Zunahme von Zwillingsgeburten: Mehr Glück im Doppelpack

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2. Teil: Lesen Sie hier, warum ältere Frauen eher Zwillinge bekommen und warum Zwillingsmütter besonders stark sind

Glück im Doppelpack: Wie Gene, Alter, Gewicht und Hormone die Fortpflanzung beeinflussen Fotos
dapd

Das Alter der Mütter

Ein weiterer wichtiger Faktor für die wachsende Zahl von Zwillingsschwangerschaften in Deutschland und anderen Industrienationen ist das steigende Alter der Mütter. Paradox dabei ist: Je älter eine Frau ist, desto unwahrscheinlicher wird sie schwanger, aber desto wahrscheinlicher bekommt sie Zwillinge.

Mediziner wissen heute, dass Frauen mit zunehmendem Alter öfter zwei Eisprünge gleichzeitig pro Zyklus haben. Sie vermuten Veränderungen im hormonellen Regelkreislauf als Ursache: Es gibt Hinweise darauf, dass die Menge des sogenannten Follikelstimulierenden Hormons (FSH), das die Eizellreifung anregt, in der Endphase des reproduktiven Lebens ansteigt und seine natürliche Konzentrationskurve ändert. Das führt dazu, dass die sogenannte Schwellendosis, die einen einzelnen Eisprung auslöst, mitunter überschritten wird, schreibt Reproduktionsmediziner Krüssel in einem Übersichtsartikel in "Der Gynäkologe". Liegen zwei sprungreife Follikel vor, steige die Wahrscheinlichkeit für eine Zwillingsschwangerschaft.

Gewicht und Größe

Neben dem Alter der Frau scheinen auch ihr Gewicht und ihre Größe Einfluss darauf zu haben, ob sie mit Zwillingen schwanger wird. US-Forscher haben die Zwillingsraten von Frauen zwischen 1959 und 1966 untersucht - also bevor es künstliche Befruchtungen gab. Ihren Ergebnissen zufolge stieg die Chance für eine Zwillingsschwangerschaft mit zunehmendem Body-Mass-Index (BMI) und war am höchsten bei fettleibigen Frauen mit einem BMI von über 30. Auch besonders große Frauen bekommen den Resultaten zufolge eher Zwillinge.

Vor dem Hintergrund, dass es weltweit anderthalb Milliarden übergewichtige Menschen gibt und 500 Millionen sogar fettleibig sind, könnte auch diese Entwicklung zu der Zunahme von Zwillingen beitragen. Um den Zusammenhang definitiv zu belegen wären allerdings noch weitere Studien notwendig.

Die körperliche Fitness

Während übergewichtige Frauen ein größeres Risiko für Folgekrankheiten haben, hat eine in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society B" publizierte Untersuchung von US-Forschern auf einen anderen Trend hingewiesen: Demnach sind Frauen, die Zwillinge bekommen, insgesamt gesünder als andere Mütter. Sie leben länger, bekommen mehr Kinder als erwartet, diese schneller hintereinander und über einen längeren Zeitraum hinweg als ihre Geschlechtsgenossinnen. "Zwillinge zu bekommen, macht die Frauen nicht stärker", fasst Studienautorin Shannen Robson, Anthropologin an der University of Utah, ihre Ergebnisse zusammen, "sondern stärkere Frauen bekommen eher Zwillinge."

Die Gene

Zudem spielt auch die Vererbung eine entscheidende Rolle: Zweieiige Zwillinge kommen familiär gehäuft vor. Die Schwester einer Zwillingsmutter etwa hat eine doppelt so große Chance, zwei Kinder gleichzeitig zu bekommen, wie der Rest der weiblichen Bevölkerung. Da es sich um die Veranlagung handelt, dass zwei oder mehrere Eizellen in einem Zyklus heranreifen und springen, wird diese Prädisposition ausschließlich über die Frauen vererbt - und nicht, wie oft vermutet, über die Männer.

Die Hightech-Medizin

Nicht zuletzt tragen die medizinischen Fortschritte dazu bei, dass die Zahl der Zwillinge steigt. So können Ärzte im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge Auffälligkeiten per Ultraschall oder Labortest erkennen. Droht etwa eine Frühgeburt, so bekommt die werdende Mutter Kortikoide gespritzt, die die Lungenreifung der ungeborenen Kinder fördern. Zudem muss die Schwangere Bettruhe halten. Auch Lasereingriffe können das Leben der Kinder retten.

Das Ensemble der Maßnahmen fruchtet: Während laut statistischem Bundesamt im Jahr 1950 noch 48 von 1000 geborenen Mehrlingen tot zur Welt kamen, waren es im Jahr 2010 nur acht.

Auch die anschließende intensivmedizinische Versorgung ist deutlich besser geworden: Das Risiko einer Frühgeburt vorm Ende der 37. Schwangerschaftswoche ist bei Zwillingen deutlich höher - auch wenn die durchschnittliche Schwangerschaftsdauer mittlerweile bei 38 Wochen liegt. Doch durch Schutz vor Keimen, durch sanfte Atemunterstützung und Inkubatoren, in denen die Frühchen warmgehalten werden, sind die Überlebenschancen gestiegen. Mitunter gelingt es Ärzten in Einzelfällen sogar, Kinder zu retten, die weniger als 23 Wochen im Bauch der Mutter heranwuchsen.

