Späte Schwangerschaft Werden Mütter wirklich immer älter?

Caroline Beil bekommt mit 50 ein Kind, so wie andere prominente Frauen. Steckt dahinter ein Trend? Die Statistik für Deutschland ist eindeutig. Und es gibt große Unterschiede je nach Region.

Künstliche Befruchtung einer Eizelle
DPA

Künstliche Befruchtung einer Eizelle

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Die Schauspielerin Caroline Beil erwartet ihr zweites Kind - im Alter von 50 Jahren. Damit ist sie genauso alt wie Janet Jackson, als die ihr Kind zur Welt brachte. Gianna Nannini bekam ihre erste Tochter im Alter von 54 Jahren. Und die Berlinerin Annegret Raunigk wurde sogar mit 65 Jahren noch von Vierlingen entbunden. Werden Mütter tatsächlich immer älter? Oder sind das nur außergewöhnliche Einzelfälle?

Schaut man in die Daten des Statistischen Bundesamts, gibt es keinen Zweifel: Immer mehr Frauen über 40 bekommen Kinder. Ihr Anteil bei den Geburten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Im Jahr 2000 hatten nur zwei Prozent aller Neugeborenen Mütter in der Altersgruppe 40 plus. 15 Jahre später lag die Quote bei fast fünf Prozent - mehr als doppelt so hoch.

Das folgende Diagramm verdeutlicht die Verschiebungen. Der Anteil junger Mütter sinkt, der älterer steigt:

Bei den Spätgebärenden gibt es regional große Unterschiede. Der Anteil der Geburten ab 40 schwankte im Jahr 2014 bundesweit zwischen einem und acht Prozent. Die höchsten Werte gab es im Kreis Starnberg gefolgt vom Hochtaunuskreis, Baden-Baden und Ebersberg. Am niedrigsten war die Quote im Kreis Mansfeld-Südharz, in Brandenburg an der Havel und in Frankfurt an der Oder.

Regionale Unterschiede

Region Anteil Mütter 40 plus
1. Starnberg 8%
2. Hochtaunuskreis 7%
3. Baden-Baden, Stadtkreis 7%
4. Ebersberg 7%
5. Heidelberg, Stadtkreis 7%
6. Stadt München 7%
...
455. Mansfeld-Südharz 1%
456. Stadt Frankfurt (Oder) 1%
457. Stadt Brandenburg an der Havel 1%

Jahr 2014 | Quelle: Eurostat

Schaut man ans ganz obere Ende der Altersskala - zu den Müttern 50 plus - sind die relativen Veränderungen noch größer: Von 2000 bis 2015 stieg die Zahl der Geburten in dieser Altersklasse von 17 auf 134 - also fast um einen Faktor 8. Bei insgesamt rund 700.000 Geburten pro Jahr in Deutschland ist der Anteil der Über-50-Jährigen aber verschwindend gering.

Der Trend zur immer späteren Mutterschaft hat verschiedene Gründe. Dazu gehört, dass mehr Frauen arbeiten und den Kinderwunsch deshalb nach hinten schieben. Aber auch der medizinische Fortschritt ermöglicht eine späte Mutterschaft. Eine Vielzahl von Methoden steht zur Auswahl, darunter: die Hormontherapie, die Intrauteriner Insemination (IUI), die künstliche Befruchtung und die Mikrosemination (ICSI).

Mit diesen Behandlungen besteht die Hoffnung auf eine Schwangerschaft auch in einem Alter, in dem die Chancen dafür an sich schon deutlich gesunken sind. Denn das ideale Alter, um schwanger zu werden und ein Kind möglichst ohne Komplikationen zur Welt zu bringen, liegt zwischen 20 und 30 Jahren.

"Wir beobachten in unserem Kinderwunschzentrum, dass das Durchschnittsalter der Patienten steigt", sagt Michael Zitzmann, Reproduktionsmediziner an der Universität Münster. Frauen seien im Schnitt 36 bis 38, Männer in der Regel zwei, drei Jahre älter. "Nur bei Migranten beobachten wir diesen Trend bislang nicht."

Wenn es ums Kinderkriegen geht, tickt die Uhr bei Männern nicht ganz so schnell wie bei Frauen. Bei Frauen sinken die Chancen auf eine Schwangerschaft jenseits der 40 deutlich. Mit Beginn der Wechseljahre kommt es nur noch unregelmäßig zu Eisprüngen - und irgendwann ist damit ganz Schluss.

Helfen kann zumindest zu Beginn der Wechseljahre noch eine Hormontherapie. Sie erhöht die Zahl der Einsprünge.

Männer können zwar theoretisch auch noch im Seniorenalter ein Kind zeugen. Doch die Menge und Qualität der Spermien sinkt deutlich, sodass Reproduktionsmediziner auch bei ihnen nachhelfen müssen.

