Augenverletzungen US-Studie warnt vor Waschmittel-Pads

Bunte Gelpackungen mit Konzentraten sollen das Wäschewaschen vereinfachen, für Kleinkinder aber sind sie laut einer neuen US-Studie eine Gefahr. Wie ist die Situation in Deutschland?

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Jede vierte Augenverletzung bei Kleinkindern in den USA geht auf Gelpacks mit Waschmittel zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine an der John Hopkins University erhobene Studie, veröffentlicht im renommierten Wissenschaftsjournal "JAMA Ophthalmology".

Die Studie beruht auf den Zahlen des National Electronic Injury Surveillance System (NEISS) der US-Verbraucherschutzbehörde und erfasst die Fallzahlen von chemischen Verätzungen oder Augenverletzungen bei drei- bis vierjährigen Kindern im Zeitraum 2010-2015.

2012 markiert hier eine Art Zäsur: Im ersten Verkaufsjahr der neuesten Gelpacks-Generation registrierte NEISS zwölf Fälle, die durch die Waschmittelpäckchen verursacht wurden. 2015 waren es 480 Fälle - eine Verdreißigfachung innerhalb von nur drei Jahren.

Gleichzeitig stieg der prozentuale Anteil der Gelpack-Unfälle am Gesamtvolumen der Augenverletzungen bei Kleinkindern von 0,8 Prozent auf 26 Prozent. Vorher kaum messbar, gehe nun also jede vierte Augenverletzung auf die Gelpäckchen zurück. Das, urteilen die Autoren, sei eine erhebliche Erhöhung mit klar nachzuweisender Ursache.

Was sagen andere Statistiken?

Dass Gelpacks neue Gefahren für Kleinkinder bergen, wird seit ihrer Einführung vermutet. In Deutschland kamen die ersten Packungen mit dem hochkonzentrierten Waschmittel 2002 auf den Markt: Herrlich bunte kleine Päckchen, prall gefüllt, aber weich verpackt. Anfangs verlief der Verkauf noch äußerst schleppend. Ab 2012 aber, als es neue, verbesserte Präparate gab, starteten die Päckchen richtig durch. Das Problem daran: Sie scheinen wie dafür gemacht, hineinzubeißen und darauf herumzulutschen - zumindest aus Perspektive eines Kleinkinds.

Für Kinder unter fünf Jahren, warnen Kritiker, sähen die Päckchen aus wie Süßigkeiten oder Beiß-Kissen. Die Waschmittelgels sind in einer Art Folie verpackt, die zwar recht widerstandsfähig ist, aber wasserlöslich. Sie lässt sich also nicht nur zum Platzen bringen, sondern auch schlicht und ergreifend auflutschen.

Schnell kursierten in den USA, aber auch in Deutschland, Berichte über Unfälle durch Verschlucken, über Vergiftungen und Augenverletzungen. Zuletzt zählte die American Association of Poison Control Centers (AAPCC) - vergleichbar mit den deutschen Gift-Notrufzentralen (GIZ) - im Jahr 2016 alarmierende 11.528 Fälle von Vergiftungen durch Waschmittel-Gelpacks.

Was sie allerdings nicht dokumentiert, war die Schwere der Vergiftungen. Hier erwies sich das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gründlicher: Zusammen mit der Gesellschaft für Klinische Toxikologie erfasste das BfR für die Zeit vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2014 exemplarisch die Zahl der Vergiftungsmeldungen durch Gelpacks bei den Gift-Notrufzentralen. Die hatten registriert:

  • 165 Vergiftungen
  • 152 davon (92 Prozent) waren "leicht", ohne Symptome oder nicht weiter erfasst
  • 13 Fälle (acht Prozent) wurden als "mittelschwer" eingestuft (BfR: "meist wegen mehrfachen Erbrechens")
  • Einen als "schwer" eingestuften Fall gab es nicht.

Sind Gelpacks also nicht problematischer als andere Reinigungsmittel? Nicht ganz: Der Anteil mittelschwer eingestufter Fälle war achtmal höher als bei herkömmlichen Waschmitteln.

Hinzu kommt: "Alle mittelschweren Fälle mit Waschmittel-Gelkapseln traten bei Kindern unter zwei Jahren auf", erklärt das BfR auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. 84 Prozent aller Fälle betrafen Kleinkinder unter drei Jahren, 66 Prozent Kinder unter zwei Jahren.

Neben Verschlucken (92 %) meldeten die GIZ Hautkontakte (1,2 %) - und Verletzungen der Augen (7,8 %). Auch darüber hatte es seit 2012 vereinzelte, meist nicht bestätigte Berichte gegeben: In manchen Fällen sei es zu Verätzungen des Auges gekommen oder zu Kratzern auf der Augenoberfläche.

