Muttermilch: Warum Stillen so gut ist für das Kind

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Optimaler Cocktail: Muttermilch ist genau auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Trotzdem stillen nicht alle Frauen, die dazu in der Lage wären. Neue Studien liefern Ergebnisse, die klare Vorteile fürs Stillen ergeben.

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Stillzeit: Gut für Kind und Mutter

Ein schmatzendes Baby an der Brust, das mit einem zufriedenen Lächeln einschläft - dafür nehmen viele frischgebackene Mütter auch schmerzende Brustwarzen in Kauf. Andere wollen oder können das nicht und greifen zur Flasche mit industriell hergestellter Säuglingsmilch. Doch was ist das Beste für das Baby?

Für den Kinder- und Jugendarzt Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der LMU in München steht die Antwort fest: Das Stillen. Es gebe inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Belege dafür, dass die Ernährung im frühen Lebensalter eine große Rolle für das weitere Leben spielt. Stillen, das belegen auch zwei vor kurzem erschienene Studien, ist eine echte Chance für das Baby.

Eine davon stammt von der Brown University in Providence und ist im Fachjournal "NeuroImage" nachlesbar. Sean Deoni und seine Kollegen konnten damit frühere Befunde belegen, dass Stillen die Hirnentwicklung fördert. Bereits in den vierziger Jahren stellten US-Forscher fest, dass gestillte Kinder in den ersten Lebensjahren einen Entwicklungsvorsprung haben. Danach gab es eine Reihe epidemiologischer Studien bei Erwachsenen, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen.

Nun konnten die Forscher erstmals 133 Kindern zwischen zehn Monaten und vier Jahren mit Hilfe spezieller und sehr leiser Magnetresonanztomografen (MRT) ins Gehirn schauen. Ein Teil der Kinder wurde in den ersten drei Monaten gestillt, ein anderer bekam die Flasche, und eine dritte Gruppe wurde gestillt und erhielt bereits frühzeitig Beikost.

Das Ergebnis: Das Wachstum der weißen Gehirnsubstanz ist bei den gestillten Kindern um 20 bis 30 Prozent größer als bei den nicht gestillten Kindern. Die Gruppe der gemischt ernährten Kinder schnitt ebenfalls besser ab, als die nicht gestillten Kinder, lag aber deutlich hinter den gestillten Kindern.

Die weiße Gehirnsubstanz enthält lange Nervenfasern. Diese sind wichtig, damit verschiedene Gehirnbereiche miteinander kommunizieren können. Als die Forscher die Mikrostruktur der weißen Gehirnsubstanz betrachteten, stellten sie fest, dass auch die darin enthaltene Myelinmenge bei den gestillten Kindern größer ist. Myelin ist eine lipidreiche Biomembran, die die Neuronen umhüllt und elektrische Hirnsignale weiterleitet sowie die Nervenleitgeschwindigkeit verbessert. Auch bei kognitiven Tests, die die US-Forscher mit drei- und vierjährigen Kindern machten, schnitten die gestillten Kinder bei Sprachvermögen, Bewegungssteuerung und visueller Wahrnehmung am besten ab.

Studie mit Rhesusaffen gibt Aufschluss

Eine weitere im "Journal of Proteome Research" veröffentlichte Studie untersuchte den Stoffwechsel und die Darmflora. Frühere Analysen hatten ergeben, dass zwischen Flaschennahrung und einem erhöhten Risiko für chronische Erkrankungen im späteren Leben wie Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen später im Leben ein Zusammenhang besteht. Ein US-Forscherteam unter Leitung von Carolyn Slupsky von der University of California hat deshalb Urin-, Blut- und Stuhlproben von jungen Rhesusaffen untersucht, die entweder mit der Flasche aufgezogen oder von der Affenmutter gestillt wurden. Rhesusaffenkinder haben vergleichbare Ernährungsbedürfnisse wie Menschenbabys und werden deshalb gerne als Tiermodell eingesetzt.

Es zeigte sich nicht nur, dass die flaschenernährten Affenkinder größer sind als die gestillten, sie haben auch eine veränderte Darmflora. In ihrem Blut schwimmt mehr Insulin, außerdem sind Wachstumsfaktoren, Proteine und entzündungsfördernde Stoffe in erhöhten Mengen vorhanden. Alles zusammen belastet den Stoffwechsel. Die US-Forscher stellten fest, dass ein verringerter Proteingehalt der Flaschennahrung diese Belastung verringern kann.

"Das schnellere Wachstum aufgrund des hohen Proteingehalts in der industriellen Säuglingsnahrung stellt einen Risikofaktor für Übergewicht und Fettleibigkeit dar", warnt Berthold Koletzko. Der Proteingehalt von Muttermilch ist geringer. Wer aber nicht stillen kann oder möchte, sollte bei der Auswahl der Säuglingsnahrung darauf achten, dass der Gehalt an Eiweiß möglichst niedrig ist.

Mindestens vier Monate stillen

Für Koletzko allerdings steht fest: "Es ist nicht egal, ob eine Frau stillt oder dem Kind die Flasche gibt." Er empfiehlt, Kinder wenn möglich immer mindestens vier Monate lang ausschließlich zu stillen. Auch nach Hinzunahme der Beikost sollte weitergestillt werden. "Die Muttermilch ist sehr nützlich, gerade auch im Hinblick auf den Umgang des Immunsystems mit Fremdeiweißen."

