Einfluss von Muttermilch: Hält Stillen Babys schlank?

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Stillen soll Kinder angeblich klug, gesund und schlank machen. Der positive Einfluss von Muttermilch auf das Immunsystem ist zwar in zahlreichen Studien belegt. Doch Forscher rätseln noch immer, ob sich Stillen auf das spätere Körpergewicht auswirkt. Eine aktuelle Studie liefert überraschende Ergebnisse.

Glückliches Baby an der Brust: Gesunde Antikörper, Nährstoffe und Fette Zur Großansicht
Corbis

Glückliches Baby an der Brust: Gesunde Antikörper, Nährstoffe und Fette

All die Antikörper, die sich das zufrieden an der Brust schmatzende Baby einverleibt, rüsten es zur Abwehr von Krankheiten. Die Milch ist gut verdaulich und versorgt das Kind mit Nährstoffen. Die Milchproduktion wiederum schützt die Mutter vor Brustkrebs, das Stillen schafft Ruhepausen für beide und stärkt die Bindung zwischen Mutter und Baby. Breast ist best - keine Frage für Experten. Doch an einem Punkt streiten sie sich: Kann Stillen die Entstehung von Übergewicht bei Kindern verhindern? Eine aktuelle Studie, die im Fachjournal "Jama" veröffentlicht wurde, legt jetzt nahe, dass zumindest der Einfluss der Stilldauer gering ist.

Bisher gingen Experten davon aus, dass ein lange gestilltes Kind auch langfristig weniger Fett auf den Rippen hat. "Die Theorie dahinter ist einfach", erklärt Klaus Vetter, Geburtshelfer und Sprecher der Nationalen Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). "Das Saugen ist so anstrengend, und die Muttermilch sättigt so gut, dass gestillte Kinder kaum überfüttert werden." Das könne sich auch langfristig auf den Fettgehalt des Körpers auswirken, weil weniger Fettzellen aufgebaut werden.

Die Stillkommission schreibt daher: "Weitere Krankheiten, die bei gestillten Kindern im späteren Leben seltener auftreten können, sind Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2." Das Problem: Die Aussagen stützen sich auf Beobachtungsstudien, bei denen ein kausaler Zusammenhang nur vermutet werden kann. "Wenn die Mutter das Kind in der Schwangerschaft überfüttert hat oder es später zu viel isst, ist der positive Effekt vom Stillen kaum mehr erkennbar", so Vetter.

Je länger stillen, desto besser?

Um das Problem zu umgehen, wählten Richard Martin von der britischen University of Bristol und sein internationales Forscherteam aus Weißrussland, Kanada und den USA daher ein Studiendesign mit einer Kontrollgruppe: Sie teilten 17.046 Mutter-Kind-Paare aus 31 Geburtskliniken in Weißrussland zufällig einer von zwei Gruppen zu. Die Probandinnen der ersten Gruppe wurden nach Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO dazu angehalten, möglichst lang und ausschließlich zu stillen. In der zweiten Gruppe, der sogenannte Kontrollarm der Studie, erhielten die Frauen neben der üblichen Unterstützung im Wochenbett keine weiteren Anleitungen.

Nach drei Monaten stillten noch 43 Prozent der ersten Gruppe ausschließlich und 52 Prozent vorwiegend. In der Kontrollgruppe waren es nur sechs Prozent und 28 Prozent. Nach sechs Monaten stillten in der Interventionsgruppe nur noch acht Prozent ihre Kinder ausschließlich und elf Prozent hauptsächlich, in der Kontrollgruppe waren nur noch knapp ein Prozent und knapp zwei Prozent übrig.

Durchschnittlich 11,5 Jahre später untersuchten die Wissenschaftler die Kinder, von denen noch 13.879 (81,4 Prozent) erreichbar waren. Sie ermittelten Gewicht, Größe, Body-Mass-Index, Fettgehalt des Körpers, Taillenumfang und die Konzentration des sogenannten IGF-1 (Insulin-like growth factor 1), der das Wachstum von Zellen reguliert. Unterschiede zwischen den Kindern der beiden Gruppen konnten die Forscher allerdings nicht finden: Insgesamt waren zwischen 14 und 16 Prozent aller Kinder übergewichtig, rund fünf Prozent sogar fettleibig.

Die Autoren meinen, dass sich die Ergebnisse aus Weißrussland durchaus auf Westeuropa und die USA übertragen lassen, weil das Land ebenso strenge Hygienestandards habe wie hohe Impfraten und eine niedrige Kindersterblichkeit, zudem gebe es ähnliche Ersatznahrung für Babys. Klaus Vetter hingegen kritisiert, dass selbst in der Interventionsgruppe nach sechs Monaten nur noch jede zehnte Frau stillte. "Das ist viel zu wenig und stellt die ergriffenen Maßnahmen in Frage", meint Vetter und fragt: "Wenn man nach einem halben Jahr kaum Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen hat, warum sollte man elf Jahre später Unterschiede beim Körpergewicht finden können?"

