Trend aus den USA: Doulas - die Dienerinnen der Geburt
Sie sind eine Art beauftragte beste Freundin: Immer mehr Schwangere lassen sich in Deutschland von Doulas betreuen, erfahrenen Müttern, die sie beraten und im Kreißsaal unterstützen. Der Trend stammt aus den USA, eine Rufbereitschaft rund um den Geburtstermin ist inklusive.
Als Kate im Londoner St. Mary's Hospital den kleinen Prinz George zur Welt brachte, muss Gedränge um ihr Bett geherrscht haben: Glaubt man der britischen "Mail on Sunday" betreuten vier Hebammen die Duchess of Cambridge, hinzu kamen drei Ärzte und ihr Mann William. Die Realität bei einer Durchschnittsgeburt sieht oft anders aus.
Im Krankenhaus müssen Hebammen zum Teil mehrere Frauen gleichzeitig betreuen, auch die Ärzte können nicht ohne Pause am Bett ihrer Patientin ausharren. Wer sich eine durchgehende Betreuung wünscht, könnte jedoch von einem Trend aus den USA profitieren. Die Idee: Erfahrene Mütter, sogenannte Doulas, stehen den gestressten Frauen während der Schwangerschaft bei. Sie beraten sie schon Monate vor der Entbindung, halten im Kreißsaal die Hand, ermutigen und trösten auch nach Geburt wie eine Art beste Freundin.
Auf seiner Homepage spricht der Verein "Doulas in Deutschland", kurz DiD, von etwa 100 Doulas, die werdende Mütter in Deutschland mittlerweile unterstützen. Ihr Name leitet sich vom altgriechischen "doulalei" ab, er bedeutet so viel wie Magd oder Dienerin der Frau. Dabei sind sie allerdings nur als Ergänzung zur Hebamme zu sehen. "Wir haben keinerlei medizinische Funktion, sondern sind besonders für die emotionale Unterstützung da. Wir sorgen für gute Rahmenbedingungen und behalten den Überblick. Wir sind die Mittler", sagt Antje Stulz, die seit 2008 in Deutschland freiberuflich als Doula arbeitet.
Weniger Kaiserschnitte, weniger Schmerzmittel
Auf die Idee zur Doula kam Stulz durch eigene Erfahrungen: "Ich habe vier Kinder - und bei der Geburt des vierten Kindes wollte ich nicht mehr in der Klinik gebären", sagt Stulz, die heute im Vorstand des DiD-Vereins im Süden Deutschland tätig ist. "Die Hebammen haben dort selten genügend Zeit, um die Frauen gut kennenzulernen." Die Ausbildung zur Doula dauert laut Verein etwa neun Monate. 85 Unterrichtsstunden, 200 weitere im Eigenstudium und 40 Stunden Praxis sind notwendig, die Kosten liegen bei rund 1220 Euro pro Person.
In den USA entstand der Beruf schon in den siebziger Jahren, dort wurde er allerdings eher aus der Not geboren. Da es kaum Hebammen gab, entwickelte sich ein Doula-Netzwerk. Mittlerweile findet sich diese traditionelle Art der Geburtsunterstützung in Australien ebenso wie in Brasilien, Kanada oder Tansania. In Uruguay verabschiedete der Kongress 2007 sogar ein Gesetz, das jeder Frau die Unterstützung durch eine Begleitung während der Schwangerschaft und Geburt zusicherte.
Auch Studien belegen den Nutzen der Doula-Arbeit. So heißt es im englischen Buch "The Doula" von den Ärzten Marshall H. Klaus und John H. Kennell: "Bei unseren Studien der vergangenen 25 Jahre, in denen wir an 5000 Frauen den Effekt einer Betreuung durch eine Begleitung/Doula, oder des Fehlens derselbigen betrachteten, beobachteten wir 50 Prozent weniger Kaiserschnitte und eine deutlich verringerte Wehenzeit."
Weiter heißt es: "Wir bemerkten auch eine beachtliche Verringerung in der Gabe von Schmerzmitteln." Eine kanadische Studie der Universität Toronto, die 21 Studien mit insgesamt 15.061 teilnehmenden Frauen auswerte, kam ihm Februar 2011 zu einem ähnlich positiven Schluss: "Alle Frauen sollten während der Wehen und Geburt Unterstützung durch eine Frau/Doula erfahren."
Sie kooperiert nach eigenen Angaben erfolgreich mit einer Hebammenpraxis in Kippenheim. Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied im Deutschen Hebammenverband, ist jedoch noch vorsichtig: "Ich habe vor der möglichen Konkurrenzsituation Respekt. Auch wenn es um die Beurteilung der Geburtsituation geht, stelle ich mir die doppelte Anwesenheit und Unterstützung schwierig vor", sagt sie. Bisher hat sie allerdings noch nie bei einer Entbindung mit einer Doula zusammengearbeitet.
Auch der Selbstzahleraspekt widersagt Steppat: "Ich empfinde die Entwicklung als bedauerlich. Auch durch die Privatisierungen in den Kliniken wird so Hebammenpersonal eingespart. Wir sind damit auf dem Weg ins Zweiklassensystem für schwangere Frauen." Noch bleibt allerdings abzuwarten, ob sich in Deutschland die Arbeit der Doulas überhaupt weiter durchsetzen kann. Es wäre wahrscheinlich zum Wohl der Schwangeren.
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- Matthias Lauerer, Jahrgang 1975, freier Journalist. Hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.
Matthias Lauerer
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