Zunahme von Zwillingsgeburten: Mehr Glück im Doppelpack

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Ist allein künstliche Befruchtung dafür verantwortlich, dass es immer mehr Zwillinge gibt? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Auch die Gene, das Alter der Mutter, ihr Gewicht und ihre Fitness spielen eine Rolle.

Glück im Doppelpack: Wie Gene, Alter, Gewicht und Hormone die Fortpflanzung beeinflussen Fotos
dapd

Kennen Sie jemanden, der Zwillinge hat, bekommt oder selbst Zwilling ist? Höchstwahrscheinlich ja. Und haben Sie auch den Eindruck, dass immer mehr Kinder im Doppelpack unterwegs sind und häufiger Zweier-Kinderwagen über den Gehweg geschoben werden? Ihr Gefühl trügt nicht. Bekamen in Deutschland 1977 noch neun von 1000 Frauen zwei Kinder auf einmal, waren es im vergangenen Jahr doppelt so viele.

Der Grund sind die künstlichen Befruchtungen, werden Sie vielleicht sagen, und auch da haben Sie Recht - aber nur bedingt. Denn längst nicht alle Zwillingsgeburten gehen in Deutschland auf IVF (In-vitro-Fertilisation) oder ICSI (Intracytoplasmatische Spermiuminjektion) zurück: Tatsächlich verdanken weniger als 16 Prozent der Zwillingseltern ihren Kindersegen dem Reagenzglas.

Warum aber kommen immer mehr Kinderpaare zur Welt? Spielt die Ernährung eine Rolle oder sind die Gene verantwortlich? Und warum gibt es in der "Hauptstadt der Zwillinge" in Nigeria kaum eine Familie, in der keine Zwillinge aufwachsen?

Die Laune der Natur

In den meisten Fällen entstehen Zwillinge auf natürlichem Weg: Nach der sogenannten Hellin-Regel trägt eine von 85 Schwangeren zwei Kinder aus, eine von 85² Drillinge (1:7225) und eine von 85³ Schwangeren (1:614.125) Vierlinge. Tatsächlich liegen die Zahlen allerdings deutlich höher.

Für eine genauere Betrachtung ist die Unterscheidung zwischen eineiigen (monozygoten) und zweieiigen (dizygoten) Zwillingen wichtig: Monozygote entstehen, wenn sich eine bereits befruchtete Eizelle in zwei Embryonalanlagen teilt - eine Laune der Natur. So können auch eineiige Drei- oder gar Vierlinge entstehen, alle tragen das gleiche genetische Material. Eineiige Zwillinge machen derzeit etwa ein Viertel aller in Deutschland geborenen Zwillinge aus, sie kommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 4:1000 zur Welt - die Rate ist seit Jahrzehnten konstant.

Zweieiige Zwillinge hingegen werden immer häufiger geboren. Genetisch gesehen sind zweieiige Zwillinge einander nicht ähnlicher als nacheinander geborene Geschwister, statistisch teilen sie sich also die Hälfte ihres Erbguts. Sie entstehen, wenn eine Frau in einem Zyklus zwei Eisprünge hat und beide Eizellen von je einem Spermium befruchtet werden. Wenn Sie einer Zwillingsmutter mit einem Jungen und einem Mädchen begegnen, können Sie sich also die Frage sparen, ob die beiden eineiig sind.

Die künstliche Befruchtung

In etwa jedem sechsten Fall kommen zweieiige Zwillinge zur Welt, weil das Elternpaar nicht auf natürlichem Weg Kinder zeugen konnte und die Eizellen der Frau künstlich befruchten lässt. In der Regel entstehen dabei mehrere Embryonen, bis zu drei dürfen in Deutschland implantiert werden. Doch je mehr Kinder gleichzeitig im Bauch der Mutter heranwachsen, desto kleiner ist die Überlebenschance der Babys und desto größer die Belastung für die Mutter. Inzwischen tendieren Ärzte dazu, nur ein oder zwei Embryonen einzusetzen - allerdings sinkt dadurch auch die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft.

Seit 2000 ist der Anteil der Drillingsgeburten nach IVF oder ICSI dem Deutschen IVF-Register (DIR) zufolge dadurch von über 5,5 Prozent auf 2,1 Prozent im Jahr 2010 gefallen.

Die Hormontherapie

In vielen Fällen - genaue Zahlen liegen Ärzten nicht vor - entstehen Zwillingsschwangerschaften nach Hormongaben, die den Eisprung der Frau stimulieren sollen. Weit größer als bei der künstlichen Befruchtung ist hier das Problem der sogenannten höhergradigen Schwangerschaften mit drei oder mehr Kindern. "Die Dosis der Hormongabe hängt zwar in der Theorie direkt mit der Stärke der Follikelstimulation zusammen", sagt Jan Krüssel, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. "Aber es gibt auch Fälle, in denen unerwartet vier oder sogar mehr Eizellen heranreifen." Um eine solche Hochrisiko-Schwangerschaft zu vermeiden, lassen sich viele Frauen nach Hormongaben regelmäßig per Ultraschall untersuchen. "Wenn wir sehen, dass vier Eizellen befruchtet werden können, raten wir dem Paar dringend, auf Geschlechtsverkehr zu verzichten", erklärt Krüssel.

