Katharina Saalfrank antwortet Was tun, wenn es zu Hause keine Strafen gibt, in der Schule aber schon?

Die Strafarbeiten in der Schule widersprechen dem Erziehungsstil einer Mutter. Und eine Großmutter fragt, wie sie reagieren soll, wenn der Enkel Essen auf den Boden wirft. Katharina Saalfrank gibt Rat.

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Unsere Kinder (9 und 7) werden zu Hause grundsätzlich nicht bestraft und entwickeln sich dabei gut, sie sind in der Regel angenehme Zeitgenossen für uns, ihre Freunde, Erzieherinnen und Lehrerinnen.

Nun haben wir einen Konflikt mit der Lehrerin unseres Sohnes (7), die seit der ersten Klasse ein ausgeklügeltes System von Belohnungen und Bestrafungen (oft Entzug der eigentlich gewährten Belohnungen) einsetzt, bei dem quasi jede erledigte Aufgabe vom Stiftspitzen über Schönschrift bis zum Gesittet-die-Treppe-Heruntergehen belohnt oder bei Nichterfüllung bestraft wird. Unser Sohn redet andauernd von den drohenden Strafen und hat Angst vor der geringsten Verfehlung - so sehr, dass er oft bettelt, nicht in die Schule zu müssen.

Wenn in Abwesenheit der Lehrerin etwas vorgefallen ist, werden die Kinder stets aufgefordert, sich freiwillig zu bekennen. Das tut unser Sohn nach eigener Aussage auch dann, wenn er gar nichts gemacht hat, weil er fürchtet, er könnte übersehen haben, dass er doch irgendetwas falsch gemacht habe.

Besonders beliebt bei der Lehrerin ist es, die Kinder die Schulordnung in Auszügen abschreiben zu lassen. Ein Gespräch mit der Schulleitung und der Lehrerin hat nur ergeben, dass man es immer schon so mache und dass Belohnungssysteme besonders sinnvolle pädagogische Maßnahmen seien. Für uns ist das Ganze unerfreulich, da durch die Schule Strafen und die damit verbundene Angst davor in das Leben unseres Kindes eingedrungen sind, obwohl wir selbst immer das Ziel hatten, das Kind angst- und straffrei zu erziehen.

Zur Person
  • DPA
    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Katharina Saalfrank antwortet: Den Konflikt, den Sie beschreiben, erleben leider einige Eltern. Es gibt sogar Bücher, die Lehrern eine Art Bußgeldkatalog empfehlen, um auf Vergesslichkeit von Schülern und andere unerwünschte Verhaltensweisen in Schule und Unterricht zu reagieren. Ich kann gut nachvollziehen, dass solche Maßnahmen für Lehrer verführerisch sind, und doch sind sie aus meiner Sicht für den Lern- und Entwicklungsprozess der Kinder destruktiv. Die Beziehung zu diesen Lehrern wird von wenig Vertrauen geprägt sein.

Dabei gibt es andere wertschätzende Wege, um Konflikte mit Schülern konstruktiv zu lösen. Es ist eine Entscheidung, die jeder Einzelne für sich treffen kann - auch in unserem System. Ich bedaure, dass wir gesellschaftlich keinen Konsens über einen straffreien Umgang mit Kindern im System Kita und Schule haben, und in meiner Praxis stellt sich vor allem die Frage, wie Eltern sich konstruktiv verhalten können, wenn Kinder mit solchen Sanktionen im Schulsystem belegt werden.

Eltern sollten sich trauen, die Mechanismen anzusprechen: die empfundene Grenzüberschreitung, die Demütigung, die Abwertung und den Machtmissbrauch. Diese Mechanismen lösen bei uns allen Gefühle aus, sie machen Kinder wütend und traurig und stellen sie als Person grundsätzlich in Frage. Das können Sie thematisieren und für Ihren Sohn transparent machen. So kann er fühlen: Er wird ernst genommen, sein Gefühl stimmt und seine Eltern stehen bedingungslos an seiner Seite.

Manchmal hilft auch Humor- je nach Situation. Sie könnten die Strafmaßnahmen aus der Schule im Gespräch zum Beispiel auf die Erwachsenenwelt übertragen. So können Sie sich gemeinsam vorstellen - um in dem Beispiel der Abschreibarbeit zu bleiben -, dass nun Papa die Hausordnung abschreiben und sich sagen lassen muss, dass er den Hausschlüssel vergessen oder seine Unterlagen für die Arbeit auf dem Tisch hat liegen lassen.

