besorgte Vater bittet die Familienberaterin Katharina Saalfrank um Rat.

Junge vorm Computer
Getty Images

Junge vorm Computer


    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Ein Vater fragt: Wir haben einen zwölfjährigen und einen sechsjährigen Sohn. Bei uns gibt es immer wieder Streit über die Dauer von Spielen auf dem Handy/Tablet beim großen Sohn, der Kleine schaut nur zu. Wir wollen das Spielen auf maximal eine Stunde am Tag begrenzen, schaffen es jedoch nicht.

Am Wochenende nach dem Aufstehen fängt der Große gleich an zu spielen, meist findet er kein Ende. Meine Frau nutzt das Spielen außerdem als Belohnungssystem für gute Leistungen in der Schule und für das Üben zu Hause. Wenn es Streit gibt, werden die elektrischen Geräte als Strafe eingeschlossen. Bei längeren Spielpausen ist er dann unausgeglichen, als ob er etwas verpasst.

Er ist zum Teil wie besessen, immer weiter im Spiel zu kommen. Es ist leider zu einer großen Leidenschaft geworden, sodass er am Wochenende auf andere Aktivitäten nachmittags im Freien keine Lust mehr hat.

Zur Person
  • DPA
    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Katharina Saalfrank antwortet: Ihre Frage möchte ich gerne etwas allgemeiner beantworten, denn die Diskussion um die sogenannten neuen Medien ist aktueller denn je. Viele Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Lebenszeit vor dem Computer. Vor allem Online-Rollenspiele wie " World of Warcraft" sind sehr beliebt. Aber auch Smartphones spielen eine zunehmend wichtige Rolle für Kinder und Jugendliche. Klassenchats und soziale Plattformen gehören für viele zum Alltag.

Mit dieser Situation müssen wir uns auseinandersetzen, um Kinder dabei begleiten zu können, einen guten Umgang mit den Medien zu entwickeln. Was wir nicht vergessen dürfen ist, dass diese Medien für die Generation unserer Kinder eine ganz andere Selbstverständlichkeit haben als für uns. Wir Eltern hingegen haben häufig selbst wenig Erfahrung und Strategien entwickelt und fühlen uns den Kindern gegenüber oft hilflos.

Mehr Erfolg in der virtuellen Welt

Würden wir unseren Kindern die Teilhabe einfach verbieten, würden wir sie eines nicht unerheblichen Teils ihrer Sozialkontakte berauben, auch wenn ich den Impuls vieler Eltern verstehen kann, den Stecker zu ziehen oder das Smartphone einzusammeln. Diese Reaktion ist aber eher destruktiv. Die Botschaft, die unsere Kinder hier empfangen, lautet: Ich lehne ab, was dir wichtig ist. Dann ziehen sich Kinder und Jugendliche zurück und nicht selten spielen die Kinder dann heimlich und entwickeln kreative Strategien, um an die Geräte zu kommen. Ein Machtkampf beginnt.

Sie scheinen einen solchen Kampf zu führen, und der ist für alle Beteiligten anstrengend. Meine Erfahrung ist, dass Online-Rollenspiele immer dann übermäßig gespielt werden, wenn Kinder in ihrer realen Welt wenig positiven Kontakt und Beziehung erfahren. Wenn sie sich selbst als minderwertig und nicht attraktiv empfinden und in ihren nahen Beziehungen und ihrer sozialen Welt wenig positive Reize, Wertschätzung, Selbstwirksamkeit und Bestätigung erfahren. Ist das der Fall, ziehen sie die virtuellen Welten vor.

Denn dort werden die ungestillten emotionalen Bedürfnisse vermeintlich gestillt: Sie erleben sich im Spiel als eine geachtete Persönlichkeit, die handlungsfähig ist, Erfolge erzielt, Macht ausübt und Herausforderungen besteht, für die sie Anerkennung in der Gemeinschaft erfährt. Emotionale Grundbedürfnisse wie etwa das Bedürfnis nach Verbundenheit oder das Gefühl, wertvoll zu sein und dazuzugehören, werden in der virtuellen Welt befriedigt.

ANZEIGE
Katharina Saalfrank:
Kindheit ohne Strafen

Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen

Beltz, 264 Seiten; gebunden; 17,95 Euro

Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Sie Verbindung anbieten und eine konstruktive Beziehung gestalten, ohne sein Spiel abzuwerten.

