HIV in China Wie sexuelle Tabus schaden

Immer mehr Männer in China leben ihre Homosexualität aus - darüber gesprochen wird jedoch nicht. Die Folge: Die Zahl der HIV-Infektionen steigt rasant an. Auch junge Frauen werden Opfer der fehlenden Aufklärung.

Feierbild in Peking (Archiv)
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In Pekings Ausgehviertel Sanlitun weht in einer Seitenstraße eine Flagge im Winterwind. Sie zeigt die Regenbogenfarben, das Symbol für Homo-, Bisexuelle und Transgender. In China ist zwar sichtbar, dass die Gesellschaft sich schüchtern für mehr sexuelle Vielfalt öffnet. Die Aufklärung junger Menschen über die Gefahren, die Sex mit sich bringen kann, ist jedoch mangelhaft. Die Folge: Die Zahl der HIV-Infektionen bei jungen Männern steigt an.

In Chinas Großstädten sind bereits etwa zehn Prozent der Männer, die Sex mit Männern haben, mit dem HI-Virus infiziert. 2015 lag die Zahl nach Angaben der Organisation noch bei rund acht Prozent, schätzt der Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in China, Bernhard Schwartländer.

Mit rund 577.000 Betroffenen bei rund 1,4 Milliarden Einwohnern ist die Zahl der HIV-Infektionen in China zwar insgesamt noch relativ gering. Anders als in westlichen Ländern beginnt sie in besonders gefährdeten Gruppen, wie bei homosexuellen Männern, aber gerade erst zu steigen.

Hukou-System erschwert Behandlung

Schwartländer geht davon aus, dass die Zahl der Männer, die Sex mit anderen Männern haben, weiter zunehmen wird - und damit auch die Zahl der Infektionen. Gleichzeitig ist Sex zwischen Männern nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Fast zwei Drittel der Männer geben an, das HI-Virus beim Sex von einer Frau übertragen bekommen zu haben. Das zeige, dass Homosexualität immer noch stigmatisiert werde, sagt Schwartländer. China hinke bei der Thematik um fast 30 Jahre hinterher.

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Neue Zensurmaßnahmen: Sex in China

Dass Aids so sehr mit Homosexualität verbunden wird, führt zudem dazu, dass die Krankheit in der sexuellen Aufklärung an Schulen und Universitäten kaum thematisiert wird. Dabei ist gerade unter Schülern und Studenten die Zahl der HIV-Infizierten in den vergangenen fünf Jahren um 35 Prozent gestiegen, wie das chinesische Zentrum zur Kontrolle und Prävention von Aids und Geschlechtskrankheiten berichtet. Auch hier sind nach WHO-Angaben etwa 80 Prozent der Betroffenen männlich.

Hinzu kommt eine problematische Versorgung der Patienten. Das Hukou-System erlaube Chinesen medizinische Behandlungen nur an dem Ort, an dem sie geboren wurden und ursprünglich gemeldet sind, kritisiert ein früherer Mitarbeiter einer Aids-Organisation aus Nordchina. Nach einem Umzug sei es schwer, an Medikamente zu kommen, erklärt der Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Wer zum Beispiel vom Land nach Peking zieht, bekommt dort nur eine Behandlung, wenn er bestimmte Dokumente vorweisen kann.

Rund 13 Millionen Abtreibungen pro Jahr

Bei jungen Frauen führe die mangelnde sexuelle Aufklärung zu einem weiteren Problem, erklärt WHO-Vertreter Schwartländer: "Es gibt rund 13 Millionen Abtreibungen pro Jahr in China." Jede fünfte sexuell aktive junge Frau in China unterzieht sich der Prozedur mindestens einmal in ihrem Leben. Mindestens ein Drittel der Chinesen benutzt nach WHO-Angaben beim ersten Sex keine Verhütungsmittel. "Da sie die richtigen Informationen aber nicht bekommen, können sie gar nicht verantwortungsbewusst handeln", sagt Schwartländer.

In den Elternhäusern werde das Thema Sex so gut wie nie angesprochen. Und an öffentlichen Schulen gebe es so gut wie gar keinen Aufklärungsunterricht, sagt Xiong Jing, Direktorin vom Women's Media Monitor Network, das sich in China für geschlechtliche Gleichberechtigung in den Medien einsetzt. "Die Lehrer haben vielleicht Bedenken, dass ihre Schüler zu früh Sex haben, wenn sie mit ihnen darüber sprechen."

Dabei gebe es vor allem im Internet jede Menge Informationen über Sex - nur eben nicht immer die richtigen oder besten, sagt Jing. So kursieren in chinesischen sozialen Netzwerken immer wieder Gerüchte, die Antibabypille wirke nicht wirklich oder beeinflusse die Gesundheit negativ. Jing fordert, dass Aufklärung ein Bestandteil des Schulunterrichts wird. Denn vor allem männliche Schüler würden in China mit diesem Thema fast gar nicht in Berührung kommen.

Von Amelie Richter, dpa/irb



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