Prozess gegen Bayer Gericht rät zu Vergleich beim Streit um die Antibabypille

Hat eine Nebenwirkung der Antibabypille Felicitas Rohrer fast das Leben gekostet? Ein Gerichtsgutachter hält das für sehr wahrscheinlich. Ob diese Einschätzung bei einem Urteil reichen würde, ist jedoch fraglich.

Felicitas Rohrer 2015 bei einem Gerichtstermin
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Felicitas Rohrer 2015 bei einem Gerichtstermin


Es ist neun Jahre her, dass die damals 25-jährige Felicitas Rohrer eine Lungenembolie und einen Herzstillstand erlitt und reanimiert werden musste. Weil sie davon überzeugt ist, dass der lebensbedrohliche Notfall als Nebenwirkung der Antibabypille "Yasminelle" auftrat und der Hersteller Bayer nicht ausreichend vor den Risiken warnt, hat sie den Pharmakonzern verklagt.

Jetzt hat das Landgericht Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg) die Kontrahenten zu einer Einigung aufgerufen. Der Fall sei komplex und schwierig, sagte die Vorsitzende Richterin Claudia Jarsumbek am Donnerstag. Ein Vergleich vor Gericht oder eine außergerichtliche Einigung seien die beste Lösung. Dafür bestehe Zeit bis zum 20. Dezember. Sonst drohe ein Prozess, der noch Jahre dauern könne.

Das Gericht hatte zuvor einen Gutachter zu dem Fall gehört. Dieser sollte erläutern, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und der Lungenembolie gab. Die lebensgefährliche Krankheit der Frau sei mit großer Wahrscheinlichkeit auf die vorherige Einnahme der Pille zurückzuführen, sagte der Mediziner. Andere Ursachen seien sehr unwahrscheinlich. Sie könnten jedoch nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden.

Nach dem Gutachten blieben viele Fragen offen, sagte die Richterin. Es gebe viele Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheiten. Es gehe um komplizierte juristische und medizinische Fragen. Diese könnten nur schwer eindeutig beantwortet werden.

Rohrer und ihr Anwalt Martin Jensch könnten sich eine Einigung vorstellen, wie sie bei dem Gerichtstermin erklärten. Bayer-Rechtsanwalt Henning Moelle hingegen sieht derzeit keine Grundlage für eine Einigung oder einen außergerichtlichen Vergleich.

Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 200.000 Euro

Schon jetzt zieht sich der Prozess über Jahre hin. Bereits im Dezember 2015 hatte es den ersten und bis zu diesem Donnerstag einzigen Verhandlungstermin gegeben. Das Gericht beauftragte nach der Verhandlung damals den medizinischen Experten, der nun seine insgesamt drei Gutachten erläuterte.

Die aus Baden-Württemberg stammende Rohrer fordert von Bayer Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 200.000 Euro. Sie leidet nach eigenen Angaben noch heute unter den Folgen der Embolie und dürfe nicht schwanger werden, weil sie dauerhaft Blutverdünner nehmen müsse.

Die 34-Jährige macht den Pillen-Wirkstoff Drospirenon für ihre gesundheitlichen Probleme verantwortlich. Um auf die Gefahren durch hormonelle Verhütung aufmerksam zu machen, hat sie gemeinsam mit drei anderen Thrombose-geschädigten Frauen die Initiative "Risiko Pille" ins Leben gerufen. Inzwischen wird bei Präparaten, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, deutlicher auf das Risiko hingewiesen.

Was Sie über die neuen Antibabypillen wissen müssen, erfahren Sie hier.

Bayer halte die in der Klage geltend gemachten Ansprüche für unbegründet, so Moelle. Es gebe keine Beweise, dass die Antibabypille für die gesundheitlichen Probleme der Klägerin verantwortlich sei. Die Pillen der Produktgruppe werden nach Darstellung von Bayer täglich millionenfach in mehr als 100 Ländern eingenommen.