Zusammensetzen, interessieren, zuhören

Ihr Sohn ist im Moment in einer Phase, in der Eigenständigkeit und Autonomie einerseits, Rückzug und ein Sich-Ausprobieren andererseits im Vordergrund stehen. Es wäre gut, wenn Sie das berücksichtigen, wenn Sie mit ihm in Beziehung sind und diese Aspekte achten könnten. Versuchen Sie selbst, aus dem Machtkampf zu gehen, indem Sie einen wertschätzenden Dialog suchen.

Setzen Sie sich mit Ihrem Sohn zusammen, fragen Sie ihn unvoreingenommen, hören Sie zu und versuchen Sie, nicht zu werten. Vielleicht können Sie ein Verständnis für ihn und seine Leidenschaft und Begeisterung für das Spiel entwickeln?

Ihren Sohn in seiner Situation zu verstehen heißt nicht, dass Sie grundsätzlich einig mit ihm sein müssen. Sie können jedoch versuchen zu verstehen, was Ihren Sohn an dem Spiel so fasziniert. Lassen Sie sich - ohne den jüngeren Bruder - erläutern, warum es so schwer ist, die Spielpausen auszuhalten, und interessieren Sie sich für seine Gedanken dazu.

Auch Sie können Ihre Gedanken und Bedenken einbringen, möglichst ohne ihn zu maßregeln oder zu belehren. Wenn er merkt, dass Sie echtes Interesse haben, wird es einfacher sein, von einem Gegeneinander in ein Miteinander zu kommen und zusammen gute Regelungen zu finden.

Rechnen Sie nicht damit, dass das Thema mit dem Finden von Regelungen für immer besprochen ist, denn es handelt sich um einen dynamischen Prozess. Ihr Sohn wird die getroffenen Regelungen immer wieder infrage stellen. Ziel ist, dass Ihr Sohn Erfahrungen im Umgang mit den Medien machen kann und Sie dabei an seiner Seite sind.

insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Furiosus 16.10.2017
1. Typischer Generationskonflikt
Vorab ein paar Informationen zur besseren Einordnung: Ich bin heute 31 Jahre alt und Facharzt in einem großen städtischen Krankenhaus, mittlerweile auch Vater von zwei kleinen Kids. Und ich war und bin nach wie vor begeisterter Gamer, auch wenn ich natürlich mittlerweile leider nicht mehr so viel Zeit dafür habe. Ich bin mit Videospielen groß geworden, angefangen auf dem Atari bis zum Sega Mega Drive und Nintendo 64. Mit ca. 12/13 hatte auch ich dann meinen ersten eigenen PC. Als ich ca. in der zehnten Klasse war, kam die Beta zu World of Warcraft heraus, seit dem habe ich das Spiel für etwa 5 Jahre extensiv gespielt. Insgesamt habe ich in der Regel etwa 5-6 Stunden am Tag gezockt, 3 mal die Woche hatte ich Basketballtraining für jeweils 2 Stunden, etwas anderes gab es auf dem Dorf nicht zu tun, in der Woche hat man sich Abends nicht getroffen, das gesellschaftliche Leben mit Feiern und Trinken fand ausschließlich am Wochenende statt. Mit meiner Freundin habe ich mich auch außerhalb der Schule eigentlich nur am Wochenende getroffen. So hatten alle (bis auf die 2-3 Stunden Sport 3 mal die Woche) im Grunde zwischen 13:30 (man kam nach Hause) und 23:00 (man ging ca. dann ins Bett) NICHTS zu tun. Hausaufgaben zähle ich mal nicht mit, die hat man morgens im Bus oder vor der Stunde abgeschrieben. Manchmal musste man eine Klausur schreiben, da hat man 2-3 Tage vorher ein bisschen Bulemielernen betrieben und fertig. Man hat einfach so unglaublich viel Freizeit als Kind. Die Abmachung mit meinen Eltern lautete: Du hast zwei Jobs. Die Schule und häusliche Pflichten. Der Job in der Schule war die 2 vor dem Komma. Solange diese Jobs erledigt waren, durfte ich tun was ich wollte und das hat bei uns wunderbar funktioniert. „Alten“ die Faszination von Videospielen zu erklären, die nicht damit sozialisiert wurden, ist quasi unmöglich. Man solle etwas „sinnvolles“ tun, als ob das Lesen eines Romans auf irgend eine Art „sinnvoller“ wäre als das Erleben einer faszinierenden Geschichte in einem storylastigen Rollenspiel. Entschuldigen Sie, aber ich habe sowohl viel gelesen als auch viel gespielt und heutige Spiele haben teilweise wesentlich bessere Geschichten zu erzählen als Bücher, die als „Klassiker“ gehandelt werden. Daher mein Tipp: akzeptiert es einfach. Videospiele sind ein völlig valides Hobby und dazu Teil der heutigen Kultur. Solange das Kind in der Schule keine Probleme hat und auch ansonsten keine Auffälligkeiten zeigt, lasst es doch bitte seine Freizeit so gestalten, wie er es gerne möchte. Es heißt FREIzeit, weil sie zur freien Verfügung steht. Nur weil man ein paar Stunden am Tag zockt wird man weder zum Amokläufer, noch zum Nerd. Meine halbe Mannschaft (immerhin bayerische Jugend-Regionalliga) bestand aus Zockern. Also, auch Abitur, Leistungssport und Zocken sind vereinbar. Fazit: Entspannen sie sich. Fragen Sie sich: wie würde ich reagieren, wenn das Kind dieselbe Zeit lesen/malen/schachspielen würde. Computerspielen steht diesen Tätigkeiten in nichts nach, vielmehr trainiert und beansprucht es teilweise dieselben Areale – nur simultan.
NewYork76 16.10.2017
2. Unverstaendlich
Erst mal volle Zustimmung an Furiosus. Allerding muss man auch erkennen, dass nicht alle Kinder / Jugendlichen genug Selbstverantwortung haben um die richtigen Prioritaeten zu setzen. Da muessen die Eltern dann steuernd eingreifen. Aber was hier im Artikel geschrieben wird, laesst mich nur den Kopf schuetteln. Schon diese obskure Annahme, dass ein Computer- Rollenspiel irgendwas mit Realitaetsflucht oder Problemen im echten Leben zu tun hat, sagt viel ueber die Medienkompetenz von Frau Saalfrank aus. Da ist der geistige Schritt vom Egoshooter (Killer-Spiel)-Spieler zum Amoklaeufer auch nicht mehr weit. Solche MMORPGs sind eben sehr Zeitintensiv. Ein Limit von einer Stunde setzen zu wollen ist daher sehr naiv. Zudem wundert es mich, dass viele Eltern Zeitlimits bei Videospielen setzen wollen, aber Fernsehkonsum ist sehr selten so eingeschraenkt. Meine Empfehlung waere da eher sich mit dem Kind gemeinsam ueber die Spielgewohnheiten zu informieren und dann gemeinsam ueber das Spielepensum zu entscheiden. (z.B. nach 1 Stunde darf die aktuelle Quest noch beendet werden bevor ausgeschaltet wird). Ansonsten wie schon im vorherigen Kommentar geschrieben: Akzeptieren solange keine negative Auswirkungen auf Schule oder Persoenlichkeit ersichtlich sind. (Und der 5 Jaehrige sollte nicht zuschauen wenn das Spiel nicht fuer sein Alter geeignet ist.)
Edelstoffl 16.10.2017
3. Völlig einverstanden....
bei mir ganz ähnlich: seit den 70ern Atari, Commodore, Playstation, PC - jetzt 44 Jahre alt und zocke immer noch gerne. Ich habe eine Ausbildung und 2 Hochschulabschlüsse, verheiratet, zwei Kinder, Sportler... und bekennender Nerd. Aber man sollte nicht verhehlen, dass schwache Persönlichkeiten mit der Faszination dieses Mediums nicht so problemlos umgehen können. Es ist einfach in der Hand der Eltern - das Dümmste das man tun kann ist, den Kindern eine Spiele-Konsole ins Zimmer zur freien Verfügung zu stellen. Lieber auch mal zusammen mit den Kindern spielen und so die Kontrolle behalten, klare Regeln vorgaben - wie in allen Bereichen des Lebens. Vielleicht sogar zusammen an Hardware basteln, programmieren etc.
bloodwyn1756 16.10.2017
4. An sich gute Analyse
Das heutzutage 12 jährige noch WoW spielen halte ich für sehr unwahrscheinlich (Grundspiel ist 2004/05 erschienen). Solche "alten" Beispiele werten die Kompetenz der Antwort unnötig ab. Die Zustimmung, die ein Kind leichter und gehäufter in Computerspielen erhält kann ich bestätigen. Ob das beschäftigen der Eltern mit dem Hobby ihres Kindes eine Änderung herbeiführen kann, bezweifle ich. @Furiosus hat ebenfalls Recht, ich bin in einer ähnlichen Position aufgewachsen.
3liter 16.10.2017
5. @1 / Furiosus
Sehr richtig. Das kann man kaum besser beschreiben. Am Ende ist Zocken nichts anderes als Zeitverbrennung. Wie lesen, Sport, Fernsehen, spazieren gehen...oder was au heute immer. Entscheidend ist, daß Schule, Beruf etc. nicht darunter leiden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.