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18. Februar 2013, 14:27 Uhr

Globale Muttermilch-Studie

Warum zu wenig Frauen stillen

Von Tobias Käufer, Bogotá

Ihr schwaches Immunsystem macht Babys direkt nach der Geburt anfällig für Infektionen. Stillen könnte die Neugeborenen schützen, doch viele junge Mütter in Entwicklungsländern enthalten ihnen die Muttermilch vor - aus Unwissenheit und wegen aggressiver Werbekampagnen der Nahrungsmittelkonzerne.

Alle 38 Sekunden stirbt ein Kind, das eigentlich überleben könnte, wenn die Mutter ihr Neugeborenes gleich nach der Geburt stillen würde. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Nichtregierungsorganisation Save the Children am Montag vorgestellt hat. Insgesamt 830.000 Todesfälle von Neugeborenen könnten demnach jährlich verhindert werden, wenn die Mutter gleich nach der Geburt mit dem Stillen begönne. Über die Muttermilch bekommen Neugeborene wichtige Antikörper, die dem unausgereiften Immunsystem helfen, sich gegen Viren und Bakterien zu schützen. Ungestillte Babys haben ein 15-fach größeres Risiko für eine Lungenentzündung und sterben elfmal so häufig an Durchfällen wie gestillte Kinder.

In Industrienationen ist der Wert der Muttermilch lange bekannt und akzeptiert. Hierzulande setzt das Credo "Breast is best" Frauen eher unter Druck, auf jeden Fall stillen zu müssen. In Entwicklungsländern hingegen ist Muttermilch keineswegs das Nahrungsmittel Nummer eins für Neugeborene.

"Bereits in den Geburtskliniken wird Müttern zum Zufüttern von Säuglingsnahrung geraten, wenn es beim Stillbeginn Schwierigkeiten gibt", bestätigt Regine Gresens, Beauftragte für Stillen und Ernährung beim Deutschen Hebammenverband im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Ergebnisse der Studie. "Allzu oft kann sich dadurch die Milchbildung der Mutter oder das Stillen nicht richtig etablieren, so dass die zugefütterte Nahrungsmenge schnell größer und das Stillen vorzeitig beendet wird."

Eine umfassende Aufklärung der Mütter ist keineswegs Standard, der Wert der Muttermilch ist ihnen oft nicht bewusst. Zudem verleiten kulturelle Traditionen und die Werbung von Nahrungsmittelkonzernen, die jungen Müttern ihre Produkte verkaufen wollen, zu anderen Verhaltensweisen: "Durch aggressives Marketing, wie die Abbildung von wohlgenährten weißen Babys auf Werbeanzeigen, vermitteln die Säuglingsnahrungshersteller, dass ihre künstliche Babymilch der Muttermilch gleichwertig ist", so Gresens.

Schlechte Aufklärung durch Sprachprobleme

Mexiko gilt nach Unicef-Angaben als eines der Länder, in denen weltweit am wenigsten gestillt wird. Obwohl Frauen indigener Herkunft der Muttermilch gegenüber generell eher aufgeschlossen sind, verhindern etwa Sprachbarrieren und Probleme mit den Gesundheitsbehörden den Durchbruch der traditionellen Ernährung Neugeborener.

Die wenigen medizinischen Fachkräfte, die es bis in die abgelegenen Gemeinden schaffen, beherrschen oft keine indigenen Sprachen: "Ich spreche nicht besonders gut Spanisch und habe deswegen die Erklärungen der Ärzte nicht verstanden", sagt Ausencia Diaz Gomez aus San Christobal de las Casas im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Ihre sechs Monate alte Tochter Natalie weist Symptome von Unterernährung auf, eine vom Arzt verschriebene Behandlung kann die Mutter aber nicht bezahlen. Ihre Konsequenz: Sie verzichtet auf die lange und beschwerliche Anreise zu den Medizinern außerhalb ihres Dorfes. Statt der vom Arzt verordneten teuren Behandlung setzt sie nun auf eigene Ernährungspraktiken.

Ähnliche Erfahrungen machen die Mitarbeiter von Save the Children nach eigenen Angaben auch in Asien oder Afrika. In vielen Entwicklungsländern kommt hinzu, dass fehlender Mutterschutz die Frauen dazu zwingt, unmittelbar nach der Geburt wieder zu arbeiten. Das erschwere das wichtige Stillen in den ersten Monaten.

Der mexikanischen Regierung scheinen die Probleme bewusst zu sein: Vor wenigen Tagen gab die neue Regierung die Gründung einer Kommission für den Dialog mit den indigenen Völkern Mexikos bekannt. Innenminister Miguel Angel Osorio Chong steckte ehrgeizige Ziele, die auch eine Verbesserung der medizinischen Versorgung von indigenen Frauen berührt: "Wir müssen den Zugang zur Justiz, Bildung, dem Gesundheitssystem und der Infrastruktur garantieren."

Bis dahin ist es noch ein langer Weg, oft liegen die Schwierigkeiten viel tiefer, wie der mexikanische Arzt Marcos Arana berichtet: Softdrinks, Kaffee, Tee, Asche oder Sheabutter würden aufgrund kultureller Tradition mitunter die Ernährung von Kindern ausmachen, die nicht einmal sechs Jahre alt sind. Schuld daran sei neben den alten Bräuchen auch die vielversprechende Werbung für Nahrungsergänzungsmittel. Sein Lösungsansatz: Statt der Handelskammer müssten die Gesundheitsbehörden für Regulierung und Überwachung der Handelspolitik und der Werbung zuständig sein.

In Deutschland stillen etwa 80 Prozent der Frauen direkt nach der Geburt, in den Wochen danach nimmt der Anteil rapide ab. Nachdem Ärzte jahrelang propagierten, Babys sechs Monate ausschließlich zu stillen, deuten neue Forschungsergebnisse darauf hin, dass es für Kinder in Ländern mit hohen Hygienestandards gesundheitlich besser sein könnte, wenn sie schon im Alter von vier Monaten andere Lebensmittel bekommen.

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