Psychologe über unerfüllten Kinderwunsch "Das Vertrauen auf die Medizin ist naiv"

Der Psychologe Tewes Wischmann von der Universität Heidelberg hilft Paaren, die sich verzweifelt ein Kind wünschen. Viele haben es bereits mit künstlicher Befruchtung versucht. Was rät er seinen Patienten?

Von vier Paaren ohne Nachwuchs ist eines ungewollt kinderlos
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Von vier Paaren ohne Nachwuchs ist eines ungewollt kinderlos

Ein Interview von


Tewes Wischmann

Tewes Wischmann forscht und lehrt am Institut für Medizinische Psychologie im Universitätsklinikum Heidelberg und ist Autor zahlreicher Fachbücher zum Thema Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin.


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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

SPIEGEL: Die Wartezimmer vieler Kinderwunschpraxen in Deutschland sind überfüllt, jährlich steigt die Zahl der künstlichen Befruchtungen. Täuscht der Eindruck oder ist die ungewollte Kinderlosigkeit zur Volkskrankheit geworden?

Wischmann: Es ist jedenfalls ein Thema, das viele Menschen bewegt. Fast jeder kennt Freunde oder Familienangehörige, die lange vergeblich versucht haben, ein Baby zu bekommen - bis sie erfahren mussten, dass ihr Kinderwunsch sich nur mit medizinischer Hilfe erfüllen lässt. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass von vier Paaren ohne Nachwuchs, eines ungewollt kinderlos ist. Zugenommen hat in den letzten Jahren vor allem die Zahl der Paare mit sekundärem Kinderwunsch, also Männer und Frauen, die schon ein Kind haben, zum Beispiel aus erster Ehe. Da spielt dann häufig das Alter eine Rolle, warum es in der zweiten Runde mit dem Nachwuchs nicht klappt.

SPIEGEL: Unfruchtbarkeit ist ein Schicksal, das so alt ist wie die Menschheit. Kommt es heutzutage häufiger vor als früher?

Wischmann: Das steht zu befürchten. Klar ist: Paare in Deutschland verschieben die Familienplanung immer weiter nach hinten und sind damit auch häufiger auf die Hilfe der Reproduktionsmedizin angewiesen. Ab dem 25. Lebensjahr nimmt die Fruchtbarkeit von Frauen ebenso ab wie die Zeugungsfähigkeit der Männer ab deren 40. Lebensjahr. Das unterschätzen sehr viele Paare. Im Zeitraum 2000 bis 2016 stieg das durchschnittliche Alter der Frau vor einer "künstlichen Befruchtung" um zwei Jahre von 33,4 Jahre auf 35,5 Jahre, und das Alter der Frau ist wichtigster limitierender Faktor der Fruchtbarkeit. Das Körpergefühl "40 ist das neue 30" haben viele Frauen. Leider ist die Biologie nicht dieser Ansicht.

SPIEGEL: Sind die Frauen also selber schuld, wenn sie keine Kinder kriegen können?

Wischmann: Nein, da widerspreche ich ganz entschieden. Woran liegt es denn, dass Frauen das Kinderkriegen auf die Zeit nach ihrem 30. Lebensjahr aufschieben? Ich finde es skandalös, dass der Politik in Deutschland seit Jahren nichts einfällt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entscheidend zu verbessern. Damit Paare sich früher im Leben fürs Kinderkriegen entscheiden, müssen Bedingungen geschaffen werden, die es vor allem Frauen erlauben, Karriere zu machen und gleichzeitig Kinder zu bekommen. Was das angeht, ist Deutschland Entwicklungsland, zum Beispiel im Vergleich zu Schweden. Außerdem sollte man schon in den Schulen mehr über Fruchtbarkeit reden statt immer nur über Verhütung.

SPIEGEL: Vor zwei Wochen hat der Dachverband der Reproduktionsbiologie und -medizin mit 103.981 Fruchtbarkeitsbehandlungen im Jahr 2016 einen neuen Rekord verkündet. Nur mit dem Alter der Kinderwunschpaare sind die ständig steigenden Zahlen doch nicht zu erklären?

