Katharina Saalfrank antwortet Wie überzeuge ich mein Kind von gesundem Essen?

Nichts außer Schokomüsli? Eine Mutter ist verzweifelt, weil ihre kleine Tochter nur Ungesundes isst. Die Pädagogin Katharina Saalfrank weiß Rat.

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Meine zweieinhalbjährige Tochter ist - und war es eigentlich immer schon - eine sehr schlechte Esserin. Es ist immer sehr mühevoll, ihr etwas schmackhaft zu machen. Selbst die klassischen Kindergerichte wie Kartoffelpüree und Fischstäbchen stoßen auf wenig Begeisterung - zumindest zu Hause. In der Kita ist das alles kein Problem, da isst sie toll und hat anscheinend auch gute Tischmanieren.

Es ist frustrierend: Ich koche, decke den Tisch oder lasse sie dabei helfen. Kommt dann das Essen auf den Tisch, verweigert sie es und will immer nur Müsli. Das klingt gesünder, als es ist - sie isst am liebsten eine Art Porridge mit feinen weißen Schokoladenblättchen, also fernab von dem Bild von ballaststoffreichem Getreide und frischen Früchten.

Jegliche Überzeugungsversuche, das Essen zumindest einmal zu probieren und ein paar Löffel zu nehmen, scheitern. Teilweise eskaliert die Situation so weit, dass sie ihren Teller mit dem Essen schwungvoll wegstößt. Ich bringe es nicht fertig, sie ohne etwas zu essen des Tisches zu verweisen. Irgendwann bekommt sie dann eben doch Müsli, damit sie irgendwas im Bauch hat. Aber das fühlt sich nicht richtig an, und auf Dauer kann das nicht die Lösung sein. Haben Sie einen Rat?

Zur Person
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    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Katharina Saalfrank antwortet: Für mich klingt es so, als wäre die Situation im Moment etwas verfahren und als wären Sie vor allem darauf fokussiert, dass Ihre Tochter etwas Bestimmtes zu sich nimmt.

Zunächst etwas Grundsätzliches: Dass Kinder Süßes bevorzugen, ist aus evolutionsbiologischer Sicht nachvollziehbar. Früher war Süße vor allem in reifen Früchten vorhanden, also Nahrung mit vielen Vitaminen und hoher Energiedichte. Da diese gesunden Nahrungsmittel nur begrenzte Zeit zur Verfügung standen, war es sinnvoll, davon möglichst viel auf einmal zu essen, um vorzusorgen.

Außerdem war Süße ein Indiz dafür, dass Speisen nicht giftig sind. Der süße Geschmack wirkte als eine Art Sicherheitsmechanismus, den Kinder von Natur aus - zum Überleben - vorziehen. Dass es jetzt ungesunde und nährstoffleere süße Nahrungsmittel gibt, die schaden können, hat die Natur nicht vorhergesehen.

Der beschriebene Mechanismus wirkt besonders stark im Alter Ihrer Tochter, da diese mit ihren zweieinhalb Jahren mitten in der Autonomiephase ist. Das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit tritt stark in den Vordergrund. Die Kinder wollen viel selbst machen, erkunden neugierig ihre Umgebung und wollen unbedingt selbst entscheiden.

Raum für eigene Entscheidungen schaffen

Hier greift der evolutionäre Sicherheitsmechanismus, weil durch das selbstständige Erkunden auch Gefahren etwa durch giftige Nahrungsmittel drohen. Das erklärt auch, warum viele Kinder in diesem Alter besonders wählerisch sind und auf grünes Gemüse mit Bitterstoffen kritisch und vorsichtig reagieren - bis zur Verweigerung.

Was konkret hilfreich sein kann: Haben Sie Verständnis für die Entwicklung, in der Ihre Tochter gerade ist, und nehmen Sie vor allem den Druck aus dem Essensthema. Versuchen Sie, einen Machtkampf zu vermeiden und ihre Tochter nicht zu einem bestimmten Essen zu überreden oder ihr ständig zu erklären, warum Sie das eine wollen und das andere nicht. Das Überreden setzt sie unter Druck, und mit den Erklärungen kann sie nicht viel anfangen. Dafür ist sie noch zu klein, sie hat hirnorganisch schlicht noch nicht die Voraussetzungen, um auf der Vernunftebene zu agieren.

