Prozess gegen Bayer Wie gefährlich sind die neuen Antibabypillen?

Durch einen Prozess rückt eine seltene, aber dramatische Nebenwirkung von Antibabypillen ins Bewusstsein: Blutgerinnsel, die schlimmstenfalls zum Tod führen können. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Antibabypille: "Keine Lifestyle-Produkte, sondern Arzneimittel"
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Antibabypille: "Keine Lifestyle-Produkte, sondern Arzneimittel"

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2009 erlitt Felicitas Rohrer eine Lungenembolie, sie hatte einen Herzstillstand, war klinisch tot. Die sportliche, damals 25 Jahre alte Nichtraucherin nahm die Antibabypille "Yasminelle" von Bayer ein. Nun verhandelt das Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen ihre Klage gegen den Pharmakonzern.

Die Frage lautet: Hat Bayer damals ausreichend vor dem Risiko eines Blutgerinnsels gewarnt? Es wird durch diese Pille stärker erhöht als durch andere, ältere Präparate.

Rohrer sagt, sie hätte "Yasminelle" nie genommen, wenn sie von der gesteigerten Gefahr gewusst hätte. Man rechnet mit einem langen Verfahren. Der Versuch, eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen, ist bereits gescheitert.

Inzwischen wird bei Präparaten, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, deutlicher auf das Risiko hingewiesen. Auch andere neue Pillen bringen gegenüber den älteren Präparaten der 2. Generation diese erhöhte Gefahr mit sich.

Viele Tausende Frauen in Deutschland nehmen solche Pillen. Was bedeutet das für jede einzelne von ihnen? Ein Überblick.

Gefährliche Blutgerinnsel

Blutgerinnsel, auch Thrombosen genannt, sind problematisch, weil sie Gefäße verstopfen können, sodass Organe oder der ganze Körper keinen überlebenswichtigen Sauerstoff mehr erhalten. Bei einer tiefen Venenthrombose droht die Gefahr einer Lungenembolie: Löst sich das Gerinnsel in der Vene, gelangt es mit dem Blutfluss übers Herz in die Lunge und verstopft dort ein Gefäß. Im schlimmsten Fall kann dies tödlich enden. Ebenso kann eine Thrombose zu einem Schlaganfall führen, wenn das Blutgerinnsel die Sauerstoffversorgung des Gehirns behindert.

Wie hoch ist das Risiko?

Ein 2014 veröffentlichter Rote-Hand-Brief nennt folgende Zahlen zum Pillen-Risiko:

Risiko tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien bei Einnahme von Pillen mit folgenden Gestagenen (kombiniert mit Östrogen)

Gestagen Geschätze Fälle pro 10.000 Frauen pro Jahr
Nichtschwangere, die keine Pille nehmen 2
Levonorgestrel 5 bis 7
Norgestimat 5 bis 7
Norethisteron 5 bis 7
Etonogestrel 6 bis 12
Norelgestromin 6 bis 12
Drospirenon 9 bis 12
Desogestrel 9 bis 12
Gestoden 9 bis 12
Chlormadinonacetat noch unklar
Dienogest noch unklar
Nomegestrolacetat noch unklar
Was man an dieser Stelle auch sagen muss: Eine Schwangerschaft erhöht das Thrombose-Risiko stärker, als es Pillen tun. Auf 10.000 Entbindungen kommen demnach fünf bis zwölf Thromboembolien von Schwangeren sowie drei bis sieben Fälle innerhalb der ersten sechs Wochen nach der Geburt, heißt es etwa auf der Seite der Uniklinik Tübingen.

Insgesamt ist das Risiko durch die hormonelle Verhütung also gering. Es handelt sich jedoch auch um schwere, teils lebensgefährliche Nebenwirkungen. Sie können Folgen haben, die ein Leben lang zu spüren sind. Felicitas Rohrer etwa betont, dass sie nun dauerhaft einen Blutverdünner nehmen müsse, weshalb sie eine Schwangerschaft vermeiden sollte.

Welche Pillen werden jungen Frauen empfohlen?

Im Rote-Hand-Brief heißt es: Bei der Verordnung einer Pille sollen Ärzte die Risikofaktoren jeder Frau sowie die Unterschiede zwischen den einzelnen Präparaten berücksichtigen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) rät sogar, insbesondere Erstanwenderinnen und Frauen unter 30 Jahren bevorzugt Pillen mit Levonorgestrel zu verschreiben.

Außerdem sollen Frauen über die wichtigsten Anzeichen von Thrombosen und Embolien aufgeklärt werden.

Das Bfarm betont, wie wichtig das Arztgespräch gerade dann ist, wenn junge Frauen gezielt nach einer bestimmten Pille fragen, ohne sich mit den Risiken beschäftigt zu haben: "Hier muss die ärztliche Beratung in besonderer Weise darauf abzielen, dass Verhütungspillen keine Lifestyle-Produkte sind, sondern Arzneimittel, die mit Risiken verbunden sein können."

