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30. April 2015, 11:21 Uhr

Unfruchtbarkeit

"Nikotin kann Spermien zu lahmen Enten machen"

Ein Interview von

Schwanger auf natürlichem Weg - das klappt nicht immer. Der Reproduktionsmediziner Christian Thaler erklärt, wie störanfällig die Entwicklung eines Embryos ist und wie Paare das Risiko für Unfruchtbarkeit senken können.

SPIEGEL ONLINE: Etwa 15 Prozent aller Paare in Deutschland mit Kinderwunsch suchen Hilfe bei Reproduktionsmedizinern. Warum ist Schwangerwerden nicht immer eine Selbstverständlichkeit?

Thaler: Die Vorgänge bis zur Einnistung eines frühen Embryos in die Gebärmutterschleimhaut sind höchst kompliziert und anfällig. Hierbei genügt eine einzige Störung - und es klappt nicht. Es fängt schon damit an, dass eine Eizelle und die Spermien nur ein Zeitfenster von etwa 12 Stunden haben, um sich am richtigen Ort zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen Alter und Lifestyle?

Thaler: Der Kinderwunsch entwickelt sich heute immer später. Doch je älter der Mann und vor allem je älter die Frau sind, desto größer ist das Risiko für Störungen. Ab einem Alter von 30 Jahren lässt die Eierstockfunktion genetisch bedingt mehr oder weniger stark nach. Bei Frauen über vierzig sind etwa 50 Prozent der Eizellen genetisch verändert, weshalb die weitere embryonale Entwicklung und die Einnistung in die Gebärmutterschleimhaut scheitern.

Auch die Spermienproduktion wird mit zunehmendem Alter immer anfälliger. Über- oder Untergewicht, oder Radikaldiäten etwa, können den Eisprung stören. Nikotin kann Spermien zu lahmen Enten machen, indem es deren Zellkraftwerke schädigt. Rauchende Frauen warten im Schnitt dreimal länger als Nichtraucherinnen auf den Eintritt einer Schwangerschaft.

SPIEGEL ONLINE: In etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle liegt die Ursache für eine Unfruchtbarkeit beim Mann.

Thaler: Der häufigste Grund ist eine gestörte Spermienproduktion und -reifung. Das heißt, die Spermien bewegen sich nicht gut, sind deformiert, oder der Körper produziert zu viele, zu wenige oder gar keine Spermien. Zudem können die winzigen Kanäle in den Nebenhoden aufgrund einer bakteriellen Entzündung verklebt sein. Dann können die Spermien nicht in den Samenleiter gelangen, oder dieser ist blockiert. Manchmal kommt es vor, dass der Mann Antikörper gegen seine eigenen Spermien hat. Dann können die Spermien im Ejakulat nach und nach verklumpen.

SPIEGEL ONLINE: Kann Stress auch ein Grund für Unfruchtbarkeit sein?

Thaler: Beim Mann kann Stress den Testosteronspiegel senken und sich somit negativ auf die Spermienqualität auswirken. Auch bei der Frau kann eine psychische Belastung etwa aufgrund eines hohen Erwartungsdrucks einen negativen Einfluss auf das Hormonsystem haben. Bei einzelnen Patientinnen empfehlen wir dann mitunter eine Begleitung durch den Psychotherapeuten. Aber auch gezielte Entspannungstechniken können helfen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ursachen für Unfruchtbarkeit können es bei der Frau sein?

Thaler: Häufig finden wir hormonell bedingte Fehlfunktionen, etwa eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse. Es kann auch sein, dass die Hirnanhangsdrüse zu geringe Mengen an Fruchtbarkeitshormon ausschüttet und es zu keinem Eisprung kommt. In seltenen Fällen produziert das Immunsystem Antikörper gegen Antigene im Sperma, die sich im Gebärmutterhalsschleim befinden. Die Antikörper verklumpen die Spermien und machen sie teilweise unbeweglich.

SPIEGEL ONLINE: Häufig liegt das Problem auch in den Eileitern der Frau.

Thaler: Direkt nach der Befruchtung bleibt der entstehende Embryo noch etwa fünf Tage in den sogenannten Fimbrien. So nennt man das großvolumige Ende der Eileiter, wo der Embryo optimal ernährt wird. Von dort aus wird er anschließend recht schnell in die Gebärmutterhöhle transportiert und nistet sich dort ein. Sind die Eileiter oder die Fimbrien entzündlich verändert, können sie keine Nährstoffe produzieren, und der Embryo kann nicht heranreifen - auch wenn die Eileiter ansonsten völlig durchgängig sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet man in einem solchen Fall heraus, ob eine künstliche Befruchtung notwendig ist?

Thaler: Die Beurteilung der Eileiterbeschaffenheit und -funktion gelingt am besten mit der sogenannten Fertiloskopie: Über die Scheide führt man ein Endoskop ein, um von der Gebärmutterhinterseite direkt in die Fimbrien hineinzuschauen. So kann der Arzt entscheiden, ob eine Frau von einer künstlichen Befruchtungprofitieren würde. Bei der In-vitro-Fertilisation werden die Fimbrien durch einen Inkubator außerhalb des weiblichen Körpers ersetzt. Die befruchteten Eier reifen bis zu fünf Tage lang darin heran, bevor die entwicklungsfähigen Embryonen - in der Regel maximal zwei - in die Gebärmutter der Frau eingesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Woher weiß man, dass sich die Embryonen gut entwickelt haben?

Thaler: Um den korrekten Ablauf sämtlicher Entwicklungsschritte während der Embryogenese verfolgen zu können, fotografieren wir jeden Embryo im Inkubator alle zehn Minuten mit einer Infrarotkamera. Auf diese Weise läßt sich sehr gut feststellen, welcher Embryo entwicklungsfähig ist. So erreichen wir in günstigen Fällen sogar bei älteren Frauen Schwangerschaftsraten von fast 40 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Sind gut entwickelte Embryonen ein Garant für den Erfolg?

Thaler: Nein, es kann auch bei optimal entwicklungsfähigen Embryonen zu Einnistungsstörungen kommen. Zum Beispiel wenn die Gebärmutterschleimhaut entzündet ist, was mitunter durch eine frühere Spirale verursacht sein kann. Oder wenn es Verwachsungen als Folge abgelaufener Entzündungen oder Voroperationen in der Gebärmutter gibt. Diese können den Aufbau der Schleimhaut stören.

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