Bieten Sie weiterhin geduldig verschiedene Nahrungsmittel an. Wenn ein Wutanfall kommt, spiegeln Sie die Gefühle und seien Sie empathisch: "Ich verstehe, dass du lieber das Müsli haben möchtest." Nennen Sie einen Zeitpunkt, wann sie das Müsli erwarten kann, zum Beispiel später oder morgen.

Stellen Sie ihrer Tochter in den Situationen auch Räume für Autonomie und für kleine eigene Entscheidungen zur Verfügung. So können Sie beispielsweise im Alltag zwei Vorschläge machen: "Du kannst dir die Gurke oder den Apfel aussuchen." Oder Sie können bei Übergängen wie etwa vom Spielen zum Abendessen den Raum für eigenes Handeln öffnen und sagen: "Ich gehe schon mal vor. Ich warte auf dich und freu mich, wenn du auch gleich kommst. Ich freue mich, wenn wir zusammen am Tisch sitzen." Stellen Sie so eine möglichst druckfreie und schöne Essenssituation her, damit der Schwerpunkt auf Genuss und nicht auf Stress liegt.

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Eine Mutter fragt: Ich habe eine dreijährige Tochter, die meine Beziehung immer wieder auf die Probe stellt. Ich bin häufig verzweifelt oder einfach nur erschöpft und schaffe es dann nicht mehr, liebevoll mit meinem Partner umzugehen.

Das Problem ist, dass meine Tochter den Vater häufig völlig ablehnt. Es geht so weit, dass er ihr nicht die Schuhe anziehen darf oder sie nur von mir ein Buch vorgelesen bekommen möchte. Sie schreit dann so laut und lange, bis wir nachgeben und ich mich der Sache annehme. Mein Mann hat dann keine Chance, mich irgendwie zu unterstützen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Tipps geben könnten, wie sich unser Zusammenleben wieder harmonischer gestalten lässt.

Katharina Saalfrank antwortet: Ich kann aus der Ferne nicht gut einschätzen, was Ihre Tochter im Einzelnen dazu bewegt, sich vor allem auf Sie als Mutter zu beziehen. Würden wir im direkten Gespräch sein, würde ich folgende Fragen stellen: Wie viel Zeit verbringt denn der Vater regelmäßig mit der Tochter? Wie geht es Ihnen als Paar miteinander, sind Sie sich im Moment nahe oder gibt es zwischen Ihnen viele Konflikte? Und: Trauen Sie Ihrem Partner zu, dass er mit seiner Tochter umgehen kann, oder sind Sie hier unsicher?

Ohne dass ich die Antworten auf die Fragen habe, möchte ich gerne einige Gedanken zu der von Ihnen beschriebenen Situation äußern: Ich kann nachvollziehen, dass sich Ihr Partner abgelehnt fühlt. Er scheint es nicht leicht zu haben. Sie beschreiben, dass auch Sie selbst in der eigenen Überforderung nicht mehr liebevoll auf Ihren Partner reagieren können.

Oft ist es so, dass ein Elternteil deutlich mehr Zeit mit den Kindern verbringt, sodass die Bindung zunächst intensiver ist. Das heißt nicht, dass der Vater "keine Chance" hat. Für mich klingt die beschriebene Situation insgesamt im Moment sehr druckvoll und anstrengend. So, als würden alle Beteiligten hier einen Kampf kämpfen. Ihr Mann kämpft um Anerkennung, Sie darum, dass Ihre Tochter auch den Vater "akzeptiert" und Ihre Tochter geht in Abwehr und kämpft um einen emotionalen Halt.

Hilfreich zu wissen ist an dieser Stelle: Kinder tun nie etwas gegen uns Eltern, sondern etwas für sich. Das heißt, Ihre Tochter kann gerade nicht anders. Nehmen Sie als Eltern den Druck raus. Setzen Sie sich mit Ihrem Partner zusammen und gehen Sie als Erwachsene noch mal einen Schritt zurück, senken Sie ihre Erwartungen.