Wischmann: Man darf nicht unterschätzen, dass allein das steigende Angebot eine jährlich wachsende Nachfrage schafft. Vor 17 Jahren gab es 93 Reproduktionskliniken, heute sind es mit 134 Kinderwunschzentren fast 50 Prozent mehr auf dem Markt. Je häufiger außerdem medial über "künstliche Befruchtung" berichtet wird, zum Beispiel über Promis, die im hohen Alter noch einmal schwanger werden, desto selbstverständlicher gehen Paare davon aus, dass ihnen die Medizin schon helfen können wird. Leider ist das Vertrauen auf die Allmächtigkeit der Reproduktionsmedizin naiv.

SPIEGEL: Aber wenn es darum geht, Frauen schwanger werden zu lassen, haben die Ärzte mit Schwangerschaftsraten von rund 30 Prozent eine bessere Quote als die Natur.

Wischmann: Schwangerschaftsraten sind Augenwischerei. Ich ärgere mich, wenn Kinderwunschzentren mit dieser Zahl Werbung machen statt die Lebendgeburtenrate anzugeben. Die liegt nämlich rund zehn Prozent niedriger, aktuell bei durchschnittlich 17,6 Prozent pro initiierten Behandlungszyklus. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung ohne Baby im Arm nach Hause zu gehen, ist groß verglichen mit dem Erfolg einer künstlichen Befruchtung: Nach drei Behandlungsversuchen bekommt nur rund die Hälfte der Paare ein Kind. Die Reproduktionsmedizin ist viel machtloser als sie dargestellt wird.

SPIEGEL: Gibt es etwas, worüber sich Paare am besten schon vor dem Start einer Behandlung klar sein sollten?

Wischmann: Die emotionale Achterbahnfahrt einer Kinderwunschbehandlung wird sehr häufig unterschätzt. Die meisten Paare in meiner psychologischen Kinderwunsch-Sprechstunde kommen nach dem ersten gescheiterten Versuch zu mir und sagen, sie hätten nicht gedacht, dass sie der Misserfolg so runterziehen wird. Ich sage am Anfang jeder Beratung, dass es wichtig ist, einen Plan B zu entwickeln. Egal, wie unvorstellbar dieser Plan B am Anfang jeder Fertilitätsbehandlung noch erscheint. Das mögliche Scheitern des Kinderwunsches darf kein Tabu sein, über das nicht gesprochen wird.

SPIEGEL: Fällt es Männern leichter als Frauen, sich ein Leben ohne Wunschkind vorzustellen?

Wischmann: Das ist ein gesellschaftlich konstruiertes Klischee. Hier, in meiner Sprechstunde, weinen auch die Männer. Es mag sein, dass es manchmal so wirkt, als litten Frauen mehr unter der unerfüllten Sehnsucht nach einem Baby, weil sie einfach körperlich stärker mit dem Schmerz einer gescheiterten Behandlung konfrontiert sind. Zum Beispiel dann, wenn ein Embryo abgeht, was mit starken Blutungen verbunden ist. Aber auch für Männer ist die Diagnose, keinen Nachwuchs zeugen zu können, häufig ein schwerer Schock und eine große psychische Belastung.

SPIEGEL: Warum wird die Möglichkeit des Scheiterns einer Therapie nicht schon von den Reproduktionsmedizinern in den Kinderwunschpraxen thematisiert?

Wischmann: Weil die Ärzte häufig sagen, sie möchten ihre Patienten mit positivem Denken motivieren. Obwohl sie an Lebensgrenzen arbeiten, beschäftigen nur 16 Prozent der Kinderwunschzentren eine psychologisch geschulte Kraft in ihrem Team. Das ist mehr als vor zehn Jahren, aber immer noch viel zu wenig. Mich erstaunt, dass die Aufklärung über die reellen Chancen einer Kinderwunschbehandlung zu uns Psychologen delegiert wird.

SPIEGEL: Viele Paaren, bei denen es mit dem Wunschkind nicht klappt, lassen sich außerdem von den Verheißungen alternativer Behandlungsmethoden ködern. Was halten Sie von Kinderwunschyoga oder Fruchtbarkeitsmassagen?