Ernährung und Glaube

In Nigeria ist das alles anders: Hightech gibt es hier nicht, die hygienischen Bedingungen sind oft schlecht, die Lebenserwartung gering. Dennoch leben in dem westafrikanischen Land viel mehr Zwillinge als in Europa. Das kleine Dorf Igbo-Ora etwa wird als "Hauptstadt der Zwillinge" bezeichnet, hier gibt es kaum eine Familie, in der keine Zwillinge aufwachsen. Viele Einheimische glauben, dass die Ernährung verantwortlich ist: In der Yams-Wurzel, die in verschiedenen Formen zum üblichen Speiseplan zählt, sind Substanzen enthalten, die dem weiblichen Hormon Progesteron ähneln. Das Hormon wird in der Naturheilkunde allerdings sowohl zur Empfängnisverhütung als auch bei Kinderwunsch eingesetzt. Wissenschaftlich wurden solche Zusammenhänge bislang nicht belegt. US-Forscher haben allerdings Hinweise darauf gefunden, dass in Nahrungsmitteln wie Fleisch enthaltene Wachstumsfaktoren möglicherweise die Entstehung einer Zwillingsschwangerschaft beeinflussen.

Doch auf die Wissenschaft kommt es den Einheimischen von Igbo-Ora nicht so sehr an. Viele Frauen in der Region wünschen sich, zwei Kinder auf einmal zu bekommen, denn eines steht unter den Gläubigen hier fest: Zwillinge sind ein Geschenk Gottes.

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creisip 03.02.2013
Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Zwillingsforschung, doch halte ich die Behauptung, dass die genetische Veranlagung, dass zwei oder mehrere Eizellen in einem Zyklus heranreifen und springen, ausschließlich über Frauen vererbt wird, für falsch. Zwar kann die Entstehung eines Zwillingspaares nicht direkt vom Vater beeinflusst werden, denn dazu müssen ja mehr als eine Eizelle springen und das hängt allein von der Mutter ab. Doch die Gene dafür kann ein Vater sehr wohl an seine Töchter vererben. Denn abgesehen von dem mitochondrialen Genom, gibt ein Vater den gleichen Satz an Chromosomen und damit die gleichen Gene wie die Mutter an seine Töchter weiter. Umgekehrt hat er auch den gleichen Satz von seiner Mutter bekommen wie seine Schwestern. Möglicherweise gibt ein Vater die Veranlagung nicht an seine Söhne weiter, denn die erhalten statt eines X ein Y von ihm. Und eventuell befinden sich die verantwortlichen Gene auf diesem Chromosom.
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Entwicklungsformen von Zwillingen
Eineiig (monozygot)

Für Wissenschaftler sind eineiige Paare besonders deshalb interessant, weil sie einen Einblick erlauben, auf welche Art die Gene den Menschen prägen und wie stark Umgebung, Erziehung, Ernährung und Erfahrungen seine Entwicklung beeinflussen.

Monozygote Zwillinge kommen mit einer konstanten Wahrscheinlichkeit von 4:1000 zur Welt. Vor der Einnistung in die Gebärmutter teilen sich bei eineiigen Zwillingen 70 Prozent der befruchteten Eizellen so, dass zwei Embryos mit jeweils eigener Nabelschnur und Fruchtblase und eigenem Mutterkuchen entstehen.

In fast jedem dritten Fall aber haben die entstandenen Embryonen zwar eigene Eihäute, teilen sich aber einen Mutterkuchen. Gibt es dann in der Plazenta Querverbindungen zwischen den Gefäßen, besteht die Gefahr des sogenannten fetofetalen Transfusionssyndroms: Der eine Zwilling bekommt zu viel Blut, der andere zu wenig. Diese Kinder haben noch eine Überlebenschance, wenn bei einem vorgeburtlichen Eingriff Fruchtwasser abgelassen wird, Gefäße mit Laser verödet werden oder die Schwangerschaft frühzeitig beendet wird.

Zweieiig (dizygot)
Zweieiige Zwillinge entstehen, wenn die Mutter in einem Zyklus zwei Eisprünge hat und beide Eizellen von je einem Spermium befruchtet werden. Diese dizygoten Kinder sind sich nicht ähnlicher als andere Geschwister, sie teilen sich etwa die Hälfte ihres Erbguts. In sehr seltenen Fällen können die Kinder sogar zwei verschiedene Väter haben, wenn die Mutter innerhalb der fruchtbaren Zeit mit zwei Männern Sex hatte - die Wissenschaft spricht dann von Stiefzwillingen. Zweieiige Zwillinge kommen familiär gehäuft vor, vermutlich handelt es sich um einen autosomal dominanten Erbgang, der über die Mutter vererbt wird.
Siamesische Zwillinge
Teilt sich ein Embryo erst zwei Wochen nach der Befruchtung der Eizelle, können sich die Erbanlagen nicht mehr komplett teilen - die Embryos bleiben miteinander verbunden. Die fehlerhafte Verbindung kann Haut, Knochen und Muskeln betreffen, die entstehenden Kinder können sich aber auch Organe teilen. Sind die Zwillinge überlebensfähig, können sie in Abhängigkeit davon, wie sie miteinander verbunden sind, nach der Geburt chirurgisch getrennt werden - mit teilweise erheblichen Risiken. Früher traten siamesische Zwillinge mitunter als Jahrmarktattraktion auf, wie etwa die Schauspielerinnen Daisy und Violet Hilton, die im 20. Jahrhundert zunächst von ihrer Adoptivfamilie zur Schau gestellt wurden und später auf eigene Initiative öffentlich auftraten.

Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
SPIEGEL TV
Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.