Keine Allzweckwaffe gegen Übergewicht

Das Beispiel zeigt, wie schwierig es für Forscher ist, die Auswirkung der frühkindlichen Ernährung zu messen. Dennoch kurbelt die Studie die vor allem in weit entwickelten Ländern wie Deutschland leidenschaftlich geführte Diskussion darüber an, wie viel Stillen optimal ist. Hierzulande stillen etwa 80 Prozent der Frauen direkt nach der Geburt, in den Wochen danach nimmt der Anteil rapide ab. Nachdem Ärzte jahrelang propagierten, Babys sechs Monate ausschließlich zu stillen, deuten neue Forschungsergebnisse darauf hin, dass es für Kinder in Ländern mit hohen Hygienestandards in Bezug auf Allergien besser sein könnte, wenn sie schon mit vier Monaten andere Lebensmittel bekommen.

Doch vor allem in armen Regionen der Welt könnte Muttermilch Leben retten: Die Nichtregierungsorganisation Save the Children meldete kürzlich, dass alle 38 Sekunden ein Kind stirbt, das hätte überleben können, wenn die Mutter es gleich nach der Geburt gestillt hätte. Ungestillte Kinder haben ein 15-fach größeres Risiko für eine Lungenentzündung und sterben elfmal so häufig an Durchfällen wie gestillte Kinder.

Auch Martin und seine Kollegen betonen, dass Muttermilch Infektionen und Allergien reduzieren kann. Aber, schreiben die Autoren, die teilweise finanzielle Unterstützung vom Nestlé Nutrition Institute bekommen haben: "Es ist unwahrscheinlich, dass Stillen die derzeitige Übergewichts-Epidemie aufhält."

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Ursachen
feuercaro1 14.03.2013
Die Ursachen von Übergewicht sind vielfältig. Genetische Disposition; Ernährung; Hormone in der Nahrung/Umwelt; Bewegung; Stoffwechsel; Diäten - all das nimmt Einfluss. Bei dem einen überwiegt diese Ursache, bei dem anderen jene. Deshalb ist Ursachenforschung so schwierig. Meine Kinder sind zum Beispiel gestillt worden und gleichermaßen gesund ernährt. Auch die Sportangebote unterschieden sich nicht. Dennoch hat ein Kind Übergewicht, ein anderes ist schlank. Das übergewichtige neigte nie zu Völlerei oder Zuckermissbrauch: Es aß meist sogar weniger als das schlanke. Wir vermuten eine genetische Disposition. VERMUTEN. Wissen tun wir es nicht. Das Stillen kann jedenfalls nicht ursächlich gewesen sein.
2. was soll ein Menschen-Junges denn sonst bekommen...?
frau33 14.03.2013
Irgendwie ist die ganzw Debatte (mit und ohne dieser Studie) sehr befremdlich. Was soll ein kleiner Mensch denn sonst zu sich nehmen? Wer würde denn vorschlagen, Schafe mit Hundemilch großzuziehen oder Schweine mit Pferdemilch? Wir füllen jedoch ganz selbstverständlich (modifizierte) Kuhmilch in Fläschen. Nachdem ein Baby und Kleinking lange ein Saugbedürfnis hat, ist es offensichtlich, welche Ernährung der kleine Körper über die ersten Jahre (neben langsam steigender Teilnahme am Essen der Familie) erwartet. So ernährte Menschen sollten in die Studiengruppe, nicht solche, die vielleicht 60 Tage länger gestillt wurden!
3. Casus Knacktus
Muddern 14.03.2013
Der Knackpunkt ist der: "Aber, schreiben die Autoren, die teilweise finanzielle Unterstützung vom Nestlé Nutrition Institute bekommen haben" Das bedarf für mich wenig weiterer Erklärung.
4. Natürliche Muttermilch
renegat_66 14.03.2013
Zitat von sysopStillen soll Kinder angeblich klug, gesund und schlank machen. Der positive Einfluss von Muttermilch auf das Immunsystem ist zwar in zahlreichen Studien belegt. Doch Forscher rätseln noch immer, ob sich Stillen auf das spätere Körpergewicht auswirkt. Eine aktuelle Studie liefert überraschende Ergebnisse. Stillen: Muttermilch schützt Kinder nicht vor Übergewicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/stillen-muttermilch-schuetzt-kinder-nicht-vor-uebergewicht-a-888631.html)
wie wir ja allgemein wissen, ist das, was die Natur eingerichtet hat, in den meisten Fällen vernünftig und schadet eher selten den betreffenden Tieren und Pflanzen. Und so ist es eben auch mit der Muttermilch. Wäre ja seltsam, wenn Muttermilch dem Kind nicht zum Vorteil gereichen würde oder sogar schädlich wäre. Die Ergebnisse der Muttermilchstudien erstaunen also keineswegs. Wäre muttermilch nicht günstig für das Kind, hätte die Natur sie schon längst abgeschafft.
5. So ein einfaches Weltbild...
Rosmarinus 14.03.2013
Zitat von MuddernDer Knackpunkt ist der: "Aber, schreiben die Autoren, die teilweise finanzielle Unterstützung vom Nestlé Nutrition Institute bekommen haben" Das bedarf für mich wenig weiterer Erklärung.
Klar, alles, was die Instustrie fördert, ist zwangsläufig gekauft und des Teufels. Es soll tatsächlich Mütter geben, die aus verschiedensten Gründen nicht stillen können oder wollen. Und die möchten halt möglichst optimalen Ersatz. Dass ein Wirtschaftsunternehmen deswegen ein Interesse haben könnte, seine Produkte tatsächlich zu verbessern, kommt Ihnen nicht in den Sinn?
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsuchtepidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body-Mass-Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI hängt vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29

Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40

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