Sexualität: Wenn Frau nicht kann

Von Jana Hauschild

Seit Viagra ist die Flaute im Bett für viele Männer kein Tabu mehr. Frauen mit sexuellen Funktionsstörungen aber verschweigen oft ihr Leid. Dabei sind sie häufiger betroffen als Männer - und die Probleme meist leicht zu lösen.

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Frust im Schlafzimmer: Manchmal kann schon ein Gespräch helfen

Keine Lust, Schmerzen oder kein Orgasmus: Die Sexualität von Frauen ist störanfällig. Dennoch reden nur wenige offen darüber - selbst beim Frauenarzt. Vor allem zur mangelnden Lust bekennen sich Frauen offenbar ungern, wie eine Studie mit knapp 4500 Teilnehmerinnen aus Sachsen-Anhalt zeigt. Sechs von zehn Befragten berichteten von Problemen im Zusammenhang mit ihrer Sexualität. Doch nur die Hälfte brachte das Thema beim Gynäkologen zur Sprache, schreiben die Autoren um den Magdeburger Frauenarzt Hans-Joachim Ahrendt in der Fachzeitschrift "Sexuologie".

Schmerzen und Blutungen beim Geschlechtsverkehr thematisierten die meisten noch von sich aus. Libidoprobleme hingegen wurden in der Regel erst zum Thema, wenn der Arzt nachfragte - obwohl das Problem weit verbreitet ist. Die fehlende Lust betrifft jede vierte Frau, die von Problemen beim Sex berichtet. Die Ursachen dafür seien sehr individuell, sagt Gynäkologin Anneliese Schwenkhagen, die im Hormonzentrum in Hamburg arbeitet.


Aus diesen Gründen kann die Lust beim Sex ausbleiben:

  • Neben zu viel Stress können Probleme im nahen Umfeld und der Partnerschaft zur Unlust beitragen. Zu viele Erwartungen an den Akt oder Druck vom Partner verunsichern schnell und schmälern das Bedürfnis nach sexueller Nähe. "Vor allem zu wenig Zeit für die Beziehung ist ein Liebeskiller - ebenso wie der Fernseher im Schlafzimmer", sagt Schwenkhagen.
  • Das Lustempfinden ist auch vom Hormonhaushalt und damit vom Zyklus abhängig. Zudem gibt es Lebensphasen, in denen Frauen weniger der Sinn nach Sexualität steht - etwa während oder direkt nach einer Schwangerschaft. Auch in den Wechseljahren sinkt bei vielen das Interesse an Körperlichkeiten.
  • Medikamente können die Libido hemmen, darunter fallen Beruhigungsmittel, Antidepressiva und Arzneien gegen Bluthochdruck. Kortison und einigen Mitteln gegen Magen-Darm-Beschwerden wird der Effekt auch nachgesagt, ebenso der Antibabypille.
  • Schließlich können auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr die Lust dämpfen. Auch dafür gibt es diverse Auslöser. In den meisten Fällen findet sich eine körperliche Ursache. Entzündungen oder kleine Risse in der Schleimhaut der Scheide verursachen ein unangenehmes Brennen, Drücken oder Ziehen ebenso wie verwachsenes Scheidengewebe nach einer Operation. Mangelnde Erregung und eine zu trockene Scheide trotz Lust können ebenfalls zu Schmerzen beim Geschlechtsakt führen.

Ebenfalls zu den typischen Problemen zählt das Ausbleiben eines Orgasmus, auch wenn das Thema langsam in den Hintergrund rückt: "Durch die Aufklärung wissen Frauen inzwischen, dass meist nur eine Erregung der Klitoris zum Höhepunkt führt", sagt Schwenkhagen. Sex ohne Orgasmus ist laut Experten auch keine typische Störung. Manche Frauen erreichen oft nur die Plateauphase und selten die anschließende Hochphase, also den Orgasmus.

"Spontane Lust gibt es nur unter frisch Verliebten"

Zwar bedeutet nicht jede sexuelle Flaute, dass die eigene Sexualität gestört ist. Wenn die Unlust, Schmerzen oder andere Probleme in der Sexualität jedoch langfristig auftreten und Leid verursachen, sollten Frauen dringend reagieren. Bei vielen genügt schon eine Beratung beim Frauenarzt. Oftmals stellt sich heraus, dass bestimmte Sexstellungen die Schmerzen verursachen, tägliche Medikamente hinter der Unlust stecken oder die Partnern sich zu wenig über ihre Wünsche austauschen.

Frauen sollten sich Schwenkhagen zufolge am besten selbst befragen: Worauf habe ich Lust und worauf nicht? Wann hat mein Problem angefangen? Was würde passieren, wenn sich das Problem löst? Was ist meine Theorie, warum etwas im Bett falsch läuft? Diese Fragen könnten oftmals schon zu einer Lösung des Problems hinführen.

Neben dem offenen Gespräch mit dem Partner sei auch Gelassenheit hilfreich: "Spontane Lust gibt es eben nur unter frisch Verliebten. Bei allen anderen entsteht sie oft erst, wenn man aktiv wird." Schwenkhagen vergleicht das gerne mit dem Gang zu einer Party: Es ist Freitagabend und man ist total geschafft, aber eine Freundin feiert. Man könnte absagen - oder sich schick machen und hingehen. Und auch dort muss man sich entscheiden: Steht man passiv und griesgrämig in der Ecke und wartet auf gute Unterhaltung, oder ergreift man selbst die Initiative zu Gesprächen und Tanz? "Genauso ist es beim Sex", sagt sie.

"Die meisten wünschen sich eine Wunderpille"

"Die meisten wünschen sich eine Wunderpille, die alles wieder gutmacht", sagt Schwenkhagen. Daran werde zwar geforscht. Doch wenn die Ursache ein Konflikt zwischen den Partnern oder Dauerstress im Alltag ist, wird die Arznei nichts ändern. Ist der Kern des Problems komplex oder das Leid groß, kann auch eine Psycho- oder eine Paartherapie helfen. Darin können Schamgefühle abgebaut und Ängste oder Beziehungskonflikte bearbeitet werden.

Außerdem gibt es speziell ausgebildete Psychotherapeuten, die eine Sexualtherapie anbieten. Die Paare sprechen dort gezielt über ihre Sexualität und sollen zu Hause praktische Übungen durchführen, um ihr sexuelles Miteinander zu verbessern. Die Erfolgsquoten liegen sehr hoch. Bei manchen Paaren genügen fünf bis zehn Sitzungen, bis das Problem gelöst ist.

Bislang nehmen jedoch wenige Frauen diese Möglichkeiten wahr. Von den 2700 Frauen, die in der Studie aus Sachen-Anhalt über sexuelle Probleme klagten, wurde knapp 150 eine weiterführende Behandlung empfohlen. Nur 28 nahmen diese in Anspruch.

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  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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