Auf diese Weise bestärken Sie Ihr Kind in seiner Wahrnehmung: Ja, dein Gefühl ist richtig, das ist schmerzhaft, und es ist nicht in Ordnung, dass ein anderer Mensch dich so behandelt. So kann es dem eigenen Gefühl auf Dauer trauen und seine Grenzen wahrnehmen.

Eine Großmutter fragt: Ohne Strafen zu erziehen, ist in der Alltagspraxis oft nicht leicht. Ein banales Beispiel heute am Esstisch: Mein 13 Monate alter Enkelsohn hat vor sich klein geschnittenes Obst und Brot auf dem Teller liegen. Die ersten Stücke isst er, dann wirft er vergnügt und ein wenig provozierend immer welche auf den Boden. Das Wort Nein hält ihn nicht davon ab. Erst eine erhobene Stimme und schließlich ein kurzer Schlag auf den Tisch lassen ihn spüren, dass sein Tun nicht in Ordnung ist. Zugleich erschrickt er aber und tut mir sofort leid. Die andere Alternative ist wohl nur, ihm das Essen unmittelbar wegzunehmen.

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Ich habe als junge Mutter meist intuitiv gehandelt und nie über Erziehung nachgedacht. Inzwischen setzen sich Eltern sehr intensiv mit dem Thema auseinander. Ob das für die Kinder immer besser ist?

Katharina Saalfrank antwortet: Sie haben recht, die Umsetzung ist nicht immer leicht und tatsächlich machen sich Eltern heute viel intensiver Gedanken über ihre Rolle als Eltern und die Art und Weise, wie sie führen wollen.

Ich bin sehr froh darüber und halte das aus zwei Gründen für eine gute Entwicklung: Zum einen wissen wir heute viel mehr darüber, was kleine Menschen brauchen, um sich gut zu entwickeln. Entwicklungspsychologie, Säuglings- und Hirnforschung und auch die Evolutionsbiologie tragen dazu bei, dass wir immer differenziertere Forschungsergebnisse erhalten. Davon können wir profitieren und unsere Verantwortung als Eltern ernst nehmen, eine kindgerechte Umgebung zu schaffen und unsere Kinder entsprechend zu begleiten.

Zum anderen ist es so, dass elterliches Handeln, das aus dem Bauchgefühl heraus spontan entsteht, nicht selten durch einen Impuls ausgelöst wird, der aus selbst erlebten Bindungs- und Beziehungsmustern heraus motiviert ist. So kann es passieren, dass wir uns an verschiedenen Stellen von Kindern provoziert oder angegriffen fühlen, das Verhalten der Kinder jedoch alters- und entwicklungsgerecht ist.

Ich finde es wunderbar, dass Sie spüren, dass Ihr Enkel erschrickt, wenn Sie die Stimme erheben und auf den Tisch schlagen. Auch Ihr Mitgefühl ist wichtig. An seiner Reaktion merken Sie, dass er mit seinem Handeln nicht provozieren möchte. Im Gegenteil. Er erforscht das Essen, freut sich daran und experimentiert damit. Das entspricht total seiner Entwicklung. Er wird auch Räume erforschen, mit Topfdeckeln experimentieren und sich daran freuen, wenn Bälle besonders weit fliegen und auf- und abhüpfen.

Ihr Enkel ist in einer Phase, die von ganz viel Neugier, Ausprobieren und Freude über die vielfältigen, täglichen Erfahrungen geprägt ist. Das "Nein" hält ihn nicht ab, weil es viel zu spannend ist und weil er keine Alternative erhält.

Bitte haben Sie etwas Geduld mit Ihrem kleinen Enkel, er will Sie nicht ärgern, sondern ist im Gegenteil verwundert, dass Sie streng schauen. Er erforscht die Welt. Geben Sie sich und Ihrem Enkel ein wenig Zeit. Stellen Sie eine möglichst schöne Essenssituation her, essen Sie gemeinsam mit ihm. Sie können ihm auch ein Tellerchen hinstellen für das Essen, was er ausspuckt oder auf den Boden werfen will. Er wird es sicher annehmen. Machen Sie ihm immer wieder freundlich klar, was Sie wollen und verharren weniger bei dem, was Sie nicht wollen.