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Gelpacks: Bunt, weich und Gift für Kinder

Die Daten der AAPCC deuten jedoch auch an, dass die Zahl der Unfälle mit Gelpacks wieder rückläufig ist. Die Hersteller haben inzwischen auf die Kritik reagiert - in Europa noch weit stärker als in den USA. Gelpacks gibt es hier nur noch in fest verschließbaren, blickdichten Containern zu kaufen.

Dazu investierten die Firmen massiv in Aufklärungskampagnen, teils gemeinsam (siehe Video), teils mit eigenen Werbekampagnen, oder unterstützen Organisationen, die ihnen bei Mahnungen zum adäquaten Handling der Produkte helfen.

Wer nicht selbst reagierte, den zwang die EU-Verordnung EC No. 1297/2014 zum Handeln: Neben den verschließbaren Containern, prominenten Warnhinweisen und einer Mindestauflösezeit müssen die Verpackungen heute "einem mechanischen Druck von mindestens 300 N standhalten können". Salopp gesagt müsste ein Kleinkind nun 30 Kilo wiegen, um ein Gelpack zum Platzen zu bringen, wenn es sich draufsetzt.

Ebenfalls Vorschrift ist eine Beschichtung, "die sicher ist und im Falle einer unbeabsichtigten oralen Exposition innerhalb von maximal sechs Sekunden einen Ekelreflex auslöst". Alle großen Markenhersteller nutzen dafür das als "Bitrex" vermarktete Denatoniumbenzoat - es gilt als bitterster aller nicht gesundheitsschädlicher Stoffe.

Ist jetzt also alles sicher? In Europa wurde zumindest schon deutlich mehr für die Produktsicherheit getan als in den USA, die hier noch Nachholbedarf haben. Und die Überwachung läuft weiter, wie SPIEGEL ONLINE auf Nachfrage erfuhr: "Das BfR ist zurzeit an einer Studie der Europäischen Kommission beteiligt, in der die Wirksamkeit der bisherigen Sicherheitsmaßnahmen und die Möglichkeiten für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen untersucht werden. Die Studie wird zurzeit ausgewertet, die Ergebnisse werden der Kommission in Kürze übermittelt werden."

Warum überhaupt Gelpacks?

Aus Sicht der Hersteller bringen Gelpacks erhebliche Vorteile. "Sie waschen besser", sagt Steffi Speisebecher von Procter & Gamble. Außerdem spare man bei der Herstellung 80 Prozent Wasserverbrauch und das Produktvolumen sei weniger als halb so groß. Das spare Verpackung, Transport- und Lagerkosten. Und Kunden kämen nicht mehr in Versuchung, Waschmittel zu hoch zu dosieren. Die Gelpackung sei "die richtige" Wirkstoffmenge. "Nachhaltiger" sei das, "Ressourcen-effizienter".

Und wohl auch profitabler: Die Packs sind vergleichsweise teuer. Gelpacks bieten Kunden dafür eine Form des Convenience- oder Instant-Waschens, wenn man so will. Ideal für die Generation Fertignahrung, Nespresso, all-inclusive. Klar hat das einen gewissen Reiz. Nur leider auch für Kleinkinder.

Denn - Ekelreflex und Stabilfolie hin oder her - es gibt fast nichts, was ein einsamer Milchzahn nicht perforieren könnte. Die Hersteller appellieren darum zu Recht auch an die elterliche Verantwortung.

So stehen sich die zwei besten Ratschläge im Umgang mit den Päckchen am Ende diametral gegenüber. Die Hersteller raten: Bewahren Sie die Packs gut verschlossen und außerhalb der Reichweite von Kindern auf. Und die Kritiker? Raten dazu, keine Gelpacks zu kaufen, solange Kinder unter sechs Jahren im Haushalt leben. So oder so bestimmt der Kunde mit, wie sicher die Produkte am Ende sind.

