Angst vor HIV-Übertragung US-Behörde will Blutspendebann für Schwule lockern

Ein Mann, der einmal Sex mit einem Mann hatte, darf in den USA nie wieder Blut spenden. Das soll sich jetzt ändern. Vielen gehen die Pläne der Behörden trotzdem nicht weit genug.

Blutkonserve in einem OP-Saal: Blutspenden können Leben retten
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Blutkonserve in einem OP-Saal: Blutspenden können Leben retten


Washington - Wer Blut spenden möchte, muss erst mal eine prekäre Frage beantworten, sinngemäß: Hatten Sie schon einmal Sex mit einem Partner desselben Geschlechts? Bejahen Männer die Frage, können sie in den USA - wie auch in Deutschland - unverrichteter Dinge wieder gehen. Die Behörden wollen ihr Blut nicht - unabhängig davon, wann der Kontakt stattgefunden hat, wie häufig, und wie gut sich die Partner geschützt haben.

Das soll sich in den USA in Zukunft ändern: Die Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) kündigte am Dienstag an, neue Empfehlungen für die Blutspende Schwuler und Bisexueller herauszugeben. Demnach soll ein Einjahres-Verbot den lebenslangen Bann ersetzen. Sind nach dem sexuellen Kontakt mehr als zwölf Monate verstrichen, soll eine Spende wieder möglich sein. Aktivisten geht das nicht weit genug.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der lebenslange Blutspendebann für homosexuelle und bisexuelle Männer längst überholt, wie unter anderem die American Medical Association (AMA) erklärte. Er wurde in den USA 1983 eingeführt, nachdem bekannt wurde, dass das HIV-Virus mit Blut weitergegeben werden kann. Da sich Männer, die Sex mit Männer haben, besonders häufig infizieren, sollte das Verbot die Empfänger von Spenden schützen.

HIV-Nachweis: Zehn Tage nach der Ansteckung

Seitdem hat sich nicht nur beim Verständnis der Krankheit, sondern auch bei der Entwicklung von HIV-Tests viel getan. Heute wird jede Blutspende in den USA - und auch in Deutschland - standardmäßig auf das Virus geprüft. Neben einer geringen Fehlerrate der Tests gibt es dabei nur eine Unsicherheit: Zwischen Ansteckung und Blutabgabe müssen zehn Tage vergehen, damit das Virus zuverlässig erkannt wird. Mehr aber nicht.

Aus diesem Grund halten Schwulenverbände auch den aktuellen Vorstoß der US-Behörde für längst überholt. "Manche denken, dass die Regelung ein Schritt vorwärts ist, aber tatsächlich ist die Forderung nach Keuschheit für ein Jahr nichts anderes als ein lebenslanger Bann", erklärte Gay Men's Health Crisis, eine Organisation in New York, die sich unter anderem für Aids-Prävention einsetzt, nach der Erklärung der FDA.

"Die neue Regelung ist vor dem Hintergrund aktueller Forschung und neuen Technologien zum Blut-Screening nicht gerechtfertig", kritisierte auch David Stacy von Human Rights Campaign die Pläne, dem größten US-Schwulenverband. Der stellvertretende Direktor der FDA, Peter Marks, hingegen begründete die Entscheidung zur Einjahresfrist mit Erfahrungen aus Australien.

Italien: Regelung ohne Diskriminierung

Dort wurde der lebenslange Bann bereits vor mehr als einem Jahrzehnt in eine zwölfmonatige Frist umgewandelt. An der Sicherheit der Blutkonserven hat sich seitdem nichts geändert, wie mehrere Studien zeigen. Wie sich ein noch kürzeres Verbot auswirke, sei hingegen noch nicht ausreichend untersucht worden, so Marks. Die FDA will ihre neuen Empfehlung Anfang 2015 offiziell verkünden, nach einer Frist für offizielle Stellungnahmen sollen sie dann in Kraft treten.

Auch in Deutschland debattieren Politiker, Schwulenverbände und Behörden aktuell über den lebenslangen Ausschluss homosexueller und bisexueller Männern vom Blutspenden - noch allerdings hat sich nichts geändert. Wie eine mögliche Regelung ganz ohne eine Diskriminierung aussehen könnte, zeigt Italien. Dort werden Menschen mit vormals wechselnden Sexualpartnern zur Blutspende zugelassen, sobald sie seit mehr als vier Monaten in einer festen Partnerschaft leben. Zwischen Homo- und Heterosexuellen unterscheiden die Behörden dabei nicht.

In den USA machen Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, rund zwei Prozent der Bevölkerung aus. Auf ihre Gruppe entfallen jedoch auch 62 Prozent der Neuansteckungen mit HIV. In Deutschland werden dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge etwa 75 Prozent der HIV-Neuinfektionen bei Männern registriert, die Sex mit anderen Männern hatten.

irb/AP

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