insgesamt 95 Beiträge
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stuff 18.10.2017
1. netter Versuch...
Die Diskrepanz des straffreien Elternhauses und der 'geregelten' Schule mit ihren Mechanismen zur Aufrechterhaltung der von der Schule gewünschten Ordnung ist natürlich ein Problem. Es mag aber sein, dass es die Problematik ausdrückt, die immer dann entstehet, wenn Kinder keine Grenzen kennen und dann in Systeme (Schule, Studium, Militär, Gesellschaft) kommen, die nicht der eventuell 'künstlichen', regelfreien Elternhausumwelt entsprechen. Man kann sein Kind eben nur bis zu einem gewissen Grad vor der Realität schützen. Ob dies sogar wünschenswert ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich persönlich habe immer versucht, mein Kind an die Welt zu gewöhnen, mit allem guten und schlechten darin.
ohnezweifel 18.10.2017
2. Kinder müssen lernen,
dass es ein Leben außerhalb der Familie gibt. Und das besteht nicht aus Friede, Freude, Eierkuchen. Jeder Lebensbereich ist in irgendeiner Form von Machtausübung durch andere geprägt und wenn man Kindern nicht beibringt, wie sie damit umgehen können, werden sie Probleme haben, sich in der "feindlichen" Welt zurechtzufinden.
jamsrhb 18.10.2017
3. Das ist alles nur kein Rat
Die Mutter wird bestätigt mit der totalen Straffreiheit nicht weil es sinnvoll ist, sondern weil es momentan so der Zeitgeist vorschreibt. Professoren laufen Sturm weil die jungen Menschen mit komplett aufgeblähten Egos an die Unis kommen aber sonst lebensunfähig sind, Kinderpsychiater beschreiben Kinder komplett ohne Frustrationstoleranz und schon Dreijährige mit ersten Symptomen von Narzissmus aber es wird eisern an der straffreien wohlfühl Erziehung festgehalten. Die Pädagogik muss dringendst weg von ihrer Überladung mit Weltanschauung und wieder hin zur Wissenschaft.
m.ecker 18.10.2017
4. m.ecker
Welches Wort wählen wir nun? Strafe oder Sanktion? Ich halte die Idee ein Kind frei von Strafen zu erziehen für eine romantische Idee, die vor allem den Eltern erspart konsequent zu sein. ... und ist denn die stille Treppe von Frau Saalfrank keine Sanktion? Mit der fehlenden Konsequenz gebe ich auch auf, meinem Kind Grenzen aufzuzeigen. Wie will sich ein grenzenlos erzogenes Kind im späteren Leben zurecht finden? Ich befürchte man tut Kindern damit keinen gefallen. Ich weiss wie schwierig es ist das richtige Mass zu finden und einzuhalten. Aber meine Kinder haben als junge Erwachsene nicht den Glauben an die Welt verloren, als sie zum ersten mal wegen falschem Parken bestraft wurden. Sie haben ganz einfach den Zusammenhang von Recht uns Unrecht, sowie Lob und Tadel von klein auf verstanden. Ein Apell an alle jungen Eltern, gebt Euren Kindern diese Chance.
fatfrank 18.10.2017
5. Strafen bringen etwas
Nur nicht das, was der Strafende sich wünscht, z.B. Anpassung des Verhaltens. Strafen bringen vor allem eines richtig gut: Die Reduzierung des Selbstwertgefühls (bitte nicht mit "Selbstvertrauen" verwechseln, sondern Jesper Juul lesen). Zudem: Wer Strafe und Belohnung einsetzt, korumpiert damit die eigentlichen Werte, die hinter einem Verhalten stehen. Irgendwann werden die Belohnten (das gilt für Erwachsene gleichermaßen wie für Kinder oder Jugendliche) die erwünschten Dinge nur noch wegen der Belohnung tun, nicht mehr aus dem eigentlichen Wert heraus (sehr lesenswert hierzu: Michael Sandel "Was man für Geld nicht kauden kann"). Frage ist dann natürlich: Wollen wir solche Kinder oder Mitmenschen haben, die nur Ja-und-Amen sagen, aus Angst etwas "falsch" zu machen oder bestraft zu werden? Wenn ja, gerne weiter strafen. Wenn nein: Gut überlegen, welchen "Preis" in der Erziehung wir bereit sind zu zahlen (ja, es ist anstrengender, NICHT zu strafen und NICHT zu belohnen), um selbstbewusste Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl zu bekommen. Das wollen wir doch alle, oder?
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