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spon-facebook-10000015195 03.02.2017
1. Die Welt verdummt...
God bless America - das Wasch- und Reinigungsmittel, egal ob in Pappschachtel, Flaschen oder quietschbunten Gelpacks, gehören generell außer Reichweite von Kindern. Das war vor 50 Jahren schon so und sollte jedem Elternteil mit ein bisschen gesundem Menschenverstand klar sein. Das in Amerika immer wieder die merkwürdigsten Unfälle mit Produkten passieren, liegt wohl eher an der Rechtsaufassung, alles und jeden auf Millionen zu verklagen, sofern nicht irgendwo geschrieben steht, was man mit dem Produkt tunlichst vermeiden sollte. Siehe Katze in Mikrowelle, heißer Kaffee im Becher bei McDonalds oder Ikea Kommoden, die umkippen, weil sie nicht an der Wand fixiert wurden, auch wenn es in der Anleitung steht.
sullo 03.02.2017
2.
Immer nur Waschmittel zu verkaufen dass einfach nur funktioniert ist natürlich langweilig. Etwas neues muss her um mehr Marktanteil generieren zu können. Deshalb gibt es Gelpads und Spülmaschinetabs, nicht weil der Verbraucher sie braucht. Die Behauptung es würde bei der Herstellung Wasser eingespart kann niemand nachprüfen oder einordnen, wenn man den gesamten Wasserverbrauch nicht kennt. Der Volumenvorteil wird sicher zum Teil dadurch aufgewogen, dass der Verbraucher nicht mehr die Möglichkeit hat weniger zu dosieren, weil etwa die Wäschemenge klein ist oder die Wäsche schwach verschmutzt ist. Sicher ist jedoch, dass das für den Verbraucher teurer wird. Also eigentlich ein unnötiges Produkt, dass auch noch Gefahren birgt.
karin_mainz 03.02.2017
3.
Zitat von sulloImmer nur Waschmittel zu verkaufen dass einfach nur funktioniert ist natürlich langweilig. Etwas neues muss her um mehr Marktanteil generieren zu können. Deshalb gibt es Gelpads und Spülmaschinetabs, nicht weil der Verbraucher sie braucht. Die Behauptung es würde bei der Herstellung Wasser eingespart kann niemand nachprüfen oder einordnen, wenn man den gesamten Wasserverbrauch nicht kennt. Der Volumenvorteil wird sicher zum Teil dadurch aufgewogen, dass der Verbraucher nicht mehr die Möglichkeit hat weniger zu dosieren, weil etwa die Wäschemenge klein ist oder die Wäsche schwach verschmutzt ist. Sicher ist jedoch, dass das für den Verbraucher teurer wird. Also eigentlich ein unnötiges Produkt, dass auch noch Gefahren birgt.
Wäre ein Produkt unnötig, so würde es schnell wieder vom Markt verschwinden, insofern haben Sie schon ihre Berechtigung. Was die Gefahren angeht, da lauern in einem normalen Haushalt sehr viele Gefahren für junge Kinder. Verantwortungsvolle Eltern haben ihre Kinder (mehr oder weniger) im Blick, achten darauf die Wohnung sowie es eben geht kindersicher zu machen und gefährliche Produkte so aufzubewahren, dass Kinder da nicht ohne weiteres rankommen. Das war vor 50 Jahren nicht anders als heute auch. Insofern sehe ich bei den Pads keinerlei (neues) Problem.
7eggert 03.02.2017
4.
Zitat von sulloImmer nur Waschmittel zu verkaufen dass einfach nur funktioniert ist natürlich langweilig. Etwas neues muss her um mehr Marktanteil generieren zu können. Deshalb gibt es Gelpads und Spülmaschinetabs, nicht weil der Verbraucher sie braucht. Die Behauptung es würde bei der Herstellung Wasser eingespart kann niemand nachprüfen oder einordnen, wenn man den gesamten Wasserverbrauch nicht kennt. Der Volumenvorteil wird sicher zum Teil dadurch aufgewogen, dass der Verbraucher nicht mehr die Möglichkeit hat weniger zu dosieren, weil etwa die Wäschemenge klein ist oder die Wäsche schwach verschmutzt ist. Sicher ist jedoch, dass das für den Verbraucher teurer wird. Also eigentlich ein unnötiges Produkt, dass auch noch Gefahren birgt.
Der Verbrauch bei der Herstellung der Tabs dürfte egal sein, Transport ebenfalls. Das gilt (besonders wenn ich meine Getränke im Vergleich sehe: 1 Flasche/Tag statt vielleicht 1 Flasche/Jahr. Tabs sind bequem zu dosieren. Unterdosierung ist bei Verschmutzungssensoren sogar schädlich, was den Energieverbrauch und die Umwelt angeht (das betrifft nicht die phosphathaltigen, "klassischen" Waschmittel). Im Gegenteil hat mein Untermieter ehemaliger sogar auf (Geschirrspül-)Tabs bestanden, weil er ansonsten "viel hilft viel" anwendet. Was ich mir wünschen würde, wäre weniger Einzelverpackung.
allessuper 03.02.2017
5. Waschmittelrezept meiner Oma: günstig, gut, und ökologisch einwandfrei.
nur gegen Blödheit hilft das nicht. Obwohl.. –Eine leere Glasflasche ca. 1,5 Liter – 15 Gramm Kernseife (Bio, ohne EDTA, ohne Glycerin) – 2 Eßlöffel Soda Kristall – 1 L Wasser – Schneebesen und Rührschüssel – für den Duft ätherisches Öl (15-20 Tropfen Lavendel oder Zitrone) Seife reiben, mit dem Soda und 340ml kochendem Wasser verrühren. 1 Std. sehen lassen. Wieder 340ml kochendes Wasser, und jetzt auch das ätherische Öl dazu nehmen und verrühren. Das ganze 24 Std. stehen lassen, bis es fast fest wird, und dann wieder 340ml kochendes Wasser dazu geben, verrühren. Mit einem Trichter in die Flasche füllen – fertig ist das Waschmittel. Vor Gebrauch immer gut schütteln, pro Waschgang ca. 1 bis 2dl verwenden. Fertig ist die Lauge.
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