Übergewicht bei Kindern Kenn ich aus'm Fernsehen! Will ich haben!

Werbung wirkt - leider. Egal, ob zuckerhaltige Getränke oder fettige Snacks: Reklamespots können Kinder dazu bringen, sich ungesünder zu ernähren. Wissenschaftler fordern die Politik dringend zum Handeln auf.

Übergewichtige Kinder beim Sport (in Leipzig, 2009)
DPA

Übergewichtige Kinder beim Sport (in Leipzig, 2009)


Eine europäische Langzeitstudie zeigt, dass Fernsehreklame bei Kindern den Konsum von zucker- und fettreichen Lebensmitteln erhöht. "Vor allem kleine Kinder können Werbung nicht vom Rest unterscheiden und sind ihr deshalb völlig schutzlos ausgesetzt", sagt Studienkoordinator Wolfgang Ahrens vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen.

Freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller für eine verantwortungsvolle Werbung für Kinder hätten nicht funktioniert, stellt er zusammen mit Kollegen in einem Bericht fest. Untersucht wurden rund 10.000 Kinder aus acht Ländern, darunter auch Deutschland. "Die Häufigkeiten von Fettleibigkeit und Übergewicht bei europäischen Kindern verharren auf einem beispiellosen Niveau", so die Forscher. (Eine Übersicht zur Situation bei Erwachsenen in Deutschland finden Sie hier.)

Valeria Pala vom Istituto Nazionale dei Tumori berichtet, dass der Einfluss der Medien auf die Ernährungsentscheidung der Kinder sogar stärker ist als derjenige der Eltern. "Kinder, die viel Fernsehen, vor allem aber Werbung schauen, konsumieren viel mehr gesüßte Getränke", schreibt Pala. Dies sei unabhängig davon, ob die Eltern sogar von Limos und Co. abraten.

Die Kinder entschieden sich zudem auch dann für stark beworbene Süßigkeiten oder Snacks, wenn sie fettreiches oder zuckerreiches Essen sonst nicht mochten. "Mit anderen Worten: Werbung untergräbt nicht nur die Ernährungskultur, sondern auch den individuellen Geschmack", so Pala.

Gewicht? Zu viel.

Die Ergebnisse seien zwar nicht repräsentativ, sagt ihr Kollege Ahrens. Für die Studie seien aber jeweils ländertypische Regionen ausgesucht worden, für Deutschland war dies Bremen.

Deutschland belegt beim Anteil übergewichtiger Kinder demnach einen Platz im europäischen Mittelfeld. Hier waren 16,5 Prozent der untersuchten Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren übergewichtig. In Belgien lag der Anteil mit 9,5 Prozent am niedrigsten, in Italien mit 42 Prozent am höchsten. In allen Ländern waren Mädchen eher betroffen als Jungen.

Bewegung? Zu wenig.

Nicht einmal ein Drittel der Kinder bewege sich mindestens eine Stunde täglich, konstatieren die Wissenschaftler. Der Anteil schwanke zwischen 2 Prozent der Jungen auf Zypern und 34 Prozent in Belgien. Die Autoren nehmen in ihrem Bericht die Politik in die Pflicht: Der Bewegungsmangel hänge eng mit der Bebauung zusammen, betonen sie: "Gut angelegte öffentliche Orte und sichere, gut angeschlossene Anlagen sind der Schlüssel dazu, die körperliche Bewegung zu steigern."

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Zudem zeigten die Studienresultate eindeutig, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders stark zu Übergewicht tendierten, betonte Ahrens. Diese Gruppen müssten von der Politik stärker unterstützt werden. Für benachteiligte Verbraucher müsse die Erschwinglichkeit von und der Zugang zu gesunden Lebensmitteln verbessert werden. Dies wirke sich nicht nur auf das Gewicht der Kinder aus, sondern auch auf ihre spätere Gesundheit, etwa die Anfälligkeit für Herz-Kreislauferkrankungen.

"Bundesernährungsminister Christian Schmidt setzt im Kampf gegen Fehlernährung bei Kindern seit Jahren auf freiwillige Vereinbarungen", beklagt die Organisation Foodwatch in einer ersten Reaktion. "Dabei ist längst belegt, dass das nicht funktioniert. Die Hersteller machen die größten Profite mit Süßkram, Zuckergetränken und Knabberartikeln. Freiwillig werden sie nicht damit aufhören, genau diese Produkte an Kinder zu bewerben und deren Geschmack schon früh zu prägen."

chs/dpa



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