Es existieren nicht überprüfbare Berichte, nach denen Frauen zehn Kinder geboren haben sollen. Bestätigt ist, dass bereits mehrfach Neunlinge zur Welt kamen, die jedoch nach der Geburt starben. In den USA hat eine Frau im Jahr 2009 Achtlinge geboren, die sechs Jungen und zwei Mädchen überlebten alle.

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1. optional
creisip 03.02.2013
Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Zwillingsforschung, doch halte ich die Behauptung, dass die genetische Veranlagung, dass zwei oder mehrere Eizellen in einem Zyklus heranreifen und springen, ausschließlich über Frauen vererbt wird, für falsch. Zwar kann die Entstehung eines Zwillingspaares nicht direkt vom Vater beeinflusst werden, denn dazu müssen ja mehr als eine Eizelle springen und das hängt allein von der Mutter ab. Doch die Gene dafür kann ein Vater sehr wohl an seine Töchter vererben. Denn abgesehen von dem mitochondrialen Genom, gibt ein Vater den gleichen Satz an Chromosomen und damit die gleichen Gene wie die Mutter an seine Töchter weiter. Umgekehrt hat er auch den gleichen Satz von seiner Mutter bekommen wie seine Schwestern. Möglicherweise gibt ein Vater die Veranlagung nicht an seine Söhne weiter, denn die erhalten statt eines X ein Y von ihm. Und eventuell befinden sich die verantwortlichen Gene auf diesem Chromosom.
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Entwicklungsformen von Zwillingen
Eineiig (monozygot)

Für Wissenschaftler sind eineiige Paare besonders deshalb interessant, weil sie einen Einblick erlauben, auf welche Art die Gene den Menschen prägen und wie stark Umgebung, Erziehung, Ernährung und Erfahrungen seine Entwicklung beeinflussen.

Monozygote Zwillinge kommen mit einer konstanten Wahrscheinlichkeit von 4:1000 zur Welt. Vor der Einnistung in die Gebärmutter teilen sich bei eineiigen Zwillingen 70 Prozent der befruchteten Eizellen so, dass zwei Embryos mit jeweils eigener Nabelschnur und Fruchtblase und eigenem Mutterkuchen entstehen.

In fast jedem dritten Fall aber haben die entstandenen Embryonen zwar eigene Eihäute, teilen sich aber einen Mutterkuchen. Gibt es dann in der Plazenta Querverbindungen zwischen den Gefäßen, besteht die Gefahr des sogenannten fetofetalen Transfusionssyndroms: Der eine Zwilling bekommt zu viel Blut, der andere zu wenig. Diese Kinder haben noch eine Überlebenschance, wenn bei einem vorgeburtlichen Eingriff Fruchtwasser abgelassen wird, Gefäße mit Laser verödet werden oder die Schwangerschaft frühzeitig beendet wird.

Zweieiig (dizygot)
Zweieiige Zwillinge entstehen, wenn die Mutter in einem Zyklus zwei Eisprünge hat und beide Eizellen von je einem Spermium befruchtet werden. Diese dizygoten Kinder sind sich nicht ähnlicher als andere Geschwister, sie teilen sich etwa die Hälfte ihres Erbguts. In sehr seltenen Fällen können die Kinder sogar zwei verschiedene Väter haben, wenn die Mutter innerhalb der fruchtbaren Zeit mit zwei Männern Sex hatte - die Wissenschaft spricht dann von Stiefzwillingen. Zweieiige Zwillinge kommen familiär gehäuft vor, vermutlich handelt es sich um einen autosomal dominanten Erbgang, der über die Mutter vererbt wird.
Siamesische Zwillinge
Teilt sich ein Embryo erst zwei Wochen nach der Befruchtung der Eizelle, können sich die Erbanlagen nicht mehr komplett teilen - die Embryos bleiben miteinander verbunden. Die fehlerhafte Verbindung kann Haut, Knochen und Muskeln betreffen, die entstehenden Kinder können sich aber auch Organe teilen. Sind die Zwillinge überlebensfähig, können sie in Abhängigkeit davon, wie sie miteinander verbunden sind, nach der Geburt chirurgisch getrennt werden - mit teilweise erheblichen Risiken. Früher traten siamesische Zwillinge mitunter als Jahrmarktattraktion auf, wie etwa die Schauspielerinnen Daisy und Violet Hilton, die im 20. Jahrhundert zunächst von ihrer Adoptivfamilie zur Schau gestellt wurden und später auf eigene Initiative öffentlich auftraten.

Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
SPIEGEL TV
Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.