Wenn Sie auf den Kontakt in genau dieser Situation beharren, entsteht Druck, und Druck erzeugt Gegendruck. Verlangen Sie nicht, dass die Tochter vom Vater Unterstützung annehmen muss. Der Vater kann in "unkomplizierten" Momenten Kontakt aufnehmen und ein Angebot machen.

Wenn kein Machtkampf in der Beziehung herrscht und Ihre Tochter sich nicht unter Druck fühlt, wird sie die Zeit mit ihrem Vater bald genießen.



insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
bandelier 13.11.2017
1. Der Esstisch war schon immer eine gute
Arena für "Machtkämpfe", denn welche Mutter erträgt schon, dass ihr Kind hungert. Die Feststellung, dass die Kleine in der Kita problemlos isst, sind ein Hinweis auf eben solche Kämpfe. Meine Söhne hatten auch Phasen, in denen sie vieles schlichtweg nicht essen wollten. Sie hatten dann die Möglichkeit, aus dem Angebotenen etwas auszuwählen oder hungrig zu bleiben, das alles jedoch ohne böse Worte oder Druck. Einer ass wochenlang nur trockene Kartoffeln. Hat es bei prächtiger Gesundheit überstanden. Grundsätzlich denke ich, wenn Kinder von Anfang an gesund ernährt werden, z.B. niemals Schokomüsli im Haus haben, gewöhnen sie sich daran und mögen es. Es braucht halt Konsequenz und starke Nerven.
Teilzeitalleinerzieherin 13.11.2017
2.
"Wenn ein Wutanfall kommt, spiegeln Sie die Gefühle und seien Sie empathisch: "Ich verstehe, dass du lieber das Müsli haben möchtest." Nennen Sie einen Zeitpunkt, wann sie das Müsli erwarten kann, z.B. später oder morgen." Also ich kenne kein Kind in dem Alter, dass die Bedeutung von später oder morgen kennt. Und selbst wenn eine nebulöse Vorstellung von Zeit und Raum vorhanden sein sollte, möchte das Kind das Müsli JETZT und nicht später. Der Rat ist somit völlig realitätsfremd.
7eggert 13.11.2017
3.
Kleiner Tip am Rande, viele Bitterstoffe zersetzen sich durch längeres Kochen. Vielleicht hilft es, die Nahrung länger bei niedrigerer Temperatur zuzubereiten, und während es auf niedrigerer Stufe köchelt oder im Backofen gart, nebenbei was Anderes zu machen. (Eieruhr stellen). Kartoffelpüree wird mit Milch und Salz wesentlich besser. Dazu eignet sich auch laktosefreie Milch, um ein Völlegefühl zu vermeiden.
chardon 13.11.2017
4. Ich frage mich
wieviele Generationen dieses "Riesenproblem" haben lösen können. Vielleicht weil an jedem Tisch Konkurrenz war, d.h. mehrere Kinder? Auch Kinder sollen das Recht haben Dinge, die ihnen nicht schmecken, nicht essen zu müssen. Erwachsene nehmen sich dieses Recht. Gesund essen ist in Deutschland inzwischen eine "Religion". Arme Kinder! Sehen die Mütter nicht wenn ihr Kind einfach launisch, störrisch ist, ein Gericht wirklich nicht mag, oder ganz einfach keinen Hunger hat? Ich glaube nicht, dass in einer deutschen Familie ein Kind verhungert, weil es so manches Mal nicht essen will. Mütter müssen nicht immer ihren Willen durchsetzen!
svki 13.11.2017
5. Bitte trage Sie eine Überschrift ein!
Also den Rückgriff auf die Evolutionsbiologie verstehe ich nicht. Es steht doch in der Anfrage, dass es in der KiTa problemlos läuft. Aber auf jeden Fall klingt die Antwort hochtrabend und verdammt wichtig. Ich warte noch ein Jahr und werde dann derartige Vorkommnisse mit dem Kleinen ausdiskutieren. Das wird ein Spaß. Für ihn.
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