Symptome, bei denen umgehend ein Arzt aufgesucht werden sollte:
Anzeichen für eine tiefe Beinvenenthrombose
Starke Schmerzen oder Schwellungen eines Beins, die begleitet sein können von Druckschmerz, Erwärmung oder Änderung der Hautfarbe des Beins, zum Beispiel aufkommende Blässe, Rot- oder Blaufärbung.
Anzeichen für eine Lungenembolie
Plötzliche unerklärliche Atemlosigkeit / Atemnot oder schnelle Atmung; starke Schmerzen in der Brust, welche bei tiefem Einatmen zunehmen können; plötzlicher Husten ohne offensichtliche Ursache, bei dem Blut ausgehustet werden kann.
Anzeichen für einen Herzanfall
Brustschmerz (meist plötzlich auftretend), aber manchmal auch nur Unwohlsein, Druck, Schweregefühl, vom Oberkörper in den Rücken, Kiefer, Hals und Arm ausstrahlende Beschwerden, zusammen mit einem Völlegefühl, Verdauungsstörungen oder Erstickungsgefühl, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen oder Schwindelgefühl.
Anzeichen für einen Schlaganfall
Schwäche oder Taubheitsgefühl des Gesichtes, Arms oder Beins, die auf einer Köperseite besonders ausgeprägt ist; Sprach-oder Verständnisschwierigkeiten; plötzliche Verwirrtheit; plötzliche Sehstörungen oder Sehverlust; schwerere oder länger anhaltende Kopfschmerzen/ Migräne.
Quelle: "Wichtige Informationen über kombinierte hormonale Kontrazeptiva"
Diese Information für Anwenderinnen ist auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu finden. "Insbesondere bei der Erstverschreibung sollte die Checkliste verwendet, sowie die Patientinnenkarte den Anwenderinnen ausgehändigt werden", schreibt das Bfarm.

Also sofort die Pille wechseln?

Nicht zunehmen, bessere Haut: Wegen dieser Versprechen haben sich viele Frauen für die neueren Pillen entschieden. Sollen alle, die zum Beispiel eine Drospirenon-haltige Pille nehmen und sich jetzt sorgen, auf ein anderes Präparat umsteigen? Nein - das sei nicht notwendig, wenn bisher keine Probleme bei der Anwendung aufgetreten seien, heißt es im Rote-Hand-Brief.

Der Hintergrund dafür: Das Blutgerinnsel-Risiko ist vor allem im ersten Jahr der Einnahme erhöht. Das gilt übrigens auch, wenn eine Frau nach einer längeren Pillenpause wieder hormonell verhütet.

Welche Pille bekommen junge Frauen zuerst verschrieben?

Der "Pillenreport", der sich auf Daten der Techniker Krankenkasse stützt, zeigt: Den Mädchen und jungen Frauen bis 19 Jahren werden häufiger neue Pillen verordnet als ältere Levonorgestrel-haltige Präparate. Von den 19-jährigen Versicherten nehmen knapp drei Viertel eine Antibabypille. Und bei so vielen Anwenderinnen treten eben auch sehr seltene Nebenwirkungen immer wieder auf.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
klugscheißer2011 17.12.2015
1. Behörden versagen
Dieser Pille hätte schon längst die Zulassung entzogen werden müssen. Aber offenbar will das Gesundheitsministerium von Herrn Gröhe der Pharma-Lobby nicht ans Bein pinkeln. Wenn es sonst darum geht, Ärzte und Kliniken mit Verordnungen, engen Budgets und Bürokratie zu gängeln, sind Ministerium und MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) schnell zur Stelle. Hier aber versagen sie total. Ein Skandal ist das. Dass die Klägerin den Prozess gewinnt, daran habe ich keine Zweifel. Die Zahlung von insesa,t 1,9 Mrd US-Dollar an 9000 Geschädigte in den USA durch Bayer ist für mich Schuldeingeständnis genug. Der Prozess aber ist das eine, die Verantwortung von Politik und Beamten der Behörden das andere.
lemmy 17.12.2015
2.
Das war und ist skandalös. Die Aufklärung über das hochgefährliche Drospirenon fand weder durch den Konzern statt, noch durch Ärzte und Apotheker. In den USA sah das völlig anders aus. Hoffentlich kriegt Bayer ordentlich eins auf die Mütze für ihr geradezu kriminelles Vorgehen und Versagen ! Und hoffentlich gehen die Ärzte jetzt verantwortungsvoller und umsichtiger mit der Verschreibung der Pille um.
crazy_swayze 17.12.2015
3.
Eine Schwangerschaft birgt eine höhere Thrombose-Wahrscheinlichkeit als das Einnehmen dieses Medikamentes. Somit ist die Einnahme des Verhütungsmittels ipso facto besser. Der Zusatznutzen der neuen Pille ist offenbar auch gegeben - er ist zwar rein kosmetisch (bessere Haut und keine Gewichtszunahme), allerdings ist das beim Klientel Frau offenbar auch ein entscheidendes Kriterium, wie wir alle tagtäglich beobachten können.
SchneiderG 17.12.2015
4.
Grundsätzlich bin ich mit der Meinung, daß Pillen und Medizin im allgemeinen ausreichend getestet sein sollte um Risiken für Leib und Seele auszuschliesen. Anderseits hat die Sucht täglich seine Pille für jeden noch so unwichtigen Mist, und tatsächliche und eingebildete Wehwechen, einzuwerfen in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen. Zur Antibabypille gibt es einige Alternativen, aber wie schon geschrieben, ausnutzen der Zusatzeffekte "schönere Haut, etc." und ebenso ignorierte unerwünschte Nebenwirkungen, sind ein willkommener Anlaß und Entschuldigungsgrund noch mehr Pillen einzuwerfen. Aber hinterher dann Jammern und Klagen, wenn es doch mal schiefläuft.
sawn1979 17.12.2015
5.
Das Risiko ist nicht sehr hoch, aber ich frage mich, warum es mindestens 3 Pillen gibt, bei denen das Risiko noch nicht einmal bekannt ist. Wie kann eine Pille überhaupt zugelassen werden, wenn das Risiko völlig unklar ist? Und da diese Pillen sicher nicht erst im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen sind und das Problem schon eine Weile bekannt ist, frage ich mich, warum niemand sich darum kümmerte, dieses Risiko zu erforschen? Wäre das nicht eine Pflicht der Behörden, sofort solche Risikostudien durchzuführen oder in Auftrag zu geben?
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