Die Hersteller von Säuglingsmilch dürften die neuen Forschungserkenntnisse wenig erfreuen. Genauso wenig wird ihnen ein Detail einer am 11. Juni 2013 vom EU-Parlament verabschiedeten Diätrichtlinie gefallen. Die Werbung darf nämlich künftig Anfangs- und Folgenahrungnicht nicht mehr idealisieren, Abbildungen auf Folgenahrungen werden eingeschränkt.

Laut EU-Parlament muss Schluss sein mit einer "unethischen Vermarktungspraxis" und damit mit Aussagen wie "nach dem Vorbild der Muttermilch" oder "nach dem Vorbild der Natur". Durch derartige Aussagen werde eine Nähe zur Muttermilch suggeriert, sagt Koletzko. "Die wir Kinderärzte uns für die Babys zwar wünschen, von der wir aber nur träumen können."

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insgesamt 103 Beiträge
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1. Bitte nicht
rîwen 25.06.2013
Bitte keine Stilldiskussion. Die verfolge ich in einem Mütterforum, in dem ich mich nach der Geburt meiner Tochter angemeldet habe, schon oft genug. Stillt man nicht, muss mich sich schon reflexartig ducken und rechtfertigen, die Angriffe der Still-Liga sind schon fast bösartig. Stillt man nicht (aus welchen Gründen sei mal dahingestellt) wird man erniedrigt und angegriffen. Und dabei ist es völlig egal, ob die Frau aus medizinischen Gründen nicht stillen kann, eine Stillverirrung vorliegt oder die Frau aufgrund von Wiederaufnahme der Arbeit oder einfach aus ihrem Recht aus Selbstverwirklichung hinaus nicht stillen möchte... Bitte hier nicht auch noch. Ich frage mich, ob die Leche Liga eine großangelegte Kampagne führt oder ob es EU-seitig vorgesehen ist, dass man in regelmäßigen Abständen betonen muss, wie wichtig das stillen ist. Und überhaupt das einzig Wahre... So langsam sollt jede Mutter es wissen.
2. Welche schmerzenden Brustwarzen?
roseanna 25.06.2013
Ohne Hebammenunterstützung kann der Beginn des Stillens holperig sein, so dass die Brustwarzen schmerzen können, aber nicht müssen. Und spätestens nach zwei Tagen ist das sowieso vorbei. Solche journalistisch-reisserischen Behauptungen erzeugen Bilder und Ängste fernab der Wirklichkeit und dienen keinesfalls dazu, zweifelnden Schwangeren Lust aufs Stillen zu machen. Bitte mit etwas mehr Sachverstand!
3.
ljamcoh 25.06.2013
Stillen ist sicher die beste Nahrung für ein Baby, aber nicht um jeden Preis. Beim ersten Kind habe ich mich 3 Wochen gequält und es wollte einfach nicht klappen. Schweren Herzens habe ich mich für die Flasche entschieden, konnte dann aber das Muttersein genießen. Mein 2. Kind konnte ich ohne große Probleme 14 Monate lang stillen und ich bin sehr froh darüber. Man sollte aber Müttern, die nicht stillen können oder wollen (gibt ja viele verschiedene Gründe) nicht immer so ein schlechtes Gewissen machen. Man bekommt als Mutter mit einem Flaschenbaby schon gerne mal blöde Kommentare an den Kopf geworfen. Beim 2. Kind wurde ich kritisiert, dass ich viel zu lange gestillt hätte. Komische Welt! Leider bekommt man zu wenig gute Hilfe, wenn es mit dem Stillen nicht klappt, das war jedenfalls meine Erfahrung. Es wird auch sehr schnell zum Zufüttern geraten, wenn das Kind nicht schnell genug zunimmt. Die Hilfsangebote damals waren ein Witz. 2 Hebammen konnten mir nicht weiterhelfen, Stillberaterinnen in der Nähe hatten keine Zeit für einen Hausbesuch und ich hätte für einen Termin sonst wo hinfahren müssen. Die Erfahrungen im Bekanntenkreis sind ähnlich. Einige meiner Freundinnen hätten gerne gestillt, haben aber früh aufgegeben. Flaschennahrung ist zwar nie so gut wie Muttermilch, aber Flaschenkinder wachsen auch gut auf. Mein Flaschenkind ist zumindest weniger krank als mein Stillkind, aber das kann auch Zufall sein. Aber keine Mutter sollte sich schämen müssen, weil es mit dem Stillen nicht klappt.
4. Warum wird da überhaupt diskutiert?
carolane 25.06.2013
Unabhängig von den Vorteilen für das Baby, sollte jede Mutter rein aus Eigennutz ihr Baby stillen. Denn Stillen hilft der Mutter die bei der Schwangerschaft (auch zum Stillen) aufgebauten Reserven wieder abzubauen. Dazu spart man sich dabei nicht nur den Aufwand das Fläschchen zu füllen und zu reinigen, sondern auch die Kosten und die Rennerei für die künstliche Milch. Stillen ist einfach viel bequemer, Bluse auf und fertig. Warum stillfähige Mütter sich das Leben so schwer machen?
5. Bitte mehr Differnzierungen!
HäretikerX 25.06.2013
Durch solch einseitige "Propagandaberichte" werden gerade hier, es geht um ein sensibles Thema(!), den Müttern, die nicht stillen können.. große Probleme bereitet. Die Relationen zu den Auswirkungen des Stillens bzw. Nichtstillens werden plakativ hervorgehoben, erfahren aber keinerlei Differenzierung bzw. eine Betrachtung der Hintergründe und Relevanz bleibt aus!
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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