Wischmann: Stress ist jedenfalls nur dann ein Fruchtbarkeitskiller, wenn man stressbedingt zwei Schachteln Zigaretten am Tag raucht oder die Frau eine Essstörung entwickelt. Ich habe Anfang des Jahres die Messe "Kinderwunsch Tage" in Berlin besucht und war erschrocken, was für Dimensionen das Geschäft mit der Hoffnung mittlerweile angenommen hat. Vor allem einige Kinderwunschzentren im Ausland machen auf der Basis von falschen Versprechungen Geschäfte. Da werden Schwangerschaftsraten von 90 Prozent versprochen. Das ist schlicht unseriös. Auch das "Social Freezing" sehe ich sehr kritisch.

SPIEGEL: Warum das? Das Verfahren, bei dem sich Frauen Eizellen entnehmen und einfrieren lassen, erhöht die Chancen für eine späte Schwangerschaft.

Wischmann: Das Geschäftsmodell nutzt die Sorgen und Nöte von Akademikerinnen aus. Das Durchschnittsalter der Frauen, die mehrere tausend Euro fürs "Social Freezing" gezahlt haben, liegt bei 37 Jahren. Die Eizellen sind also auch schon relativ alt. Wenn diese Frauen dann mit 43 schwanger werden wollen, erhöht sich ihre Schwangerschaftswahrscheinlichkeit nur um wenige Prozent.

Kassetten mit eingefrorenen Eizellen
DPA

Kassetten mit eingefrorenen Eizellen

SPIEGEL: Viele Kinderwunsch-Paare berichten, dass es extrem schwierig ist, den Ausstieg aus dem Markt der Möglichkeiten zu schaffen. Jeder Misserfolg werde zum Anreiz weiterzumachen, es wieder und wieder zu probieren.

Wischmann: Seitdem die meisten Krankenkassen nur noch bei drei Versuchen maximal die Hälfte der Behandlungskosten zahlen, hat sich das Tempo, mit dem Paare von Behandlung zu Behandlung hetzen, merklich verlangsamt. Aber immer noch ist es sehr selten, dass ein Reproduktionsmediziner Paare bremst. Im aktuellen IVF-Register, das vor zwei Wochen erschienen ist, heißt es, Paare sollten nicht zu schnell aufzugeben.

SPIEGEL: Beim vierten Zyklus bekommen durchschnittlich 60 Prozent der Paare ein Kind, heißt es dort außerdem, bei sechs Zyklen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit statistisch auf knapp 70 Prozent.

Wischmann: Nach dem vierten Versuch allerdings sinkt die Erfolgsquote, und nach dem sechsten rasant. Und der Ausstieg ist dann noch schwerer als er ohnehin ist.

SPIEGEL: Was raten Sie ihren Patienten? Wann sollte man mit dem Babymachen aufhören?

Wischmann: Das klingt jetzt vielleicht hart, aber ich sage immer: "Dann, wenn Sie nicht mehr können. Ansonsten machen Sie sich später vielleicht Vorwürfe, nicht alles gegeben zu haben".

SPIEGEL: Wenn man körperlich, psychisch oder finanziell am Ende ist, fällt es vielen sicherlich sehr schwer, die Lebensfreude zurück in den Alltag zu bekommen.

Wischmann: Deswegen ist der schon angesprochene Plan B so wichtig. Im Übrigen haben Kinderwunsch-Paare eine geringere Trennungsquote als Paare, die auf natürlichem Weg Kinder bekommen haben oder gewollt kinderlos geblieben sind. So eine "künstliche Befruchtung" schweißt offenbar sehr zusammen.

SPIEGEL: Aber offen über die Behandlung reden wollen die wenigsten Betroffenen. Warum ist das Tabu immer noch so groß?

Wischmann: Ich finde, es bröckelt merklich. Normalerweise rate ich den Paaren in meiner Sprechstunde, den Arbeitgeber nicht über den wahren Grund der ständigen Fehlzeiten im Büro zu informieren: "Sagen Sie lieber, sie haben Zysten im Unterleib". Da fragt niemand nach. Aber neulich saß eine Frau vor mir, deren Chef ihr zugerufen hat: "Gehen Sie ruhig, ich kenne das Problem."



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