Mögliche Ursachen für Kinderlosigkeit
  • Abnehmende Funktion der Eierstöcke mit zunehmendem Alter
  • Genetische Veränderungen der Eizellen
  • Gestörte Funktion der Eileiter oder Eierstöcke, verdickter Zervixschleim (etwa durch Nikotin)
  • Endometriose: Wucherung der Gebärmutterschleimhaut
  • Polyzystisches Ovarsyndrom PCOS: Gestörter Hormonhaushalt
  • Hormonell bedingte Fehlfunktionen (beispielsweise unzureichende Produktion der Eierstockhormone)
  • Schilddrüsenfehlfunktion
  • Immunologische Ursachen
  • Über- und Untergewicht (beispielsweise durch Radikaldiäten)
  • Stress
  • Gestörte Spermienproduktion und -reifung: Nikotin, Alkohol, falsche Ernährung, Übergewicht oder extremes Ausdauertraining können das Risiko erhöhen, dass zu wenige, zu langsame, bewegungsunfähige oder fehlgebildete Spermien produziert werden. Auch die längere Einnahme von Medikamenten wie Antibiotika, Antihistaminika und Anabolika kann die Spermienproduktion vorübergehend vermindern.
  • Mumps-Erkrankung als Jugendlicher
  • Blockierte Samenleiter (beispielsweise infolge einer Chlamydien-Infektion) oder blockierte Kanälchen in den Nebenhoden
  • psychosozialer Stress
  • idiopathisch (ungeklärte Ursachen)

Dass Frauen heute auch jenseits der 40 noch Kinder bekommen können, hat auch mit einem veränderten Lebensstil zu tun. "Frauen leben heute gesünder als früher und sind deshalb biologisch fitter", sagt Semsettin Kocak, Leiter der Kinderwunsch Praxisklinik Fleetinsel in Hamburg. "Beispielsweise rauchen sie weniger." Das erhöhe die Chancen, auch mit Ende 30, Anfang 40 noch schwanger zu werden.

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Ein biologisches Problem bleibt allerdings: Die mit zunehmendem Alter sinkende Qualität der Eizellen. Diese erhöht das Risiko, dass es während der Schwangerschaft zu Fehl- oder Frühgeburten kommt.

Nimmt man alle Faktoren zusammen, bleibt unter dem Strich trotzdem: Die Wahrscheinlichkeit, in höherem Alter schwanger zu werden und dann auch ein gesundes Kind zu bekommen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen - und das zeigt sich auch in den Statistiken.

Letzte Möglichkeit Eizellspende

Wenn eine Frau keinen Einsprung mehr hat oder die Qualität der Eizellen nicht ausreicht, gibt es nur noch den Weg über eine Eizellspende. In Deutschland ist diese allerdings nicht erlaubt. Den Frauen wird dabei eine befruchtete Eizelle eingesetzt. Der Embryo kann sich in der Gebärmutter im Idealfall normal entwickeln.

Mit dieser Methode sind auch Schwangerschaften jenseits der 60 oder gar 70 möglich. Wenn Frauen jedoch unbedingt ihre eigenen Gene an den Nachwuchs weitergeben möchten, müssen sie sich in jungen Jahren Eizellen entnehmen lassen. Diese werden dann eingefroren und zum gewünschten Zeitpunkt befruchtet und eingesetzt.

Ob es allerdings eine gute Idee ist, mit 60 oder 70 Kinder in die Welt zu setzen, steht auf einem anderen Blatt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
eggie 24.02.2017
1.
Der Atlas gibt vor allem Auskunft über die finanziellen Möglichkeiten, so daß möglicherweise auch in anderen Regionen Deutschlands Frauen wären, die gerne mit über 40 ein Kind bekämen, aber die astronomischen Summen schlicht nicht aufbringen können.
Europa! 24.02.2017
2. Ein hochinteressanter, gut recherchierter Artikel
Die geographische Verteilung der Spätgebärenden zeigt eindeutig, dass die Kosten für die medizinischen Maßnahmen, die für späte Geburten notwendig sind, offenbar nur von den allerreichsten Bürgern in Deutschland aufgebracht werden können. Hier sind auf allen Ebenen der Gesetzgebung und bei den Krankenkassen Hindernisse abzubauen. Das Beste allerdings wäre, das Kindergeld und andere Leistungen (Kitas) so zu verbessern, dass Frauen unbesorgt schon in jungen Jahren Mütter werden und sich dann mit voller Kraft ihrer Karriere widmen können.
kategorien 24.02.2017
3.
Laut Beschriftungen geht es um die Geburt eines Kindes und nicht um die Geburt des ersten Kindes? Wenn mehr Kinder geboren werden, ... würde die Statistik dann nicht verfälscht werden, sobald eine Mutter mehrmals in der Statistik auftaucht, etwa auch eines höheren Alters? Grundsätzlich heiße ich es willkommen, wenn Frauen Eltern werden. Das Alter spielt für mich keine Rolle, solange es den Kindern gut geht und die Eltern damit zufrieden sind. Über alte Väter monieren wir uns schließlich auch nicht.
gruenewiese 24.02.2017
4. Guter Artikel, ein paar Dinge fehlen
Mit der Eizellenspende sind Schwangerschaften über 50 möglich. Kaum eine Frau ab 50 wird mit ihrer eigenen Eizelle schwanger. Die fremde Eizelle lassen sich Frauen im Ausland einsetzen. Was mir in diesem Artikel etwas zu kurz kommt, sind die vielen Paare, die trotz diverser IVF Versuche nicht schwanger werden. Umso höher das Alter der Eltern (auch der Väter), umso geringer die Erfolgschancen. Zudem birgt eine künstliche Befruchtung natürlich gesundheitliche Risiken. Eine Freundin von mir wäre fast daran gestorben. Darüber wird zu wenig geredet.
unaufgeregter 24.02.2017
5. Seltsame Diskussion
Wenn alte Männer mit 60 oder 70 Väter werden, ist das offenbar kein Problem. Was für tolle Hechte..... Bei Frauen fortgeschritteneren Alters wird darüber geredet oder gar gelästert. Was geht es die Leute an? Ich denke dass Frauen selber entscheiden sollten wann und mit wem sie Kinder in die Welt setzen.
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