Ernährung Vegan in der Schwangerschaft - geht das?

Vegan lebende Schwangere haben es nicht leicht: Die Studienlage ist dünn, die Meinungen von Ernährungsexperten und Ärzten gehen auseinander. Wer tierische Produkte meiden will, braucht einen genauen Plan.

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Vegane Ernährung in der Schwangerschaft: Fehlt was?
Corbis

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft: Fehlt was?


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Carmen Hercegfi 2014 schwanger wird, lebt sie bereits seit sechs Jahren vegan. Sie kennt sich aus mit der Ernährungsform - trotzdem sind sofort Zweifel da: "Wie das konkret in der Schwangerschaft funktionieren soll, war mir erst mal nicht klar."

Wie gelingt eine optimale Versorgung mit Nährstoffen? Wie beugt man Mangelerscheinungen und Risiken vor? Hercegfi sucht in Deutschland nach Informationen und Ernährungsempfehlungen. Aber Fehlanzeige. "Ich habe mir dann Bücher aus den USA bestellt, weil die vegane Ernährung dort viel akzeptierter ist." So beurteilt etwa die US-amerikanische A.N.D. (Academy of Nutrition and Dietetics), ein Verband von rund 67.000 Diätassistenten und Ernährungsberatern, die vegane Ernährung für Erwachsene und Kinder in jedem Lebensalter für unbedenklich - auch in Schwangerschaft und Stillzeit.

Eine Empfehlung, die Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, nicht teilen kann: "Eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig." Der Gynäkologe sieht verschiedene Probleme, vor allem die Versorgung mit Eiweiß. Ein Proteinmangel könne zu einer Unterentwicklung des Kindes führen.

Je nach Körpergewicht braucht eine Schwangere 50 bis 80 Gramm Eiweiß pro Tag, ab dem vierten Monat noch mal rund zehn Gramm mehr. "Das ist mit pflanzlichen Lebensmitteln nicht ganz einfach", sagt der Experte, "vor allem wenn man bedenkt, dass zum Beispiel Haferflocken auf 100 Gramm nur zehn bis elf Gramm Eiweiß enthalten und Tofu nur acht Gramm enthält." Zum Vergleich: Schweinefleisch und Gouda liefern rund 26 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm, Eier 13 Gramm.

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"Natürlich ist es mit Milch, Fleisch und Eiern leichter, die erforderlichen Proteinmengen zu bekommen", sagt Edith Gätjen, Diplom-Oekotrophologin und Dozentin an der Akademie für Säuglings- und Kinderernährung der Unabhängigen Gesundheitsberatung (UGB). "Das heißt aber nicht, dass es mit einer vollwertigen veganen Ernährung unmöglich ist." Die vegane Ernährung stelle durch Hülsenfrüchte, Vollgetreide, Nüsse und Ölsamen viele hochwertige Proteine zur Verfügung. "Die Schwangeren müssen nur wissen, was und in welchen Mengen gegessen werden muss", meint Gätjen, die zusammen mit dem Ernährungswissenschaftler Markus Keller vom Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (Ifane) in Gießen Seminare zum Thema "Veganismus in der Schwangerschaft" gibt. "Es muss noch viel mehr passieren, um der wachsenden Gruppe schwangerer Veganerinnen Wissen an die Hand zu geben, auch von Seiten der Ärzte und Hebammen."

Die Frage ist nicht, ob es geht, sondern wie

Gätjen und Keller leisten mit ihren Vorträgen und Seminaren Pionierarbeit in Deutschland. Kellers Ernährungsempfehlungen für vegane Schwangere beim Vegetarierbund Deutschland (Vebu) sind ein Novum. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält die rein pflanzliche Ernährung in der Schwangerschaft nach wie vor für ungeeignet. Auch Gynäkologe Albring empfiehlt Veganerinnen, für die Zeit der Schwangerschaft einen Kompromiss zu schließen und zumindest Milchprodukte und Eier zuzulassen. "Damit kann die Schwangere sehr hochwertige Proteine und Vitamine zuführen und die Situation für das ungeborene Baby deutlich entspannen."

Doch für Veganerinnen, die aus ethischen Motiven auf tierische Produkte verzichten, ist so ein Kompromiss wenig attraktiv. "Für mich stellte sich gar nicht die Frage, ob es geht, sondern nur, wie es geht", sagt Carmen Hercegfi.

Für offizielle Ernährungsempfehlungen gibt es bis dato ein zentrales Problem: Es fehlen repräsentative Studien über vegane Schwangere. Wie ernähren sie sich zwischen Bioladen, Discounter, Kantine und Wochenmarkt? Welche Nährstofflücken sind beachtenswert?

Viele Vorurteile, wenig Erfahrungen

"Wir können derzeit noch keine Aussagen dazu machen, ob schwangere Veganerinnen sich des erhöhten Risikos eines Nährstoffmangels bewusst sind und mit einer gut bilanzierten Ernährung darauf reagieren", kritisiert Albring. Er rät Veganerinnen, sich deshalb auf jeden Fall mit dem behandelnden Gynäkologen über die gewählte Ernährungsform zu beraten. "Viele Mangelerscheinungen lassen sich leider erst sehr spät an den Blutwerten ablesen, dann können sie sich bereits aufs Kind ausgewirkt haben."

"Die vielen Vorurteile gegenüber dem Veganismus machen Angst, ganz besonders, wenn man schwanger ist", gibt Carmen Hercegfi zu. "Dabei ist es doch im Grunde kein Problem, sich rein pflanzlich ausgewogen und vielseitig zu ernähren." Hülsenfrüchte, Getreide und Nüsse versorgen mit Proteinen, hochwertige pflanzliche Öle wie Lein- und Walnussöl mit Omega-3-Fettsäuren, Obst und Gemüse liefern Vitamine und Mineralien. In Tabletten- oder Tropfenform sollten Vitamin D, Folsäure und Jod eingenommen werden.

