Angst vor der Sterilisation: Schnipp, schnapp
Manche Männer lassen sich die Samenleiter durchtrennen - eine sichere Verhütungsmethode. Für andere ist eine Vasektomie unvorstellbar. Kolumnist Frederik Jötten erleidet Höllenqualen als ein Freund nur von seiner Operation erzählt.
Ich kann es immer noch nicht glauben: Er hat es wirklich getan. Ein Freund, den ich hier Thomas nenne, hat sich sterilisieren lassen. "Die Vasektomie ist keine große Sache", sagte er, 37, verheiratet, zweifacher Vater, zwei Wochen vor seiner Operation.
Man merkte, dass er sich gut informiert hatte. "Am Hodensack werden zwei kleine Schnitte gemacht und die Samenleiter durchgeschnitten " "Uuhh, aahhh", stöhnte ich und rollte mich auf dem Sofa so zusammen, dass kein Arzt meine Weichteile hätte erreichen können. Schon die Vorstellung, dass jemand in meinem Schritt mit dem Skalpell hantieren könnte, löste bei mir Schmerzen aus. "Bist du wahnsinnig?", brüllte ich. "Du lässt dir freiwillig die H-O-D-E-N aufschneiden? Ich würde mir nie freiwillig irgendetwas aufschneiden lassen - schon gar nicht ein so sensibles Körperteil!"
Er grinste. "Schnipp, schnapp - und ich muss mir nie wieder Gedanken um die Verhütung machen. "
"Man kann auch ohne Blutvergießen verhüten - ziemlich viele Menschen machen das erfolgreich."
"Wir auch", sagte er. "Aber wir sind ein bisschen nachlässig geworden. Und wir wollen ganz sicher keine Kinder mehr."
"Aber schon heute ist 50 das neue 30 - was, wenn bald 80 das neue 40 ist?", sagte ich. "Deine glückliche Ehe in allen Ehren - aber man weiß nie, was das Leben noch bringt."
"Ich schon, zumindest in einer Hinsicht", antwortete er. "Mit der Reproduktion bin ich durch." Ich versuchte noch eine Weile, ihn von seiner Entscheidung abzubringen, dann sagte Thomas: "Komm, du hast einfach nicht die Eier für eine Vasektomie." Da mussten wir beide lachen, und ich gab auf.
Als ich ihn am Nachmittag nach seiner Operation anrief, hörte es sich allerdings nicht mehr nach einfachem Schnippschnapp an. "Die OP hat fast zwei Stunden gedauert", ächzte er, normal wären 30 Minuten gewesen. "Meine Samenleiter waren schlecht zu finden, weil ich als Kind Leistenbrüche hatte, die stark vernarbt sind."
"Noch können Sie es sich anders überlegen"
Thomas war lokal betäubt und der Arzt musste also ganz schön wühlen in seinem Unterleib, bis er den ersten von zwei Samenleitern gefunden hatte. Er schnitt ihn durch und sagte zu Thomas: "Noch können Sie es sich anders überlegen - wenn ich Ihnen den zweiten nicht durchtrenne, bleiben Sie zu 88 Prozent zeugungsfähig." Dann vertiefte sich der Arzt wieder in Thomas Unterleib und sprach für eine Stunde kein Wort mehr. Irgendwann fragte Thomas schon etwas besorgt: "Finden Sie den zweiten Samenleiter nicht?"
"Doch, den habe ich vor fünf Minuten durchtrennt", antwortete der Arzt.
"Jetzt hatte ich es mir gerade anders überlegt!", sagte Thomas. Er hätte besser auf den Scherz verzichtet. Denn der Arzt schüttelte sich vor Lachen.
"Machen Sie solche Späße nicht", sagte er. "Jetzt habe ich Ihnen aus Versehen in den Hoden gestochen - ich mache Ihnen ein Pflaster drauf."
Dann war die OP vorbei, Thomas konnte nach Hause gehen. Wir telefonierten kurz, er war erschöpft, aber es ging ihm gut - bis die Betäubung nachgelassen hatte. Dann kamen die Schmerzen, Fieber - und geschwollene Hoden. "Stell dir zwei blaue Tennisbälle vor", stöhnte er am Telefon, als ich ihn anrief. "Ich kann nicht mehr im Sitzen pinkeln, zu dick, die Dinger." "Oh Gott, das hört sich scheußlich an ." Mir war allein bei der Vorstellung nach Übergeben zumute, aber ich musste mich beherrschen und Trost spenden.
Wir googelten gemeinsam, verbunden über die Telefonleitung. Im Internet war von Blutvergiftungen nach Vasektomien die Rede. "Stand heute kann ich die Operation nicht empfehlen", grummelte er. Doch in den nächsten Tagen besserte sich seine Laune. Fieber und Hodenschwellung gingen zurück, von Blutvergiftung war keine Rede mehr. "Sex hatte ich schon wieder - alles bestens", sagte er.
Dann erzählte er vom Geburtstag seines Nachbarn, bei dem Familien mit kleinen Kindern zu Gast waren. Ein zweijähriger Junge beugte sich über das Gehege mit den Kaninchen und schlug auf sie ein. "Nicht die Kaninchen schlagen!", rief Thomas. Und der Junge antwortete: "Warum?" Da habe er gewusst, dass er sich richtig entschieden habe. "Ich bin jetzt raus aus der Kinderlotterie", sagte er.
Ich hoffe, er sieht das in 20 Jahren noch genauso. Zum Glück gibt es noch andere zuverlässige Verhütungsmethoden. Ich jedenfalls kann gar nicht so viele Kinder zeugen, als dass ich bei mir eine Vasektomie machen lassen würde.
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- Wir machen uns frei: Alle Kolumnen
- Frederik Jötten ist Parasitologe, Singer-Songwriter und Reporter. Er schreibt über Gesellschaft, Wissenschaft und Medizin. Mit seinem Körper kennt er sich besser aus als jeder Arzt, behauptet er. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Ärzte seinen Selbstdiagnosen nicht folgen wollen, weil sie entweder keine Ahnung oder ausnahmsweise doch mal recht haben. Musikalben veröffentlicht er unter dem Namen Fred Erikson.
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