Neues Mittel Flibanserin Lustpille für Frauen - was man wissen sollte

In den USA kommt ein Medikament auf den Markt, das Frauen helfen soll, ihre sexuelle Lust zu steigern. Doch die Pille ist umstritten. Was bringt das neue Mittel?

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Rosa Pille: Gefährlich wird es in Kombination mit Alkohol
REUTERS/Sprout Pharmaceuticals

Rosa Pille: Gefährlich wird es in Kombination mit Alkohol


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Die neue rosa Pille gilt als "Viagra für Frauen" - doch die Bezeichnung ist ein bisschen missverständlich. Der Viagra-Wirkstoff Sildenafil hilft nach, wenn der Mann Lust hat, aber der Körper nicht mitspielt; das Mittel verstärkt die Erektion. Das jetzt in den USA zugelassene Flibanserin wirkt dagegen auf Botenstoffe im Gehirn: So soll es die sexuelle Lust befördern.

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat Flibanserin jetzt zugelassen. Zweimal - 2010 und 2013 - war der Antrag abgelehnt worden, nun schließlich hatte Hersteller Sprout Pharmaceuticals Erfolg. "Addyi" soll das Präparat heißen, wenn es voraussichtlich im Oktober auf dem Markt kommt.

Für wen soll das Mittel interessant sein?

Die FDA hat Flibanserin für Frauen vor der Menopause zugelassen, die unter einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden ("HSDD", kurz für Hypoactive Sexual Desire Disorder). Es muss ausgeschlossen werden, dass sich die Lustlosigkeit durch Lebensumstände, wie etwa Schwangerschaft und Stillzeit, Krankheiten, Medikamenteneinnahme oder auch durch eine unglückliche Partnerschaft erklären lässt.

Wie viele Frauen sind betroffen?

Laut Umfragen in den USA etwa 8 bis 14 Prozent der Frauen zwischen 20 und 49 Jahren. Allerdings ist die Diagnose umstritten. Viele Experten sagen, ein niedriger Sexualtrieb sei keine Krankheit.

Im renommierten "British Medical Journal" beschrieb Ray Moynihan im Jahr 2003 die Sexualstörung der Frau als das jüngste Beispiel für das Erfinden einer neuen Krankheit durch Konzerne. 2010 resümierte er, wie die Industrie Umfragen förderte, um das Problem als weitreichend darzustellen, und wie sie half, die Diagnostik zu entwickeln, mit der "Frauen überzeugt werden, dass ihre sexuellen Probleme einen medizinischen Namen brauchen und einer Behandlung bedürfen".

Die FDA sieht HSDD dagegen als eine Diagnose, für die man dringend Behandlungsmöglichkeiten entwickeln müsste.

Welche Ergebnisse brachten die Zulassungsstudien?

Die Entscheidung der FDA fußt auf mehreren Studien, in denen die Probandinnen entweder Flibanserin oder ein Placebo einnahmen. Abgefragt wurde, wie oft die Frauen befriedigenden Sex erlebten (per Tagebucheintrag) und wie oft sie sexuelle Lust verspürten. Zudem wurde erfasst, wie stark sie unter der Lustlosigkeit litten.

In den ersten zwei eingereichten Studien zeigte sich zwischen der Placebo-Gruppe und jenen Frauen, die Flibanserin einnahmen, nur ein Unterschied hinsichtlich der befriedigenden sexuellen Aktivität. Erst in der dritten gab es auch bei den anderen beiden Punkten Verbesserungen gegenüber dem Placebo.

Im Schnitt berichteten die Frauen zum Studienstart von 2,7 befriedigenden sexuellen Erlebnissen pro Monat. In der Placebo-Gruppe stieg die Anzahl in der letzten Studie um 1,5 - in der Flibanserin-Gruppe um 2,5.

Insgesamt ist die Wirksamkeit von Flibanserin eher gering - worauf auch das zweimalige Ablehnen der Zulassung deutet.

In den Zulassungsstudien half das Mittel rund 40 bis 60 Prozent der damit behandelten Frauen. Der Beipackzettel soll laut FDA den Hinweis enthalten, das Medikament abzusetzen, wenn nach zwölf Wochen kein Effekt zu bemerken ist.

Wie wirkt Flibanserin?

Flibanserin wirkt auf die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Der Wirkstoff wurde ursprünglich vom Pharmakonzern Boehringer Ingelheim als Antidepressivum getestet, später übernahm ihn das US-Unternehmen Sprout Pharmaceuticals. Das Mittel soll für die nun zugelassene Therapie täglich eingenommen werden.

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

Schwindel, Übelkeit, Schläfrigkeit, Erschöpfung: Darüber klagten jeweils zehn bis elf Prozent der Frauen, die Flibanserin einnahmen. In der Placebo-Gruppe haben nur zwischen zwei und fünf Prozent mit diesen Problemen zu kämpfen. Auch Schlaflosigkeit, ein trockener Mund und Angstgefühle traten mit dem Medikament häufiger auf.

Der Wirkstoff kann in Kombination mit bestimmten anderen Medikamenten und Alkohol gefährlichere Nebenwirkungen haben. In den USA wird "Addyi" deshalb mit einer Warnung versehen. Blutdruckabfälle bis zur Ohnmacht drohen, sollten Frauen die betreffenden anderen Medikamente einnehmen oder Alkohol trinken.

Im Bericht der FDA zur Zulassung ist unter anderem zu lesen: "Die Sicherheit von Flibanserin wird verbessert, wenn es zur Zubettgehzeit von Patientinnen genommen wird, die wissen, dass der Wirkstoff Schwindel, niedrigen Blutdruck und Ohnmacht auslösen kann." Von einer Einnahme am Tage wird abgeraten. Ärzte sollen geschult werden, bevor sie das Präparat verschreiben.

Anders formuliert: Es gibt ernste Nebenwirkungen.

Muss das sein?

Zuerst muss man sich die Frage stellen, wann ein geringer Sexualtrieb einer Behandlung bedarf. So sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Uwe Hartmann: "Aus meiner Erfahrung leiden die meisten Frauen gar nicht unter ihrer Unlust. Sie kommen zu mir, weil sie Sorge haben, dass ihre Beziehung an der Flaute im Bett zerbricht."

Bisher wird Betroffenen eine Psychotherapie angeboten. Muss es tatsächlich sein, dass in einer Beziehung einer von beiden Medikamente nimmt, nur weil beide unterschiedlich oft Lust verspüren?

Anschließend muss man sich fragen: Wenn schon behandeln, dann wirklich mit diesem Medikament, dass neben einer bescheidenen Wirksamkeit ernsthafte Nebenwirkungen mit sich bringen kann?

Zusammengefasst: Die FDA hat Flibanserin, Markenname Addyi, für die Behandlung sexueller Lustlosigkeit von Frauen zugelassen. Das Mittel hat eine geringe Wirksamkeit und kann insbesondere in Kombination mit Alkohol ernsthafte Nebenwirkungen haben, weshalb dieser Schritt kritisiert wird. Inwieweit ein geringer Sexualtrieb überhaupt behandelt werden muss, ist zudem umstritten.

Mit Material von AP



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