Schwangerschaft Wenn Kinder tot geboren werden

Manche Kinder sterben im Bauch der Mutter, bevor sie auf die Welt kommen. Oder sie leben nur ein paar Minuten. Fotograf Matthieu Zellweger zeigt die Trauer der Eltern, die ihr Kind plötzlich verloren haben.

Matthieu Zellweger/ HAYTHAM-REA

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Schon mehrere Monate hatten sich Hollie Perry und Scott Eyre aus London auf den Moment gefreut, ihr Kind endlich in den Armen zu halten, es zu küssen, zu wiegen und zu wickeln. Doch ein paar Wochen vor der Geburt wurden plötzlich all ihre Träume zerschlagen: Ihr Baby leide an einer genetischen Anomalie, sei nicht lebensfähig und werde in den nächsten Tagen sterben, teilte ihnen der Arzt mit. Perry musste ihre Tochter Hope tot zur Welt bringen. Der Schweizer Fotograf Matthieu Zellweger begleitete die beiden für sein Fotoprojekt "Those Children Who Are Elsewhere" bei diesem schrecklichen Erlebnis - und zeigt auch andere Betroffene, die dasselbe Schicksal erleiden mussten.

Sterben Kinder noch im Mutterleib oder kurz nach der Entbindung, spricht man von einer Totgeburt, auch Stillgeburt genannt. In Deutschland muss das Baby mindestens 500 Gramm wiegen - sonst handelt es sich um eine Fehlgeburt. Die Dauer der Schwangerschaft ist unerheblich, meist sind die Kinder jedoch bereits über 20 Wochen alt. Die Eltern erhalten eine Geburtsurkunde - und gleichzeitig den Sterbevermerk. Je nach Bundesland müssen sie ihr Frischgeborenes bestatten.

Zellweger traf Menschen aus London, Paris und der Schweiz und sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen. Hebammen und Ärzte unterstützten ihn, Betroffene zu finden. "Mehr als alles andere wollte ich sicherstellen, dass die Paare, mit größtem Respekt behandelt werden. Es ist ein sehr mutiger Schritt, zuzustimmen, über so ein schwieriges Thema zu sprechen". Beim Fotografieren musste Zellweger daher besonders achtsam vorgehen. Auch wenn seine Bilder intime und emotionale Momente zeigen, wirken sie nicht voyeuristisch: "Ich zeige keine toten Babys", sagt er. Stattdessen: Eltern, die auf einem Friedhof Abschied nehmen; Mütter in dem Augenblick, wenn sie ihr Baby zum ersten und letzten Mal sehen; den Gipsabdruck einer Kinderhand; Miniatursärge, wie für Puppen gemacht.

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Verlorene Kinder: Wie Familien mit Totgeburten leben

Am Abend vor der Geburt ihrer Tochter traf Zellweger die werdenden Eltern Perry und Eyre zum ersten Mal, sie ließen ihn in ihr Krankenhauszimmer. Es sei nicht einfach gewesen, sich in so einem Moment nicht von Emotionen überwältigen zu lassen und professionell zu bleiben, gesteht der Fotograf. Auch wenn es für viele Eltern zuerst nicht vorstellbar ist, empfehlen Ärzte, das Kind auch wenn es bereits verstorben ist, auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Dies erleichtere die Trauerarbeit und sei auch für spätere Schwangerschaften wichtig, denn ein Kaiserschnitt erhöhe das Risiko einer erneuten Totgeburt. Eine Mutter sagte zu Zellweger: "Ich erkannte, dass eine natürliche Geburt der letzte Schritt sein würde, den ich mit meinem Sohn gehen konnte."

Weltweit kommen jährlich mehr als 2,6 Millionen Kinder tot zur Welt, das sind im Schnitt rund 7000 am Tag. Zu 98 Prozent trifft es Menschen aus Entwicklungsländern. Aber auch in Deutschland passiert es täglich. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2014 3,6 totgeborene Kinder pro 1000 Frauen zur Welt. Die Gründe können nicht immer eindeutig geklärt werden - in 30 Prozent der Fälle erfahren die Eltern sie nie.

Jede der Familien, die Zellweger traf, fand einen individuellen Umgang mit dem Erlebten, doch der Fotograf sieht eine Gemeinsamkeit: Die meisten möchten mit ihrem Umfeld über das tragische Ereignis sprechen können: "Sie würden ihre verstorbenen Kinder gerne so erwähnen, wie man das auch bei lebenden Kinder tut. Sie würden gerne als Eltern anerkannt werden, die ein Kind zur Welt gebracht haben, auch wenn dieses Kind nicht gelebt hat." Eine Mutter berichtete: "Es hilft, wenn man merkt, dass man nicht alleine ist und es anderen ähnlich geht. Als ich anderen Müttern begegnete, denen dasselbe passiert ist, konnte ich einfach weinen, lachen, sprechen. Ich musste keine langen Erklärungen abgeben." Selbsthilfegruppen unterstützen Betroffene bei der Verarbeitung. "Das Einzige, was wirklich falsch ist, ist so zu tun, als wäre nichts passiert", sagte eine der Mütter zu Zellweger. Psychologen raten, sich dem Schmerz zu stellen, sich von dem Kind zu verabschieden, es anzusehen und zu halten. Auch dem Baby einen Namen zu geben und es zu beerdigen, helfe vielen Eltern.

Totgeburten seien oft ein Tabuthema, sagt der Fotograf: "Die westliche Gesellschaft denkt, sie könne die meisten Aspekte des Lebens kontrollieren. Außer dem Tod, deshalb ist es für viele unangenehm, darüber zu sprechen." Mit seinem Projekt will Zellweger das Schweigen brechen und Betroffenen Mut machen: Viele der Eltern, die er kennenlernte, bekamen nach der Totgeburt noch ein weiteres Kind.



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