Insgesamt ist die Gefahr gering, durch hormonelle Verhütung eine Thrombose zu entwickeln. Ein 2014 veröffentlichter Rote-Hand-Brief nennt folgende Zahlen zum Pillen-Risiko:

Risiko tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien bei Einnahme von Pillen mit folgenden Gestagenen (kombiniert mit Östrogen)

Gestagen Geschätze Fälle pro 10.000 Frauen pro Jahr
Nichtschwangere, die keine Pille nehmen 2
Levonorgestrel 5 bis 7
Norgestimat 5 bis 7
Norethisteron 5 bis 7
Etonogestrel 6 bis 12
Norelgestromin 6 bis 12
Drospirenon 9 bis 12
Desogestrel 9 bis 12
Gestoden 9 bis 12
Chlormadinonacetat noch unklar
Dienogest noch unklar
Nomegestrolacetat noch unklar

Bereits in fünf Prozessen in Deutschland, in denen es um den umstrittenen Wirkstoff gegangen sei, habe Bayer gesiegt, betonte das Unternehmen. In den USA hatten laut Bayer mehrere Tausend Frauen gegen das Unternehmen geklagt. Bis Oktober 2016 schloss der Konzern den Angaben zufolge mit rund 10.600 Frauen Vergleiche von insgesamt rund 2,1 Milliarden US-Dollar ab, ohne jedoch eine juristisch wirksame Verantwortung anzuerkennen. Weitere Klagen und Forderungen von Frauen würden noch geprüft, hieß es.

hei/irb/dpa

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super-m 19.10.2018
1.
"Der Fall sei komplex und schwierig". Also besser gar nicht erst verhandeln, damit sich die bemitleidenswerten Richter gar nicht erst ihr Köpfchen zerbrechen müssen.
dasfred 19.10.2018
2. Muss wohl am Längengrad liegen
Je weiter vom Null Meridian, umso größer die Chance, vom Hersteller entschädigt zu werden. Egal ob Auto oder Medikamente, der Verbraucherschutz ist doch extrem unterschiedlich.
kratzdistel 19.10.2018
3. hatten wir eine elektronische patientenakte, dann
könnte verifiziert werden, ob Brustkrebs bei einnahme der pille auffällig gestiegen ist. Hydrochlorothiazid - Risiko von nichtmelanozytärem Hautkrebs [Basalzellkarzinom (Basaliom); Plattenepithelkarzinom der Haut (Spinaliom)] das ist in einer neuen Studie aus skandinavien im roten-Hand-Brief. ob das entwässerungsmittel zur blutdrucksenkung tatsächlich weißen hautkrebs verursacht hat, ist nicht wissenschaftlich zweifelsffrei bewiesen. jetzt wird wohl der beipackzettel geändert , aber mehr wohl nicht, ist das Diuretika in Kombination mit valsartan doch schon zwei Jahrzehnte erfolgreich in der Anwendung. aber ex post lässt sich das in deutsdchland nicht feststellen, da es keine digitalisierte Erfassung der patientendaten gibt. es gibt nunmal überlagende, beschleunigte Kausalitäten. auch bei Darmkrebs kann z.b. Lungenembolie vorliegen. es liegt nicht am gericht, sondern die eindeutigen beweise müssen die klägerinnen im zivilprozess erbringen und nicht das gericht. der vom gericht beauftragte sachverständige gilt nur nicht als befangen und nicht partei
Patg82 20.10.2018
4. Gefahr der Pille
Im Beipackzettel wird doch, zumindest bei den allermeistem Anti-Baby-Pillen, explizit erwähnt, dass es zu einer Thrombose, insbesondere der Beinvenenthrombose kommen kann, welche ja im direkten Zusammenhang mit einer Lungenembolie steht. Es wird also darauf hingewiesen, welche Gefahren die Pille mit sich bringt, dabei ist es klar, dass man hier besonders aufpassen muss und evtl. auf die Symptome achten müsste. Lieber für Primärprävention sorgen statt Tertiäre.
anmaki 20.10.2018
5. Gleiche Erfahrung
2010 habe ich ebenfalls eine beidseitige Lungenembolie aufgrund einer Immobilität in Kombination mit der Yasminelle erlitten. Obwohl ich Blutverdünner genommen habe und ärztlich betreut wurde. Ich muss jetzt ständig Kompressionsstrümpfe tragen. Ich kann Frauen nur abraten die Pille leichtfertig einzunehmen!
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