"Diese Empfehlung gilt für fleischessende Schwangere aber genauso", sagt Gätjen. Einziger Unterschied: Veganerinnen müssen täglich mit einem Nahrungsergänzungsmittel Vitamin B12 zuführen, das natürlicherweise in Fleisch, Fisch oder Innereien vorkommt. Ein Mangel dieses Vitamins kann zu schweren Entwicklungsstörungen des Ungeborenen und zu Schwangerschaftskomplikationen führen.

Hercegfi hat während ihrer Schwangerschaft einen genauen Plan entworfen, wie die pflanzlichen Lebensmittel zu kombinieren sind. "Das war nur am Anfang mit etwas Aufwand verbunden." Ergänzend hat sie zur Sicherheit im fünften Monat alle Blutwerte bestimmen lassen. "Von Kalzium über B-Vitamine bis Eisen - ich wollte alles wissen." Die Ergebnisse waren beruhigend: "Bei mir war alles bestens", so Hercegfi. Auch die Geburt verlief problemlos, der kleine Sohn kam kerngesund zur Welt, ist mittlerweile neun Monate alt - und wird vegan ernährt. Hercegfi will nun ihre Erfahrungen weitergeben und schreibt an einem Buch über Veganismus in der Schwangerschaft.


Zusammengefasst: Es ist schwierig, gute Informationen über vegane Ernährung in der Schwangerschaft zu finden - es fehlen offizielle Empfehlungen. Wer sich dennoch für diese Ernährungsform entscheidet, muss einen genauen Plan entwerfen für eine ausreichende Nährstoffversorgung und bestimmte Vitamine zuführen.

Zur Autorin
  • Bettina Levecke
    Bettina Levecke ist freie Journalistin und schreibt über Familien- und Gesundheits­themen.



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Seite 1
exil-teutone 17.11.2015
1. Vegane Schwangerschaften
würde ich meinem Wissenstand nach unter Körperverletzung Schutzbefohlener einordnen. Seinen eigenen Körper zu ruinieren ist eine individuelle Verantwortung (mal von verursachten Kosten im Gesundheitssektor abgesehen), aber Babies damit zu ruinieren ist gelinde gesagt verantwortungslos. Jede ehrlich interessierte Person sollte sich ernsthaft a) die Gesundheit von Veganern der 2. und 3. Generation anschauen b) mit den Quellen der Weston A. Price Foundation (WAPF) auseinandersetzen. Die Quellen- und Studienlage ist mitnichten dünn, sie ist mehr als eindeutig.
omop 17.11.2015
2. Interessant..
die Frau lebt seit sechs Jahren vegan...und auf einmal hat Sie Sorgen, dass die Ernährung vielleicht doch nicht das wahre ist? Das zeigt doch schon die ganze Widersprüchlichkeit dieses Luxusproblems der "Ersten Welt". Ausserdem sollte jeder sich einmal die vielen Zusatz/Ersatzstoffe in veganen Produkten angucken. Ob das gesund ist, würde ich stark bezweifeln..
wortmacht 17.11.2015
3.
Ach ja vegan/vegetarisch ist nicht gesund. Es ist ein ideologisch-politische Weise sein Leben zu organisieren. Gut dass das Kind gesund ist, aber bestimmt nicht durch diese Ernährung. Diese klammheimlich eingefügte Indoktrination der Autorin ist so offensichtlich wie peinlich.
janzen1 17.11.2015
4. Ich, ich, ich, ich und das arme Tier!
Dem werdenden Kind wünscht man da alles Gute. Aber was soll's. Es bekommt ja Luft und Liebe. Mich würde übrigens mal interessieren, ob der kleine Junge der "Versuchsperson" jetzt schon religiös erzogen wird, oder ob er sich seine Religion erst später aussuchen darf.
andrewsaid 17.11.2015
5. Wir hatten keinerlei Probleme
Ich habe selber eine Tochter und meine Frau und ich haben damals schon komplett vegan gelebt. Wir haben uns also mit dem auseinandergesetzt, was wir essen und trinken und wussten dementsprechend, was für Nährstoffe wo drin sind. Das wussten wir allerdings nicht, bevor wir uns damit befasst haben. Die Blutwerte waren durchweg positiv und auch die Geburt verlief super. Meine heutige Ex-Frau hat darüber übrigens auch einiges geschrieben und in ihrem Blog www.natuerliches-baby.de zusammengefasst. Die Angst in Deutschland, etwas in einem Bereich falsch zu machen, in dem man sich eigentlich gar nicht auskennt (die eigene Ernährung), weil man sich damit gar nicht befasst, sondern nur im Supermarkt einkauft, was Supermärkte verkaufen wollen, ist wahrlich groß. Wenn ich mir heute überlege, was ich mir vor 8 Jahren noch alles auf den Teller gelegt habe, bin ich wirklich erschrocken. Glücklicherweise habe ich dazugelernt und habe trotz meiner damals mich beherrschenden Multiplen Sklerose einen Weg gefunden, wieder richtig fit und gesund zu werden. Ebenfalls dank der in den USA gängigen Empfehlung, bei dieser Krankheit, auf eine vegane Ernährung umzusteigen. Und heute ist meine Ernährung viel ausgewogener, als zu der Zeit, in der ich noch tierische industriell gefertigte Lebensmittel wie Fleisch oder Milchprodukte zu mir genommen habe.
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